„Unglaublich, was diese Stadt auf die Beine stellt!“

Von: Rudolf Müller und Patrick Nowicki
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Blickt nach erfreulichen Nachrichten zum Jahresabschluss gelassen auf 2014: Bürgermeister Rudi Bertram. Foto: Rudi Müller

Eschweiler. Das Jahr 2013 neigt sich dem Ende entgegen, ein Jahr ohne große politische Aufreger oder wirtschaftliche Tiefschläge. Im Interview blickt Bürgermeister Rudi Bertram aber nicht nur zurück, sondern auch nach vorne. Er sieht viele Gründe, optimistisch zu sein.

Das vergangene Jahr, 2012, endete mit einer Hiobsbotschaft: dem Aus für das Kabelwerk an der Dürener Straße. 160 Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Wie hat die Stadt diesen Schlag weggesteckt?

Bertram: Die gute Nachricht, die mich vor wenigen Tagen erreichte, ist: Das Prysmian-Gelände ist verkauft. Ich habe ein gutes Gefühl: Die Triwo-AG vermarktet auch das ehemalige Philips-Gelände in Aachen und macht das sehr professionell. Seitens der Stadt habe ich dem Unternehmen alle denkbare Unterstützung zugesichert, um auf der Brache an der Dürener Straße wieder neue Industrie anzusiedeln. Von den 160 Mitarbeitern, die vor einem Jahr ihren Job verloren haben, haben übrigens zwischen 50 und 60 Prozent wieder eine Anstellung gefunden. Die meisten bei West Pharmaceutical. Dort sind in diesem Jahr 150 neue Arbeitsplätze entstanden.

Da dürfte Sie die Nachricht auch gefreut haben, dass das City-Center verkauft ist.

Bertram: Natürlich. Wobei man nun abwarten muss, was mit der Hertie-Immobilie geschieht. Aber wir wissen, dass es intensive Gespräche gibt. Der Investor hat gezielte Vorstellungen, was mit dem Gebiet passieren soll. Wir denken, dass wir recht zeitnah ein Konzept erhalten, das wir dem Rat vorstellen können.

Was ist Ihre größte Sorge für 2014?

Bertram: Dass all die Bemühungen, regional wie überregional, nicht zur Neusortierung der Kommunalfinanzen führen und wir trotz allem, was im Koalitionsvertrag steht, weiter ausbluten. Die Gewerbesteuer sprudelt zwar, aber unser System lässt uns davon nicht viel übrig. Von einer Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen bleiben im Stadtsäckel letztlich nur 300.000 Euro. Die dahinter steckende Systematik auch der Finanzierung der Städteregion muss geändert werden. Die Kritik daran kommt übrigens nicht nur von mir, sondern von allen Bürgermeistern.

Glauben Sie denn, dass sich an der Systematik etwas ändern wird?

Bertram: Da hilft nur stetiges Bohren. Dieses Fass muss aufgemacht werden. Die mangelhafte Kommunalfinanzierung ist ein NRW-Problem. Kommunen zum Beispiel in Bayern haben ganz andere Aufgaben; dort sind zum Beispiel nicht die Gemeinden Schulträger. Was aber auch heißt, dass die nicht den großen Einfluss auf die Schulen haben. Wir wollen beides: den Einfluss und eine bessere Finanzausstattung. Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir vieles vor Ort besser beurteilen können als die Bezirksregierung.

Apropos Schulen: Der Willi-Fährmann-Schule droht im Zuge der Inklusion das Aus. Dabei hat die Stadt dort viel Geld investiert. Was machen Sie mit dem Gebäude?

Bertram: Im Falle einer wirklichen Schließung gibt es die Möglichkeit, dort den VABW und die Fernuni innenstadtnah unterzubringen. Im Gegenzug können wir unser Gebäude an der Eichendorffstraße abreißen und erhalten so Bauland. Viele fordern immer wieder: Sparen, sparen, sparen. Wir gehen einen anderen Weg. Beispiel Inde­stadion: Dort haben wir eine Sportstätte geschlossen, um das Gelände zu einem Baugebiet zu entwickeln. Wir werden im Januar und Februar über einen Bebauungsplan reden. Dies sind Entwicklungen, die die Stadt benötigt.

Auch Fusionen von Sportvereinen, wie jetzt vom SV Nothberg und FC Preußen Hastenrath?

Bertram: Der Rat hat sich für einen Standort Hastenrath entschieden. Das spart Unterhaltkosten.

Und der Zuschuss für ein weiteres Kunstrasenspielfeld in Bergrath?

Bertram: Sie wissen, dass der Verwaltungsvorschlag keinen Zuschuss vorsah. Die Ratsmehrheit hat sich anders entschieden. Das Gefühl sagt mir auch, dass wir die Turnhalle an der Don-Bosco-Schule bauen werden.

Ihnen wird gerne vorgehalten, keinen Sparwillen zu zeigen...

Bertram: Ich habe als Amtsleiter 1998 schon gesagt, die Großsportanlage Dürwiß so nicht zu bauen. Wir haben das Weisweiler Hallen- und Freibad geschlossen. Man muss auch den Mut haben, mal Nein zu sagen. Wenn einem dies nicht genügt, muss man mal sagen, wo man konkret sparen soll. Soll ich dem Kinderschutzbund 150.000 Euro streichen, der für uns die Ganztagsbetreuung an einigen Schulen übernimmt? Wir haben auch eine andere Nutzung des Sportplatzes Röhe vorgeschlagen. Auch dort ist es anders gekommen.

Ist die Stadt überschuldet?

Bertram: Nein. Es wird immer nur über Schulden gesprochen. Aber dem stehen auch viele Werte gegenüber. Schauen Sie nach Eschweiler-Ost, wo wir 15 Millionen Euro investiert haben. Das ist Geld, das gut angelegt ist. Wir haben Millionen in Schulen gesteckt. Was man auch vergisst: Allein 2013 tilgen wir etwa fünf Millionen Euro Darlehen.

Am 25. Mai stehen Sie ein weiteres Mal zur Wahl. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, danach nicht mehr Bürgermeister zu sein?

Bertram: Zuerst einmal muss ich meinen Job machen. Ich werde einen sauberen Wahlkampf führen. Wir tauschen die Argumente aus und warten den 25. Mai ab. Was nicht heißt, dass ich die Wahl gelassen angehe. Ich nehme jeden Herausforderer sehr ernst, bin immer angespannt.

Was macht der Bürgermeister, wenn er mal nicht an die Stadt denkt?

Bertram: Das gibt’s nicht. Ich kenne keine Freizeit, in der ich nicht an die Stadt denke. Und moderne Kommunikationsmittel sorgen dafür, dass ich auch schon mal Mails zu unmöglichen Zeiten absetze. Aber so schlimm wie früher ist es nicht mehr. Im Februar lag ich zehn Tage im Krankenhaus, ohne Telefon, ohne Aktennotizen, ohne Kollegengespräche – und siehe da: Die Stadt stand! Auch ohne Rudi Bertram! Heute sehe ich vieles gelassener. Heute sage ich auch schon mal: lieber eine Nacht drüber schlafen und dann entscheiden.

Wenn Sie von Urlaub reden, bedeutet das Schwarzwald. Gibt es keine fernen Länder, die Sie entdecken möchten?

Bertram: Peking oder Südsee – da drängt mich nichts hin. Ich nutze den Urlaub zum absoluten Ausruhen. Wenn man weg ist, ist der Kopf schneller frei. Der Kontakt zum Rathaus beschränkt sich auf kurze Telefonate. Allerdings habe ich meiner Frau versprochen, mit ihr demnächst einmal die „andere“ Seite Mallorcas zu entdecken und die eine oder andere Städtereise zu unternehmen. Was ich inzwischen wieder betreibe, ist Jogging und Nordic Walking. Zwei- bis dreimal die Woche geht’s raus in den Wald. Das macht die Birne frei.

Könnten Sie einen Tag lang frei und allein entscheiden, was würden Sie als Erstes tun?

Bertram: Alle Leute dazu verpflichten, positiv über diese Stadt zu sprechen. Es ist unglaublich, was diese Stadt und ihre Menschen alles auf die Beine stellen! Ob Nachbarschaftshilfe, Sportvereine, Kindergruppen oder andere: Das Engagement für andere ist riesig. Ich wünsche allen Bürgern nicht nur aus diesem Grund ein gesundes und glückliches Jahr 2014!

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