„Schandfleck” genießt jetzt oberste Priorität

Von: Robert Flader
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Trostloser Anblick: Das Grunds
Trostloser Anblick: Das Grundstück an der Eisenbahnstraße 24a ist in seinen weitesten Teilen verkommen.Vor allem im Innern des dreistöckigen Hauses regiert chaotisches Durcheinander. Foto: Robert Flader

Eschweiler. Es heißt, der erste Eindruck sei immer der wichtigste, der entscheidende. Wenn es tatsächlich danach geht, dann dürften alle Reisenden, die mit dem Zug in Eschweiler ankommen, keinen besonders guten Eindruck von der Indestadt haben.

Der Grund trägt die simple Bezeichnung „Eisenbahnstraße 24a”, es ist ein dreistöckiges Gebäude, bautechnisch ziemlich unauffällig, das Problem ist eher, dass es seit ein paar Jahren brachliegt. Deutlicher formuliert: Es ist völlig heruntergekommen. Genau gegenüber des vor drei Jahren umgebauten Hauptbahnhofes steht das verlassene Anwesen und, man kann das so sagen, verrottet einfach vor sich hin. Als ob es niemandem gehören würde, als ob niemand mehr dorthin zurückkommen wird. Es herrscht ein bisschen eine gespenstische Atmosphäre, kein Mensch ist da.

„Es fällt in sich zusammen”

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass sich manche „Anwesen” in einem mehr oder weniger guten Zustand zeigen, doch was die Eisenbahnstraße angeht, so machen sich die Nachbarn mittlerweile große Sorgen: „Das ganze Anwesen fällt in sich zusammen”, sagt ein Anwohner, der seit Jahrzehnten in unmittelbarer Nachbarschaft in der Invalidenstraße lebt. „Das ist ein Schandfleck für die ganze Stadt”, ergänzt seine Frau, die beinahe täglich an dem Anwesen vorbeifährt. „Da bekommt man es richtig mit der Angst zu tun.” In den vergangenen Wochen und Monaten sei es immer schlimmer geworden, heißt es in der Nachbarschaft.

Wie konnte das passieren? In der Eisenbahnstraße 24a befand sich bis 2004 eine Gaststätte mit Saal, es war das Vereinslokal der KG Grüne Funken. Danach beherbergte der damalige „Eschweiler Hof” einen Kiosk, die Schilder über den Fenstern und der Tür im Erdgeschoss zeugen noch heute davon. Bis vor zwei Jahren auch dieser aufgegeben wurde, die Konkurrenz zum Bahnhofskiosk war zu groß.

Das Gebäude sieht heute in der Tat, nun ja, verloren aus: Die Fenster an der Eingangstür, die sperangelweit aufsteht, sind eingeschlagen. Der Gestank von Müll, Urin, von vergammeltem Fleisch drängt sich vor bis an die Eingangstür, bis auf den Bürgersteig. Hunderte Reklame-Prospekte liegen im Eingangsbereich, den Flur entlang, verteilt, Essensreste locken Fliegen an, es ist ein furchtbarer Anblick. Passanten machen einen deutlichen Bogen um diese Straßenseite.

An der Vorderseite des Hauses, an der der Putz bereits abbröckelt, hat längst die Natur Einzug gehalten, Unkraut frisst sich seinen Weg an der Hausmauer entlang. Fenster stehen auf, Rolladen hängen auf halb acht. Es sieht aus, als hätte seit Jahren kein Mensch mehr hier einen Fuß reingesetzt.

Dem ist aber nicht so: Ein geöffneter Brief vom 7. Juni, ein Schreiben der Suchthilfe, in dem auf ein Beratungsgespräch am 14. Juni hingewiesen wird, zeigt, dass in der Eisenbahnstraße 24a irgendwie „Leben” herrschen muss. Eine Rechnung ist ebenfalls an einen Mann mit der Anschrift „Eisenbahnstraße 24a” addressiert.

Nur: Wer kann hier eigentlich „wohnen”? Sind es Obdachlose? Drogenabhängige? Die Stadt steht vor einem Rätsel: „Um es vorsichtig auszudrücken: Hier wohnte in den vergangenen Jahren ein Klientel, das auf dem freien Wohnungsmarkt keine Bleibe bekommen hätte”, sagt Stefan Kaever, Pressesprecher der Stadt, auf Anfrage. „Aber diese Leute haben wir eigentlich umquartiert.” Doch irgendjemand muss für die Verwüstungen verantwortlich sein.

Kaever gibt zu, dass sich die Polizeieinsätze in letzter Zeit gehäuft haben: „Im Mai gab es zahlreiche Fälle von Ruhestörung und Belästigung.” Selbst das Ordnungsamt sei zu vorgerückter Uhrzeit immer häufiger in die Eisenbahnstraße gerufen worden. „Dort herrschte in den Abend- und Nachtstunden regelrecht freier Zugang.”

Ein weiteres Beispiel: Im Hof begrüßen und vertreiben Mauern mit offenliegenden Asbest-Isolierungen jeden Besucher. Es stinkt regelrecht nach giftigen Stoffen; leere Schnapsflaschen, deren Etiketten verblichen sind, zeugen von extremen Trinkgelagen. Nur: Wer hält sich hier freiwillig auf? Müllsäcke kämpfen mit Bettmatratzen um die Vorherrschaft im Hof. Ein Einkaufswagen aus einem Supermarkt steht dort rum, daneben ein Bobbycar. Einsam und traurig.

Im Grunde sieht es so aus, als hätte jemand urplötzlich das Grundstück ver- und sich selbst überlassen. Ein bisschen was hat der Anblick von Prypjat, der nach dem Reaktor-Unglück von Tschernobyl urplötzlich verlassenen sowjetischen Geisterstadt. Nur mit dem Unterschied, dass seit der letzten Besiedlung nicht 25 Jahre, sondern maximal ein Jahr vergangen ist. Wenn überhaupt.

Die Stadt hat jetzt genug von dem Anblick und den Beschwerden der Anwohner: „Bauordnung und Ordnungsamt haben reagiert und dem Besitzer eine Frist gesetzt”, sagt Stefan Kaever. „Er muss zu unserer Aufforderung zu Sanierungsmaßnahmen in den kommenden zwei Wochen Stellung beziehen.” Ansonsten legt die Stadt im wahrsten Sinne selbst Hand an. „Dann wird der Eigentümer aber zur Kasse gebeten”, blickt der Pressesprecher für den Fall der Fälle voraus. Der „Schandfleck” genießt jetzt oberste Priorität.

„Eschweilers Visitenkarte”

Für die umliegenden Anwohner sind das gute Nachrichten. Der Nachbar aus der Invalidenstraße sagt trotzig: „Der neugestaltete Hauptbahnhof ist Eschweilers Visitenkarte. Diesen Zerfall sollte sich die Stadt nicht bieten lassen.”

Er sagt das auch, damit aus dem ersten Eindruck kein bleibender wird. Nicht nur für die hier ankommenden Reisenden, sondern für Eschweiler selbst.
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