Eschweiler - Um Meißel machen Mädels einen Bogen

Um Meißel machen Mädels einen Bogen

Von: Nicola Gottfroh
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Susanne Weiler fühlt sich in
Susanne Weiler fühlt sich in der Männerdomäne wohl: Als Dachdeckerin hat sie ihren Traumjob gefunden.

Eschweiler. Susanne Weiler steht ihren Mann - zumindest im Berufsalltag. Die junge Frau macht eine Ausbildung zur Dachdeckerin und hat damit ihren Traumberuf gefunden. Doch die 24-Jährige ist eine Ausnahme - die Realität auf deutschen Dächern sieht deutlich männlicher aus.

Auch in anderen klassischen Männerberufen ist die Frauenquote nicht bedeutend höher. Maler, Dachdecker, Installateur oder Schlosser - noch immer entscheiden sich hauptsächlich junge Männer für diese Berufe. Zwar soll bei Aktionen wie dem Girls Day mit den klischeehaften Rollenbildern aufgeräumt werden, doch herrschen in den Köpfen oft noch die traditionellen Bilder: Eine Frau pflegt Kranke und schneidet Haare, ein Mann baut ein Haus und schraubt an Autos.

Auch für Susanne Weiler stellte sich zunächst die Frage: Altenpflegerin oder doch lieber Dachdeckerin? Und tatsächlich machte sie ihre ersten Schritte im Berufsleben in der Altenpflege. Doch wirklich glücklich machte sie die Arbeit nicht. Und nach einem Praktikum in einem Dachdeckerbetrieb war für die 24-Jährige ganz klar, dass sie sich in dieser Männerdomäne deutlich wohler fühlt. Doch Susanne Weiler ist ein Einzelfall. Noch immer entscheiden sich junge Frauen eher für die „weiblichen Berufe”.

Siegfried Pietz ist Leiter des Berufsschulbereiches Handwerk und Dienstleister am Berufskolleg. Seit mehr als 20 Jahren unterrichtet er schon die Dachdeckerazubis - und die Zahl der weiblichen Lehrlinge, die in seiner Klasse die Schulbank drücken, ist nicht bedeutend gestiegen. „Die meisten Mädchen wollen diesen Beruf einfach nicht machen - ebenso wie andere vermeintlich männliche Handwerksberufe”, sagt er. Auch in Susanne Weilers Klasse ist sie mit nur zwei Mitstreiterinnen allein unter Männern. Und in den Klassen der Maler, Installateure und Schlosser zeichnet sich auch kein anderes Bild - die Frauenquote ist gering .

Dabei entschieden sich jedoch insgesamt wieder mehr Frauen für das Handwerk - wenn auch nicht für die klassisch männlichen Berufe, sagt Ralf Mader, Sprecher der Handwerkskammer für die Region Aachen: „Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der weiblichen Lehrlinge in der Region Aachen von 20,1 Prozent auf 21,9 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.”

Wie viele Frauen dabei jedoch den klassischen Männerberuf wählen, ist in den Statistiken der Handwerkskammer nicht erfasst. Doch klar ist: „Wenn Frauen sich für das Handwerk entscheiden, dann meist für die Gewerke, in denen Kreativität gefragt ist - also für Ausbildungen zur Friseurin oder bei den klassischen Männerberufen zur Tischlerin oder Kfz-Mechatronikerin”, sagt Ralf Mader. Aktionen wie der Girls Day seien aber keinesfalls vergebens, sagt Mader. Denn je mehr Mädchen die Möglichkeit wahrnehmen können, auch einmal in die untypischen Berufe hineinzuschnuppern, umso großer sei die Möglichkeit, dass sich eine dieser Frauen später für einen solchen Beruf entscheide.

Wenig Bewerbungen

Dachdeckermeister Frank Neuss aus Eschweiler hat beim letzten Girls Day zwei junge Schülerinnen in seinen Berufsalltag blicken lassen. Und er glaubt, die Mädchen begeistert zu haben. „Ob ich in den kommenden Monaten eine Bewerbung von ihnen auf dem Tisch haben werden, das kann ich aber nicht einschätzen”, sagt der Dachdeckermeister. Überhaupt seien Bewerbungen von Frauen sehr selten. Auch die meisten seiner Eschweiler Kollegen haben diese Erfahrung gemacht, ebenso wie der Großteil der Installateurbetriebe und Malerbetriebe der Indestadt.

Monika Stephan, Schulsozialarbeiterin am Berufskolleg Eschweiler, kennt aus ihrem Berufsalltag die Gründe, warum sich Mädchen trotz aller „Werbemaßnahmen” selten für einen „klassischen Männerberuf im Handwerk” entscheiden. Zum einen gebe es bei den Mädchen noch immer ein mangelndes Interesse an den typischen Männerberufen im Handwerk. „Es ist ganz einfach so, dass die meisten Mädchen dann doch Ausbildungsstellen in den klassischen Frauenberufen wie Kranken- und Altenpflege, Kinderpflege oder etwa als Medizinische Fachangestellte suchen”, sagt Monika Stephan. Insbesondere das Arbeitsklima auf dem Bau sei für viele junge Frauen aber ein großes Hindernis: die Angst, nicht mit derben Witzen oder frauenfeindlichen Sprüchen umzugehen, sei groß.

Diese Erfahrungen hat Dachdeckerin Susanne Weiler noch nicht gemacht. „Meine Kollegen sind sehr nett und behandeln mich nicht anders, als die anderen Kollegen”, sagt sie. Auch deshalb, weil sie selbst Dachpappe schleppt und Dachpfannen in luftiger Höhe fängt. Der manchmal etwas raue Umgangston auf der Baustelle macht ihr nichts aus. Und Frauenfeindliches habe sie bislang noch nicht gehört. Aber das ließe sie den Kollegen auch nicht durchgehen. „Man braucht selbst eine freche Klappe und darf sich nichts gefallen lassen”, sagt sie.

Doch nicht nur auf der Seite der potenziellen weiblichen Azubis herrsche Skepsis, sagt Schulsozialarbeiterin Monika Stephan. Auch manche Meister hätten Vorbehalte, eine Frau einzustellen.

Und oft führten sie deshalb die „Klo-Ausrede” an und argumentierten, die extra Duschen und gesonderten sanitären Einrichtungen für Frauen im Unternehmen und auf der Baustelle seien zu teuer. „Aber meist werden diese Argumente von solchen Handwerkern angeführt, die Frauen die körperliche Arbeit nicht zutrauen”, sagt Stephan.

„Die Arbeit ist wirklich körperlich sehr anstrengend”, gibt Susanne Weiler zu und schränkt ein: „Wer nicht feste zupacken kann und körperliche Arbeit nicht gewohnt ist, wird als Frau in einem klassischen Männerberuf garantiert nicht glücklich.”
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