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„Typisch germanisch-depressive Band”

Von: vr
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Wenn der „Jächt” zum Gerd wird: Trotz des für ihn eher ungewohnten Hochdeutsch schlüpfte Gerd Köster beim Auftritt mit seiner Band „NOX” wieder in die Paraderolle des Geschichtenerzählers. Foto: Volker Rüttgers

Eschweiler. Das Saallicht stirbt, im Sessel wird es gemütlich, und erwartungsvoll geht der Blick in Richtung Leinwand. Dort wird ein Film über die Nacht gezeigt, berührend wie eine Tragikomödie, spannend wie ein Thriller, manchmal übermütig wie ein Slapstick-Streifen.

Hauptdarsteller sind Dirk an „Hirn und Horn” und der Gerd, den alle doch eigentlich als den „Jächt” kennen. Doch dieses Mal nicht, denn „NOX” ist etwas völlig anderes für Gerd Köster, den Geschichtenerzähler aus der Kölner Südstadt, der jetzt mit Saxophonist Dirk Raulf Jazz und mehr macht, und dies am Samstag in „Eiiiischwieler”, denn ein bisschen Mundart geht ja doch immer.

„Wir sind nur eine typische germanisch-depressive Band, nehmt es leicht und seht es einfach als einen kleinen Urlaub von der Comedy-Hölle.” Die Einladung Gerd Kösters zu den Liedern der Nacht stand und das Publikum im großen Kinosaal des Primus-Palastes folgte ihr lauschend.

„Jeder Hund hat seinen Tag”

„Jeder Kreis hat sein Quadrat, jeder Hund hat seinen Tag”, schon zu Beginn des Eschweiler Jazzclub-Konzertes schöpft Wortakrobat Köster aus dem lyrisch Vollen und krächzt in verrauchtem Timbre „Es regnet Fisch”, jenes düster anmutende Stück über die Tristheit des Lebens.

Als dann auch noch die Lumpen des Alterns in „Oktober” angesungen werden, scheint das Klischee der traurig-melancholischen und tief-depressiven Jazz-Blues-Combo endgültig bestätigt, wenn auch im musikalisch erstaunlich bunten Gewand mit Kontrabass, Gitarre, Schlagzeug, Congas, Piano, Saxophon und Bassklarinette.

Doch dann folgt „Vampirgefühl” mit seiner fast schon fröhlichen, auf jeden Fall recht eingängigen Melodie, und „NOX” starten den ersten Überraschungsangriff auf ihr Indestadt-Publikum, das wohl zum überwiegenden Teil zum ersten Mal in den Genuss der Köster-Raulfschen „rheinisch-westfälischen Liedmanufaktur” kommt.

Vom jazzigen „Bleib hier” mit einem überragenden Piano-Solo von Hinrich Franck über Tom Waits´ Klassiker „Time”, natürlich ins Hochdeutsche übersetzt, bis hin zur Seemannsmusik „Übers Meer” und der Rumba über den „Blauen Hafen” begeistert das Ensemble und entlässt ein positiv überraschtes Publikum mit einer Menge Fragen in die Pause: „Ist das der Köster von "The piano has been drinking?"” und „Wie kommt man nur auf solche Texte?”. Letztere Frage beantwortet Dirk Raulf, der etwa die Hälfte aller Texte beigesteuert hat, ganz einfach: „In Alltagssituation, zum Beispiel beim Fahren im Zug, hab ich die Szenen und Bilder zu "Es regnet Fisch" notiert.”

Die Beobachtung als Gelegenheit, daraus einen Songtext zu machen - das Rad des Songwritings haben „NOX” also nicht neu erfunden, allerdings sei es fast immer so, dass die Musik als Erstes komme und dann erst der Text. So muss es wohl auch 2001 gewesen sein, als die beiden „NOX”-Gründer sich zwar nicht zum ersten Mal trafen, jedoch erstmalig gemeinsam an einem Projekt arbeiteten, einem Soundtrack-Song zu Horst Sczerbas Kinofilm „Herz”. Der „NOX”-Premiere auf dem „lit.COLOGNE”-Festival 2003 folgten weitere Auftritte und mittlerweile drei Albumveröffentlichung, wovon aus dem aktuellen „Gabelfrühstück” hauptsächlich Titel am Samstag gespielt wurden.

„Das ist wie ein Abenteuerspielplatz für mich”, beschreibt Gerd Köster seine Ausflüge ins Jazz-Blues-Chanson-Fach und ins Hochdeutsche, auch wenn er zugeben muss: „Manche Gedanken lassen sich einfach besser in Kölsch ausdrücken.”

Nur ein Schmerzbold

So verzeiht der Zuhörer es ihm gerne, wenn der Gerd ab und zu wieder zum „Jächt” wird, und mit einer Zigarette im Mundwinkel auf der Bühnenkante sitzend „jet am schwaade ess”, schließlich ist dies nur authentisch, wie die Songs von „NOX”, die von gescheiterten Leuten von nebenan, von nur allzu bekannten Sehnsüchten und selbst erlebten Träumen handeln.

Zurück zum Konzert, der zweite Teil steht an und wartet mit einer weiteren Überraschung auf: „Von eine logische Standpunkt aus” und „Ermesse-Spielraum” vibrieren mit ihren Calypso-Rhythmen, dem einfallsreichen Percussion-Spiel von Schlagzeuger Klaus Mages, mit den Bassläufen von Hartmus Kracht und ihrem Pidgin-Deutsch sorgen sie sogar für Heiterkeit, doch bevor die Nacht zu hell wird, gibt es wieder Skurril-melancholisches mit „Lebenslang”, sie sind halt „melancholische Frohnaturen”, diese Nachtmusiker oder wie der Typ in „Oktober”: „nur ein Schmerzbold”.

Wie auch immer, auf jeden Fall hervorragende Musiker mit einem unnachahmlichen Gespür für das richtige Wort zum Ausdruck des wahren Gefühls, für mitreißendes Geschichtenerzählen und atmosphärische Melodien, die, dem Jazzclub um Norbert Klein sei Dank, am Samstag die „Nox” in der Indestadt verzauberten.
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