Eschweiler - Referat: Wieviel Toleranz lässt der Islam zu?

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Referat: Wieviel Toleranz lässt der Islam zu?

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Glaubt, dass sich ein reformie
Glaubt, dass sich ein reformierter Islam durchsetzen wird: Prof. Dr. Hralad Suermann, Experte für die Geschichte des Christentums im Orient.

Eschweiler. In muslimischen Staaten sind Christen Bürger 2. Klasse. Aber wirkliche Christenverfolgungen in der islamischen Welt gibt es selten, sagt Professor Dr. Harald Suermann. Christen haben dort oft durch die Verfassung garantierte Rechte. „Wirklich verfolgt werden Konvertiten.”

Professor Dr. Suermann ist Fachmann für die Geschichte des Christentums im Orient und lehrt an der Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität, zugleich ist er Direktor am „Missionswissenschaftlichen Institut Missio e.V.” in Aachen. Er wohnt in Eschweiler - und hat erst am Mittwoch erfahren, dass er am Donnerstag im Gemeindezentrum St. Michael über „Die Lage der Christen in den arabischen Ländern nach der Arabellion” sprechen wird. Der ursprünglich vorgesehene Referent hatte aus familiären Gründen kurzfristig absagen müssen.

Eine Stunde lang sprach Dr. Suermann vor den Besucher des Forums „Gott und die Welt” der katholischen Pfarrgemeinde St. Peter und Paul über die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam.

Er nahm dabei Ägypten als Beispiel und belegte mit vielen Fakten seine These, dass Christenverfolgungen in islamischen Ländern die Ausnahme seien, dass es aber unterhalb dieser Ebene Diskriminierungen und Schikanen gebe, etwa im Schulsystem oder beim Bau von Kirchen. Fast eine weitere Stunde lang beantwortete er Fragen der Besucher. Hans Coenen vom Forum Gott und die Welt moderierte das Gespräch.

Harald Suermann warb in seinem Referat für einen differenzierten Blick auf die politische, soziale und religionspolitische Lage in den arabischen Ländern. Hinter den Schlagzeilen, beispielsweise über die Auseinandersetzungen zwischen koptischen Christen und Islamisten in Ägypten, seien die Hintergründe schwer zu erkennen. Auch die Koptisch-orthodoxe Kirche habe zu dem verhärteten Klima beigetragen.

Rund zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung sind koptisch-orthodoxe Christen, die Schätzungen liegen zwischen vier und zehn Millionen Menschen. Zudem gibt es in Ägypten etwa 200.000 katholische und 150.000 evangelische Christen. Viele gewaltsame Aus-einandersetzungen zwischen Islamisten und Kopten in den vergangenen Jahren haben sich an der Behauptung entzündet, dass „die Christen” eine junge Frau, die zum Islam übergetreten sei, in einem Kloster gefangen hielten. Solche Unruhen seien auch vom ägyptischen Geheimdienst ausgelöst wurden, um sie dann dem Terrornetzwerk Al Kaida in die Schuhe zu schieben.

Ohne auf den Wahrheitsgehalt solcher Behauptungen einzugehen, machte Dr. Suermann den Hintergrund deutlich. In Ägypten gibt es keine Zivilehe. Ehen werden von den religiösen Autoritäten geschlossen. „In der koptischen Kirche können Ehen nicht geschieden werden. Das wird auch vom Staat anerkannt. Wenn die koptische Kirche unter keinen Umständen die Trennung zulässt, bleibt einem Christen oder einer Christin nur die Möglichkeit, zu konvertieren. Dann wird die Ehe automatisch geschieden.”

Suermann schilderte den Fall der Frau eines koptischen Priesters - die meisten Priester in Ägypten sind verheiratet - die zum Islam konvertiert ist. „Ob unter Zwang oder nicht - wir wissen es nicht. Die Kirche forderte sie zurück aus den Händen der Muslime, und tatsächlich gab der Staat diese Frau in die Obhut der Kirche, was ja ein ungeheuerlicher Vorgang ist. Niemand weiß heute, wo diese Frau ist.” Bei einem solchen Religionsverständnis auf beiden Seiten, Islam wie Christentum, habe eine Frau keine Chance, eine individuelle Entscheidung zu treffen. „Sie wird von der Kirche reklamiert und in kirchlichen Gewahrsam genommen, vielleicht zum Schutz, oder vielleicht auch, damit sie nicht zum Islam konvertiert - was sie vielleicht will, um aus ihrer Ehe heraus zu kommen.”

Die Diskussion lief immer wieder auf die Fragen zu, wie groß die Toleranz des Islam gegenüber Christen sei und wohin sich die Länder des arabischen Frühlings entwickeln werden. Professor Dr. Suermann wies darauf hin, dass schon sehr früh in der Geschichte des Islam, ab dem Jahr 691, eine klare Verquickung von Religion und politischer Macht stattgefunden habe, „seit dieser Zeit herrscht eine Interpretation des Islams vor, in der es klar ist, dass eine Vorherrschaft des Islams angestrebt ist. Es kann in einem gewissen Maße Toleranz herrschen, solange nicht die Vorherrschaft der Muslime angekratzt wird.”

Für eine Neubewertung des heiligen Buches der Muslime, des Koran, gebe es jetzt erste Ansätze, berichtete Hans Coenen: „Im Grunde genommen, sagen die Strenggläubigen, darf es keine Interpretation des Korans geben. Aber es gibt durchaus ernst zu nehmende Versuche, den Koran und damit vielleicht auch die Scharia auszulegen so wie wir Christen das mit unserer Bibel über den Weg der historisch-kritischen Exegese gemacht haben.” Das werde aber wohl noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte dauern.

Die gleiche Hoffnung auf Wandel teilt Dr. Harald Suermann. Er hat einen anderen Ansatzpunkt: „Was im Moment gerade in der arabischen Welt passiert, interpretiere ich gerne analog zu dem, was im Dreißigjährigen Krieg passiert ist. Die Schiiten und die Sunniten (die beiden großen Strömungen im Islam) versuchen sich gegenseitig die Vorherrschaft und die Interpretationshoheit des Islams abzukämpfen. Iran und Saudi-Arabien sie die Vordersten dabei.” Das habe auch politische Gründe, wie seinerzeit der 30-jährige Krieg zwischen katholischen und protestantischen Ländern, bei des es um Macht und Religion gleichzeitig ging.

Suermann: „Ich denke, auch in diesem Streit wird es keine Gewinner geben, sondern nur zwei Verlierer. Und diese beiden Verlierer werden irgendwann zu einer ähnlichen Erkenntnis kommen wie wir auch, dass es möglich sein muss, dass man als Schiit und Sunnit nebeneinander leben kann.” Das wäre ein Ansatz zu einem liberaleren Religionsverständnis.

Suermanns Hoffnung lässt sich als Fazit des Gesprächsabends im Gemeindezentrum St. Michael ziehen: „Ich bin optimistisch, dass sich im Laufe der Zeit ein reformierter Islam, eine Neuinterpretation des Islams durchsetzt, und nicht die islamistische Richtung.” Der Islamismus sei eher „Zeichen einer gewissen gesellschaftlichen Schwäche”.
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