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Seit 30 Jahren ist Erwin Martinett als Nikolaus unterwegs

Von: Doris Kinkel-Schlachter
Letzte Aktualisierung:
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Beinah ehrfürchtig sehen die Kinder zu Erwin Martinett auf. Seit 30 Jahren sorgt er als Nikolaus für Freude bei Jung und Alt. Foto: Doris Kinkel-Schlachter

Eschweiler-Dürwiß. Er lässt das kleine goldene Glöckchen erklingen und stellt einen prall gefüllten Sack neben sich. Nur langsam nähert sich die Gruppe Kinder der Seebühne, die Mädchen und Jungen wirken etwas scheu. Wer auf die Fältchen an seinen Augen achtet, sieht, dass er darüber schmunzeln muss – obwohl sein Mund unter einem weißen Rauschebart versteckt ist.

So ist das immer, besonders wenn die Kinder noch klein sind, aber auch, wenn sie schon so „groß“ sind wie die Zweitklässler der Grundschule Dürwiß. Vor Erwin Martinett haben alle Respekt, denn: Er ist der Nikolaus!

Zumindest sind davon die ganz Kleinen überzeugt, und „den Grundschülern hat die Lehrerin gesagt, dass der echte Nikolaus schon lange tot ist und ich einer seiner Vertreter bin“, sagt der Dürwisser und zwinkert. So lange, wie Erwin Martinett schon Albe, roten Chormantel und rote Mitra sowie weiße Handschuhe überstreift, Stab, Glöckchen, Sack und goldenes Buch mitnimmt, nämlich stolze 30 Jahre, darf er sich mit Fug und Recht als Vertreter nennen.

Damals ist er mehr oder weniger ins Kostüm hereingerutscht, als bei den Dürwisser Jungschützen, bei denen sein Sohn seinerzeit war, eine Feier anstand und ein Nikolaus her musste. Seitdem streift er die Nikolauskleidung jedes Jahr über und zieht von Haus zu Haus. Zehn und ein paar mehr Termine hat er dieses Jahr zu absolvieren, als Rentner ist das zwar zu schaffen, aber wenn man wie Erwin Martinett noch nebenbei als Organist in Inden-Altdorf und Neu-Lohn tätig ist, kann es schon stressig werden.

Das lässt sich der Nikolaus natürlich nicht anmerken. Außerdem hat er seine Frau Rita, die ihm helfend zur Seite steht, und Sohn Frank, der sozusagen als Rentier-Ersatz seinen Vater im „Schlitten“ mit vier Rädern durch die Gegend „kutschiert“.

Das Ehepaar Martinett hat zwei Kinder und vier Enkel, der jüngste Schatz von den beiden ist die siebenjährige Marcella. Sie weiß nichts über das Doppelleben, das ihr Großvater in der Weihnachtszeit führt, jedenfalls ist sie sich nicht sicher. „Sie hat letztes Jahr schon gesagt: Der Nikolaus hat die gleiche Brille an wie Opa, bald wird sie dahinter kommen, aber dann ist es eben so“, bleibt Erwin Martinett gelassen. Marcella bleibt aber auch ein Jahr weiter ihrem Glauben treu.

Nach seinem Auftritt am Blau-steinsee wird der 66-Jährige eine SMS erhalten von seiner Tochter Tanja. „Ein Kind hat gesagt: Marcella, das war doch dein Opa. Marcella hat nur gesagt: Nein, das war der Nikolaus! Er hat nur die gleiche Brille an wie Opa.“

Für Erwin Martinett sind es genau solche Reaktionen, die ihn jedes Jahr aufs Neue in seine Rolle als allwissender und gütiger Nikolaus schlüpfen lassen. Er war auch schon bei den Frauen und Männern im AGO-Seniorenzentrum, und selbst bei denen, die eigentlich nichts mehr vom alltäglichen Leben mitbekommen, sieht er, dass sie ihn wahrnehmen.

„Ein kurzer Augenblick, ein leichtes Öffnen des Mundes… Ach, es tut so gut, jemandem eine Freude zu machen!“ Nachdem er auf den Zimmern war, geht es zur Feier ins Restaurant, anschließend überrascht er eine Familie mit drei Kindern in Dürwiß. Auch eine Familie in Inden will noch vom Nikolaus besucht werden, schließlich haben die acht Kinder ein Liedchen für ihn vorbereitet.

In die Dürwisser Barbara-Apotheke kommen 65 Kinder in drei Stunden. Auch da behält Erwin Martinett die Ruhe und kann auch noch über jedes einzelne Kind etwas sagen. Und dann ist er wieder da: der Respekt. „Jeder steht ganz stramm vor mir, am schönsten ist das immer bei den Kleinen“, weiß Martinett. Oft singen die Kinder dem Nikolaus was vor oder sagen ein Gedicht auf. Groß werden die Augen spätestens in dem Moment, in dem der Mann im Bischofsgewand sein goldenes Buch aufschlägt und Gutes, aber eben auch nicht so Gutes über denjenigen, der vor ihm steht, preisgibt. Platz eins der Nikolaus-Hitliste: Streit unter Geschwistern.

Standard-Antwort: Ja, wir zanken uns, aber ich bin das nicht, mein Bruder/meine Schwester fängt immer damit an. Auf dem zweiten Platz: Aufräumen. Ich kann das nicht so gut, die Mama kann das viel besser, lautet hier die meistgesagte Ausrede. Auf dem dritten Rang gelandet ist Essen. Ja, das stimmt, aber nächstes Jahr mache ich das besser, dann esse ich mehr Gemüse und Obst. Überhaupt, das Versprechen „nächstes Jahr mache ich das“, lässt sich auf viele Verbesserungsaufforderungen des Nikolauses anwenden, nur so ein kleiner Tipp am Rande.

„Nächstes Jahr“, sagen auch fast alle Grundschüler an diesem Nachmittag, als es heißt, dass sie was singen oder reimen sollen. Gemeinsam singen sie ein Lied nach dem anderen, aber auf Augenhöhe mit dem „alten Mann“ sieht das schon ganz anders aus. Der „entlässt“ sie natürlich auch so und gibt noch jedem Kind einen Schokoladen-Nikolaus mit auf den Weg…

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