Tante Emma heißt jetzt Heinz

Von: Andreas Gabbert
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Für einen kleinen Plausch hat
Für einen kleinen Plausch hat Heinz Düsterwald immer Zeit: Die 80-jährige Veronika Hahn weiß den Service zu schätzen und zahlt dafür gerne etwas mehr als im Discounter. Foto: Andreas Gabbert

Eschweiler. In St. Jöris bestand schon lange keine Möglichkeit zum Einkaufen mehr. Ein „rollender Supermarkt” bringt die Waren jetzt direkt vor die Haustür.

Heinz Düsterwald ist an diesem Tag etwas später dran. Mehrfach drückt der Mann mit dem Schnäuzer und der hohen Stirn auf den runden Knopf inmitten des Armaturenbretts seines Lkw, um sich mit lautem Klingeln anzukündigen. In vielen Fällen ist das zwar gar nicht nötig - oft warten seine Kunden schon mit dem Einkaufskorb im Arm auf sein Kommen - aber irgendwie gehört das Klingeln halt dazu, und manchmal hocken die Leute auch im Garten bei der Arbeit und hören ihn nicht gleich. Dann geht Düsterwald eben bis zur Pforte und fragt höflich, ob noch etwas gebraucht wird.

Seit sechs Monaten arbeitet Heinz Düsterwald als Fahrer eines „rollenden Supermarktes”. Vorher war er als Kurier und Fernfahrer unterwegs. Jetzt tingelt er an vier Tagen in der Woche über die Dörfer im Aachener Land. Seit zwei Monaten kommt er jeden Freitag auch nach St. Jöris, wo die rund 840 Einwohner sonst keine Gelegenheit zum Einkauf mehr haben. Hier kommt er mit Menschen in Kontakt, das mag er an seinem neuen Job besonders gern.

Einen kleinen Tante-Emma-Laden, eine Poststelle oder einen Bäcker gab es früher in jedem Ort. Heute konzentriert sich der Einzelhandel aber meist in so genannten Nahversorgungszentren. Doch was für einen jungen mobilen Menschen nur einen Katzensprung bedeutet, erscheint manch älteren Bürger oft wie eine kleine Weltreise. Umso mehr freuen sie sich, wenn Düsterwald draußen auf der Straße klingelt.

Nachdem Düsterwald die Tür an der rechten Seite seines Fahrzeugs geöffnet und ein kleines Treppchen für den leichteren Einstieg aufgestellt hat, muss er nicht mehr lange auf seine erste Kundin in St. Jöris warten.

Veronika Hahn kauft regelmäßig in dem „rollenden Supermarkt” ein. Ein Auto hat die 80-Jährige nicht, und ihren kranken Mann kann sie nicht lange alleine lassen. Deshalb ist sie froh, direkt vor ihrer Tür in Ruhe einkaufen zu können. In den Plänen, die Düsterwald in der Fahrertür verstaut hat, ist jeder Kunde vermerkt, jeder wird einzeln angefahren.

„Welche Eier nehmen wir denn heute Frau Hahn, die weißen oder die braunen?”, fragt Düsterwald. Veronika Hahn entscheidet sich natürlich für die Braunen, die passen schließlich besser zu ihrem Geschirr. Düsterwald nimmt sich Zeit für seine Kunden. „Unter Zeitdruck einzukaufen, macht keinen Spaß”, sagt der 54-Jährige. Düsterwald hilft beim Einpacken, schwere Dinge bringt er bis zur Tür und für einen kleinen Plausch ist immer etwas Zeit - das gehört dazu. Außerdem genießt er den Kontakt zu seinen Kunden. Für ihn ist es jedes Mal ein Erlebnis, zu hören, was die Leute zu erzählen haben. Er spürt, dass ihnen der Kontakt gut.

In dem kleinen Laden duftet es nach frischen Brot, das gleich neben den frischen Teilchen, Fläden und Kuchen angeboten wird. Obst, Gemüse, Konserven, Süßigkeiten, Milch- und Tiefkühlprodukte, Fleisch, Getränke gehören zu den rund 400 Artikeln, die Düsterwald im Angebot hat. Und sollten seinen Kunden einen bestimmten Wunsch haben, so wird dieser eben notiert, und nach Möglichkeit in der nächsten Woche erfüllt.

Die Preise im „rollenden Supermarkt” sind zwar etwas höher als beim Discounter, aber das ist Veronika Hahn egal. Sie rechnet anders: „Der Service ist mir wichtiger und wenn ich mit dem Bus zum Einkauf fahren müsste, wäre es am Ende teurer”, sagt die 80-Jährige. Obwohl St. Jöris erst seit wenigen Monaten von dem rollenden Supermarkt angefahren wird, will Veronika Hahn ihn nicht mehr missen. „Dann würde etwas fehlen”, sagt sie.

Auch beim nächsten Halt wird Düsterwald schon freudig erwartet, ein älteres Ehepaar betritt den Laden und begrüßt ihn herzlich: „Schön, dass sie da sind.” Während ihnen Düsterwald den Korb abnimmt, löchern in die beiden Senioren mit Fragen: „ Kann ich die Schnitzel einfrieren, wie schmeckt der Kartoffelsalat und haben sie an mein Schwarzbrot gedacht?” Natürlich hat Düsterwald an das Schwarzbrot gedacht und auf die anderen Fragen hat er auch eine Antwort parat.

Karin Rüland weiß das zu schätzen. Viele Jahre hat sie auf diesen Service verzichten müssen. Seit rund 15 Jahren gibt es in St. Jöris kein Geschäft mehr. „ Herr Düsterwald, sie sind ein Schatz. Sie kennen ihre Pappenheimer schon, bleiben sie uns bloß treu”, sagt die 76-Jährige als sie sich mit ihrem Mann verabschiedet.

In Düsterwald kleinem „rollenden Supermarkt” ist die Welt noch in Ordnung. Hektik und Gedränge an der Kasse gibt es nicht. Niemand der Kunden ist an diesem Tag schlecht gelaunt, die Menschen betreten den Laden mit einem Lächeln im Gesicht und verlassen ihn so auch wieder.

Und wenn Düsterwald losfährt, um nur wenige Meter weiter im Ort wieder anzuhalten, winken seine Kunden freundlich zum Abschied. Innerhalb kürzester Zeit hat Düsterwald die Menschen in Herz geschlossen, und die Menschen ihn. In St. Jöris ist er jetzt die neue Tante Emma.

Auch in der Politik ist die Nahversorgung immer wieder ein Thema. Im Fall des Stadtteils St. Jöris setzen SPD und CDU auf unterschiedliche Konzepte. Der SPD-Ortsverein Kinzweiler befürwortet das Modell eines so genannten „DorV-Ladens”. „DorV” steht dabei für „Dienstleistung und ortsnahe Versorgung”.

Der Laden soll Wirtschafts- und Kommunikationsmittelpunkt des Ortes sein und die Vorteile eines klassischen Geschäfts vor Ort mit modernen Kommunikationsmitteln verbinden. Was nicht vorrätig ist, kann über das Internet bestellt und abgeholt werden. Die Bevölkerung soll durch Befragungen das Angebot und die gewünschten Dienstleistungen bestimmen. Träger eines solchen Ladens könnte eine Genossenschaft, aber auch ein sozialer Träger wie die Caritas sein.

Die CDU setzt auf den rollenden Supermarkt. Bei einer Bürgerbefragung war der Wunsch nach einer besseren Nachversorgung aufgekommen. CDU-Vorsitzender Willi Bündgens informierte sich und wurde von der CDU-Euchen auf den „rollenden Supermarkt” aufmerksam gemacht. Nach Telefonaten mit der Betreiberfirma, wurde die Tour auch auf St. Jöris ausgedehnt.

Für Bürgermeister Rudi Bertram schließen sich die Konzepte nicht aus, er sieht in beiden Potenzial.
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