Eschweiler - Unterricht am Bahndamm: Wo Blumenpflücken tödlich enden kann

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Unterricht am Bahndamm: Wo Blumenpflücken tödlich enden kann

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Unterricht direkt an der Bahnlinie Aachen-Köln. Polizeihauptmeister Manfred Breuer und Klassenlehrerin Christina Schmidt mit den Kindern der Klasse 2a der Grundschule Bergrath. Ihr Thema: Der Bahndamm ist kein Spielplatz - und auch kein Platz zum Blumenpflücken.

Eschweiler. Blumen für den Muttertag hatten sie pflücken wollen, die Kinder aus der Grundschule Bergrath. Auf der Wiese neben der Schule wachsen dicht am Bahndamm Klatschmohn und Kamille. Nur ein paar Schritte sind es von dort bis zu den Gleisen, und ein paar neugierige Kinder kletterten hinauf. Ein Zugführer sah sie direkt an den Schienen, löste eine Schnellbremsung aus. Zum Glück passierte nichts Schlimmeres, aber die Strecke Aachen-Köln war für längere Zeit gesperrt.

Das war am 7. Mai. Am Mittwoch heißt das Unterrichtsthema für die Zweitklässler der Bergrather Schule „Der Bahndamm ist kein Spielplatz”. Polizeihauptmeister Manfred Breuer von der Bundespolizei (dem früheren Bundesgrenzschutz) erzählt den Mädchen und Jungen, was alles passieren kann, wenn man aus Leichtsinn, Gedankenlosigkeit oder falsch verstandenem Mut den Bahnanlagen zu nahe kommt. Da sind teure Zugverspätungen noch das geringste. „Spielen an der Bahn ist lebensgefährlich!” Der Unterricht endet mit einer Besichtigung des „Tatorts”, dicht an der neuen Brücke über die Feldenendstraße.

„Die meisten von euch haben ja nicht gewusst, wie gefährlich das ist!”, tröstet Breuer die Kinder, die nach dem Zwischenfall am 7. Mai von zwei seiner Kollegen zurück zur Schule gebracht worden waren. Aber nach diesen zwei Schulstunden am Mittwoch wissen die Kinder es sehr genau. Nämlich wie gefährlich? Da fliegen die Finger nach oben: „Lebensgefährlich!”

Gerade auf so einer kurvenreichen Bahnstrecke wie bei Bergrath. Der Zugführer kann ja gar nicht mehr rechtzeitig anhalten, wenn er ein Kind auf den Schienen sieht. Bremsweg 1000 Meter bei Tempo 100 - bis der Zug steht, ist die Lokomotive schon in Nothberg.

Manfred Breuer, der selber in Bergrath wohnt, benennt die Folgen so einer Schnellbremsung Punkt für Punkt. Wie die Fahrgäste im Zug durcheinander purzeln, wie Limoflaschen durch den Waggon fliegen. Platzwunden, Knochenbrüche. Dass die Strecke für meist eine Stunde gesperrt ist. Wie viele Züge Verspätung haben. Und was das kostet! 200 bis 300 Euro pro Minute Verspätung - pro Zug. „Und wer bezahlt das?” Die Finger gehen wieder nach oben: „Die Versicherung”. „Die Gesellschaft”. Brecher schüttelt den Kopf: „Nein, die Eltern!” 150.000 bis 200.000 Euro - das hat schon Familien ruiniert.

Tödliche Stromschläge

Mehrere Szenen geht der Bundespolizist mit den Kindern durch. Zum Beispiel die gefährliche Mutprobe, Schottersteine auf die Schienen zu legen. Breuer erzählt von einem Kind, das von einem wegspritzenden Steinsplitter am Kopf getroffen wurde und schwere Gehirnverletzungen erlitt.

Extrem gefährlich sind die Oberleitungen. „Der Elektrozaun um eine Kuhweide hat neun bis zwölf Volt, und das kribbelt schon ordentlich. In der Steckdose sind 220 Volt, die können bereits tödlich sein. Aber in einer Oberleitung sind 15.000 Volt!” Bereits in einer Entfernung von zwei Metern kann der Strom von der Leitung in den Körper überschlagen - und das überlebt fast niemand.

Eindringlich warnt der Bundespolizist davor, Gleisanlagen zu überqueren, um Wege abzukürzen. „Der längere Weg ist der sichere Weg” - den Spruch kennen sogar schon die Zweitklässler.

Breuer spricht auch von den psychischen Folgen, die es für Lokführer „und auch für uns Polizisten” hat, wenn man die Überreste von Menschen bergen muss, die von einem Zug überfahren wurden. Sehr ernst schaut er in die Runde der Mädchen und Jungen: „Ich möchte keinen euch so wiedersehen!”

Bälle nicht zurückholen

Eine besondere Gefahr gibt es noch an der Grundschule Bergrath, und ihr widmet sich Manfred Breuer ausführlich. Direkt neben der Turnhalle und dicht an der Bahnlinie Aachen-Köln ist ein kleiner Fußballplatz im Streetsoccer-Format. Zwar über den Toren hoch eingezäunt, aber dennoch fliegen oft die Bälle hoch über die Zäune und bis auf die Bahnlinie.

„Ich bin sehr unglücklich mit der Planung”, sagt der Polizeihauptmeister. Zumal dort nicht nur die Kinder der Grundschule spielen, sondern viele Jugendliche und junge Erwachsene sogar mit Autos dort hin fahren, um heimlich zu trainieren.

Seine Mahnung an die Kinder: „Wenn ein Ball dort auf die Bahnlinie fliegt - holt ihn nicht zurück.” Ob die Kinder ihn verstanden haben? Ein Mädchen schnippst mit den Fingern: „Den Ball kann man neu kaufen, aber uns nicht!”
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