Radarfallen Blitzen Freisteller

Seniorenstudium: Rein in den Hörsaal

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
5586746.jpg
Von der Kaserne in die Uni: Seniorenstudent Thomas Urban hat auch nach 13 Semestern noch lange nicht genug von Bildung. Foto: Sonja Essers

Aachen/Eschweiler. Flensburg, Hamburg, Göttingen, Köln und Aachen. Es gibt kaum noch Städte, in denen Thomas Urban während seiner Zeit als Berufssoldat nicht stationiert war. Jahrelang standen für den heute 68-Jährigen Disziplin und Ehrgeiz im Vordergrund, und diese Werte vermittelte er auch seinen Rekruten.

Mittlerweile hat der Indestädter die Seiten gewechselt. Zwischen 1000 anderen Studenten, die sich lieber mit ihren Handys beschäftigen, als der Vorlesung zum Thema „Elektrotechnik und Elektronik“ zu lauschen, wirft Urban noch einen Blick in seine sorgfältig geführten Mitschriften. Diszipliniert und ehrgeizig ist der Pensionär auch heute noch, sonst würde er sich nicht bereits seit 13 Semestern intensiv seiner Lieblingstätigkeit widmen: dem Seniorenstudium.

Dort lernte er, dass es zwischen Universität und Kaserne auch Parallelen geben kann. „Ich habe vor einigen Jahren eine Vorlesung zum Thema Führungslehre besucht und festgestellt, dass in der Uni das gelehrt wird, was ich bereits von der Bundeswehr kannte.“ Thomas Urban ist einer von 696 Seniorenstudierenden an der RWTH Aachen.

Er besucht sowohl Seminare und Vorlesungen aus dem regulären Hochschulprogramm, als auch Veranstaltungen nur für Senioren. Nach seiner Pensionierung wollte Urban sich nicht ausruhen, sondern beschloss, sich geistig fit zu halten. Bereits seit sieben Jahren besucht der 68-Jährige Veranstaltungen aus den verschiedensten Fachbereichen und denkt noch nicht ans Aufhören: „Ich bin dankbar dafür, dass es diese Möglichkeit gibt, und ich werde weitermachen, so lange es geht.“

Seit dem Sommersemester 1988 haben Menschen, die sich nach dem Beruf noch nicht zur Ruhe setzen möchten, die Möglichkeit, an der RWTH Aachen ein Seniorenstudium zu beginnen. Das Angebot für die „älteren Semester“ ist sehr vielfältig und versetzt auch Thomas Urban immer wieder in Staunen: „Ich besuche grundsätzlich die Veranstaltungen, die mich interessieren und in meinen Stundenplan passen.“

Flugzeugbau und Anthropologie

Dieser beinhaltet momentan Vorlesungen zu den Themen Flugzeugbau und Anthropologie sowie Geschichte und Privatrecht und ist damit so vielfältig, wie es ein einziges Studienfach kaum sein kann. „Hätte ich mich offiziell eingeschrieben, hätte ich schon lange den Master haben können“, sagt Urban, der sich auch aktiv in den Seminaren beteiligt. Die Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen ist für den Pensionär selbstverständlich, und so widmet er sich von Montag bis Mittwoch vollkommen seinem Leben als Student.

Sein Engagement bleibt von seinen jungen Kommilitonen nicht unerkannt. „Die Seniorenstudierenden machen teilweise einen motivierteren Eindruck als die jüngeren Studenten“, meint Student Marco Johnen, der mit Urban eine Veranstaltung am philosophischen Institut besucht. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Jungen beim erfahrenen Kommilitonen den ein oder anderen Tipp holen. „Ich bin schon oft von Studenten gefragt worden, wie ich mich auf die Veranstaltungen vorbereite“, sagt Urban.

Außerdem wollen viele von ihm wissen, warum er sich für ein Seniorenstudium entschieden habe. „Ich habe in meinem Beruf immer mit jungen Menschen gearbeitet und wollte weiterhin mit ihnen zusammen sein“, sagt Urban, der zwischen 2002 und 2006 für die Organisation von Lehre und Ausbildung an der Lützow-Kaserne in Aachen zuständig war und vielen Indestädtern als Kasernen-Kommandant der Donnerberg-Kaserne bekannt ist.

Zwar war die Universität für ihn kein unbekanntes Terrain, jedoch musste der Diplom-Ingenieur sich an die vielen Neuerungen gewöhnen. „Damals haben wir einfach nur mitgeschrieben. Heute haben die Professoren die Möglichkeit, ihre Vorträge mit Präsentationen zu unterstützen.“ Besonders die ersten beiden Semester seien für ihn noch gewöhnungsbedürftig gewesen, schließlich habe er sich erst einmal auf dem großen Campus zurechtfinden müssen.

„Die Vorlesungen, die ich besuche, finden auf dem ganzen Unigelände statt, vom Templergraben bis zur Hörn“, erklärt der 68-Jährige, der zugibt, dass die weiten Strecken zwischen den Hörsälen auch zum Problem werden können. „Ich komme mit dem Auto nach Aachen und stelle meinen Wagen im Parkhaus ab. Dann erledige ich alles zu Fuß, was nicht so einfach ist, wenn die Hörsäle weit voneinander entfernt sind.“

Auch mit seinen jüngeren Kommilitonen hat der Pensionär bisher nur positive Erfahrungen gemacht: „Das einzige, was die jüngeren Studenten stört, ist, wenn die Alten sich mit ihrem Wissen zu sehr in den Vordergrund spielen.“ Dass dies zum Problem werden kann, weiß auch Professor Wulf Kellerwessel, dessen Philosophie-Seminare regelmäßig von Seniorenstudierenden besucht werden. „Es gibt Teilnehmer, die eher still sind, andere wiederum sind sehr rege in der Beteiligung. Manche von ihnen müssen in ihrem Elan sogar ab und zu gebremst werden.“

Urbans jüngere Kommilitonen sind anderer Meinung: „Ich finde, dass sie eine Bereicherung für die Seminare sind“, meint Johnen, und seine Kommilitonin Samantha van den Berg ergänzt: „Gerade im Fach Philosophie ist es interessant, ein Thema aus ihrer Sichtweise anzugehen.“ In den vergangenen Jahren hat sich Thomas Urban mit diesem Fach immer mehr angefreundet. „Durch die Philosophie habe ich schon oft über die ein oder andere Entscheidung in meinem Leben nachgedacht.“

Aufgrund seiner positiven Erfahrungen, würde Urban auch anderen Altersgenossen zu einem Seniorenstudium raten. „Es gibt nicht nur tolle Veranstaltungen, sondern ist auch für Menschen ohne akademische Vorbildung geeignet.“ Auch Kellerwessel ist sich sicher, dass das Angebot der Hochschule einen besonderen Stellenwert im Leben der Senioren einnimmt: „Viele erfüllen sich einen Lebenstraum, da sie sich mit dem beschäftigen können, was sie interessiert. Deshalb trägt das Seniorenstudium zur Steigerung der Lebensqualität bei.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert