Schluss mit Delfin 4: Kitas begrüßen Aus

Von: Daniel Gerhards
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Kein Lust auf Delfin 4: Spielerisch sollen die Kinder bei dem Sprachtest ihren Wortschatz zur Schau stellen. Das machen mache nicht mit. Die künstliche Situation mit unbekannten Lehrern behage vielen kleinen Prüflingen gar nicht. Foto: dpa

Eschweiler. Umständlich, störanfällig und wenig aussagekräftig – die Kritik am Sprachtest Delfin 4 ist deutlich. Seit 2007 prüfen Grundschullehrer alle Vierjährigen in NRW im Hinblick auf Sprachkompetenz und Wortschatz. Nun hat die Landesregierung den Test gestoppt – 2015 soll Schluss sein.

Bei den Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche der Stadt Eschweiler (BKJ) begrüßt man diesen politischen Beschluss. Kern der Kritik am Delfin-4-Verfahren ist, dass die Kinder von Lehrern, die sie überhaupt nicht kennen, getestet werden. Das habe zur Folge, dass Kinder, die vielleicht ein wenig schüchtern sind oder schlicht keine Lust auf den Test haben, schlecht abschneiden.

„Für die Kinder ist das eine absolut künstliche Situation mit unbekannten Personen. Es war von vorne herein klar, dass ein solches Testverfahren nicht aussagekräftig sein kann“, sagt Edith Platau, Fachberaterin für die BKJ-Kitas. Man sei „sehr erstaunt gewesen“, dass der Test eingeführt wurde. „Die Erzieherinnen schreiben kontinuierlich Entwicklungsdokumentationen über jedes Kind. Auf einmal sollten diese Dokumentationen nicht mehr ausreichend sein“, sagt Platau. Das habe für „große Fragezeichen“ gesorgt.

Ganzheitlich fördern

Auch Sigrid Greven, Leiterin des Familienzentrums Jahnstraße, ist froh, dass der Test bald nicht mehr auf dem Stundenplan steht. „Wir fördern die Kinder hier ganzheitlich“, sagt sie. Der Spracherwerb werde in der Kita in täglichen Arbeit ohnehin unterstützt. „Sobald die Kinder einen Fuß in die Kita setzen, beginnt die Förderung“, sagt Greven. Und: Test hin oder her – die Erzieherinnen könnten basierend auf ihren täglichen Beobachtungen sehr gut einschätzen, welches Kind zusätzliche Hilfen braucht. „Man kann Kinder nur fördern, wenn man eine Beziehung aufbaut, dann kann sich das Kind gut entwickeln“, sagt sie.

Ein gutes kann Greven dem Prozedere doch abgewinnen. Beim Delfin-4-Test müssen Kita-Erzieher und Grundschullehrer eng kooperieren. Das sei einer der wenigen positiven Aspekte, den Greven an dem Verfahren sehe. „Die Zusammenarbeit mit den Schulen hat sich dadurch positiv entwickelt“, sagt sie. Man konnte sich kennenlernen und den Übergang vom Kindergarten in die Schule verbessern.

In Eschweiler gibt es nur wenige Grundschulleiter, die sich zu dem Thema äußern möchten. Der Fall des von der Bezirksregierung wegen eines Briefes mehrerer Schulleiter aus der Städteregion suspendierten Schulrats Norbert Greuel wirkt wie ein Maulkorb auf manchen Grundschulleiter. Sie haben Angst vor Rügen und Einträgen in die Personalakten.

Unter Wahrung der Anonymität sagt eine Leiterin, dass sie auch der Meinung ist, dass die Mitarbeiter der Kitas die Schüler besser einschätzen könnten. Zudem brauchten die Lehrer Zeit zur Vor- und Nachbereitung sowie für die Tests als solchen. „Das ist schon ein großer personeller Aufwand. Das reißt Löcher in den Stundenplan. Da braucht nur noch ein anderer Lehrer auszufallen“ – und schon könne Unterricht ausfallen, sagt sie.

Gerd Schnitzler, Leiter der OGS Kinzweiler, redet offen: Zwar sei an seiner Schule wegen der Tests noch kein Unterricht ausgefallen, ein grundsätzliche Problem sieht er dennoch: „Man kommt als fremde Person in den Kindergarten.“ Wenn Kinder gehemmt sind, gibt es so etwas wie eine Nachprüfung: die zweite Testphase. Dann sitzen nicht mehr vier kleine Prüflinge am Tisch, sondern jedes Kind wird alleine getestet.

Wird der Geldhahn abgedreht?

Die Testsituation bei Delfin 4 stößt auch Antje Würsig, Leiterin der Awo-Kita „Der kleine Prinz“, übel auf. „Normalerweise haben die Erzieherinnen in der Kita eine sehr wertschätzende Haltung“, sagt sie. Bei dem Test habe es aber kaum die Möglichkeit gegeben, die Kinder zu ermutigen. Zudem habe der Test einen etwaigen Migrationshintergrund der jungen Teilnehmer gar nicht berücksichtigt.

In der Awo-Kita wolle man – anders als mit dem Test und sich daraus ergebender Sprachförderung – nicht bei den Defiziten der Kinder ansetzen, sondern bei ihren Stärken und Interessen. Ob ein Test für Kindergartenkinder überhaupt schon das Richtige ist, das könne man kontrovers Diskutieren, sagt Würsig. Sie meint, dass es der falsche Weg sei.

Platau und Greven finden dagegen, dass man die Sprachkompetenzen der Kinder durchaus prüfen könne. Man müsse sich nur auf einen, sinnvollen Test einigen. Zudem müsse das Kita-Personal testen. Auch eine klinische Prüfsituation gelte es zu vermeiden. Und: „Die Beobachtungen der Erzieherinnen müssen in das Ergebnis einfließen“, sagt Platau.

Eines hat das Land NRW mit dem Test allerdings geschafft: Alle Eltern mussten sich mit dem Thema Sprache auseinandersetzen. Denn jedes Kind musste an der Prüfung teilnehmen – auch wenn es keinen Kindergarten besucht. Wie man Eltern, die ihre Kinder nicht im Kindergarten anmelden, nun auf Sprachdefizite aufmerksam machen will, ist vorerst offen.

Trotzdem, Delfin 4 abzuschaffen, ist der richtige Weg, da herrscht in den Eschweiler Einrichtungen scheinbar große Einigkeit. Aber: „Wenn man damit auch den Geldhahn abdreht, wäre das eine Katastrophe“, sagt Platau. Wird bei einem Kind im Delfin-Test eine Förderbedarf festgestellt, erhält die Einrichtung 350 Euro pro Jahr und zu förderndem Kind. Dieses Geld, so wünschen es sich Platau und Greven, soll in Zukunft in Personal, Material und Fortbildung investiert werden.

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