Senioren bleiben dank Spielkonsole in Bewegung

Von: Stefan Herrmann
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Mit dem richtigen Schwung räumt er alles ab: Johann Haupt hat den Dreh beim Bowling auf der Wii-Spielekonsole raus. Foto: Stefan Herrmann

Eschweiler. Wenn man die Treppenstufen in den Keller des Senotels hinabsteigt, hört man bereits das Geräusch umfallender Kegel, rollender Kugeln und die erfreuten Rufe über einen gelungenen Wurf. Nur noch ein paar Schritte, dann muss die Tür zur Kegelbahn doch kommen.

Peter Mostert, Geschäftsführer der Einrichtung an der Englerthstraße, schreitet voran und tritt mit dem Besucher schließlich in den kleinen Feiersaal des Senotels. Wo ist die Kegelbahn? Von wo kommen den hier die Kugeln angerollt? Nichts von alledem. Stattdessen sorgt Technik vom Feinsten für Kegelspaß - auch ganz ohne Bahn und Kugel.

Genauer gesagt wird seit einem Jahr im Senotel Bowling gespielt. Platz, eine knapp 20 Meter lange, lackierte Holzbahn in den Keller des Seniorenheims zu zimmern, hatten sie natürlich nicht. Doch für die nicht größer als eine Keksdose daherkommende Spielekonsole von Nintendo reichen die Räumlichkeiten. „Wii” heißt das Zauberwort, dem seit über zwei Jahren Millionen Menschen auf dem ganzen Globus reichlich Aufmerksamkeit schenken.

Im Senotel ist das Gerät an einen Beamer angeschlossen. Der wiederum projiziert das Bild an die Wand (ähnlich wie früher beim langatmigen Dia-Vortrag des Onkels über den Sommerurlaub). Und was da erscheint, ist tatsächlich eine Bowlingbahn.

Hinten stehen die zehn Pins (so heißen beim Bowling die Kegel), davor entfaltet sich die Bahn in voller Pracht inklusive eines kleinen, digitalen Computer-Männchens, das eine Kugel in der Hand hält.

In der Mitte des Raumes steht Johann Haupt, in Fleisch und Blut. Mit einer gekonnten Handbewegung zielt der 78-Jährige auf die Pins und wirft die Kugel los, obwohl er gar keine Kugel in der Hand hält. Dafür aber eine weiße Fernbedienung, oder ein Gerät, das einer Fernbedienung verblüffend ähnlich sieht. Damit steuert er das Männchen und vor allem den Wurf der Kugel auf dem Bildschirm. Bowling in der digitalen Welt. Das Ganze findet dann noch im Seniorenheim statt und fertig ist der neue Trend.

Mindestens einmal pro Monat trainieren einige Bewohner des Senotels Bowling auf der Wii. „Sobald unsere Spieler den Dreh raus haben, klappt das wunderbar”, weiß Peter Mostert. So wie bei Johann Haupt. Einen kleinen Vorteil gegenüber seinen Mitspielern hat er dabei schon. „Ich habe Bowling jahrelang in Natura gespielt”, verrät der derzeitige Seriensieger.

„Das hier ist eine wirklich schöne Abwechslung. Da bekommt man die Zeit gut rum”, so der rüstige Senior. Eines sei allerdings anders als früher: „Damals gab es natürlich stets ein schönes, kühles Bierchen dazu”, hat Johann Haupt aber aus gesundheitlichen Gründen bereits seit zehn Jahren keinen Alkohol mehr getrunken. Kein Problem für ihn, bowlen kann er dafür weiterhin.

Seine Frau Gertrud ist ebenfalls dabei. Seit kurzem sind die beiden erst im Senotel. Dass ihr Mann dauernd gewinnt, stört sie keineswegs: „Nach 56 gemeinsamen Jahren muss man auch gönnen können”, meint die 76-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln. Das Bowling-Quartett vervollständigen Eugenie Maus (81) und Marlies Jakobs (55).

Derzeit wird fleißig trainiert, denn im November planen Pflegedienstleiter Klaus Tiede und seine Kollegen ein großes Bowlingturnier für die Bewohner. Favorit Johann Haupt möchte den Pokal natürlich gewinnen. Aber wer weiß, vielleicht entwickelt noch ein anderer in den nächsten Wochen das richtige Fingerspitzengefühl, um einen Strike - das Abräumen aller Kegel in einem Wurf - nach dem anderen hinzulegen.

„Klar, einige unserer Heimbewohner zieren sich noch”, kennt Tiede die Angst gerade älterer Menschen vor neuen Sachen. Aber die, die nun dabei sind, haben regelrecht Feuer gefangen für das Spiel auf der Konsole.

Zudem hat das auf Bewegung und gemeinsamen Spaß ausgelegte System der Wii einige positive Nebeneffekte. „Sturzprophylaxe ist ein Stichwort”, sagt Beschäftigungstherapeut Lutz Kurth. Bewohner, die im Alltag sonst größtenteils auf Gehhilfen zurückgreifen, stärken hier sozusagen mit Gleichgewichtsübungen den eigenen Stand.

Bewegungsressourcen, so Lutz, werden durch das Spielen - zum Beispiel durch das intensive Armschwingen beim Bowling - aktiviert. Das Resultat: Am nächsten Morgen hört das Pflegepersonal von einigen Senioren immer häufiger: „Ich habe wohl etwas zu viel Wii gespielt, jetzt hab´ ich Muskelkater.” Ganz neue Töne in einem Seniorenheim des 21. Jahrhunderts...
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