Ramadan: Sehnsucht nach dem Sonnenuntergang

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
8088776.jpg
Hayirli Ramazanlar – gesegneter Ramadan: Das Fasten gehört zum Glauben von Inci, Bayram, Enver und Muhammed (von links) dazu, auch wenn es manchmal schwer fällt. Foto: Sonja Essers
8087125.jpg
Gebet in der Ditib-Moschee an der Wollenweberstraße: Für die Muslime endet am 26. Juli der Fastenmonat Ramadan. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Enver, Muhammed, Inci und Bayram sitzen auf den schwarzen Ledersofas im Büro der Ditib-Moschee an der Wollenweberstraße. Während draußen tropische Temperaturen herrschen, ist das Klima im Inneren zum Glück angenehm.

Schließlich dürfen die Jugendlichen, die dem Jugendvorstand der muslimischen Gemeinde angehören, trotz Hitze nicht trinken. Der Grund dafür: Ramadan. „Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen wir etwas zu uns nehmen“, erklärt der 18-jährige Enver.

Wecker klingelt um 3.30 Uhr

Dass dies jedoch gar nicht so einfach sei, berichtet Muhammed. Momentan klingelt sein Wecker um 3.30 Uhr in der Nacht. Rund anderthalb Stunden hat der 18-Jährige dann Zeit, um sich zu stärken. Danach muss er bis zu 18 Stunden ohne Essen und Trinken auskommen. Nach dem Frühstück, das meistens aus Brot mit Marmelade besteht, legt er sich wieder hin und versucht zu schlafen, bis der Wecker am frühen Morgen erneut klingelt und er zur Arbeit muss.

Momentan arbeitet Muhammed auf einer Baustelle. Vor allem das warme Wetter macht ihm zu schaffen. Dies ist für ihn jedoch kein Grund, um mit dem Fasten aufzuhören. „Ich will es einfach durchziehen“, sagt der 18-Jährige entschlossen und ergänzt: „So schlimm wie man es sich vorstellt, ist es ja auch gar nicht.“

Die Jugendlichen sind sich einig: Wenn man die ersten Tagen überstanden habe, dann sei das Schlimmste geschafft. „Der Körper gewöhnt sich sehr schnell an die neue Situation“, sagt die 19-jährige Inci. Sie bestand in diesem Jahr ihr Fachabitur und ist froh, dass sie nicht während der Prüfungen auf Essen und Trinken verzichten musste.

Das Thema Ramadan spielt auch an Schulen wie der Gesamtschule Waldschule eine große Rolle. „Wir versuchen, ein verantwortungsvolles Fasten zu unterstützen“, sagt Lehrerin Annette Lüchow, „die Schüler sollen uns ja schließlich nicht umkippen.“ In dieser Woche arbeitet Lüchow mit der neuen elften Jahrgangsstufe an einer Projektarbeit. Rund ein Drittel der 60 Schüler fastet. Probleme habe es diesbezüglich noch nicht gegeben. „Diejenigen, die fasten, sind meistens auch schon älter“, sagt Lüchow.

Normalerweise beginnen junge Muslime mit Ramadan ab ihrem 15. Lebensjahr. Es gebe jedoch auch immer wieder Kinder, die diese Erfahrung mit ihren Familien teilen wollen. „Die Kleinen fasten meistens, bis sie Hunger bekommen und essen dann etwas“, sagt Inci. Für die Jugendlichen kommt das allerdings nicht in Frage. „Wir müssen unseren inneren Schweinehund besiegen. Nur so erfahren wir, wie sich die ärmeren Menschen fühlen“, sagt Enver.

Bereits mit zwölf Jahren haben die Vier mit dem Fasten begonnen. „Wenn die ganze Familie fastet, dann will man unbedingt mitmachen“, erzählt Muhammed. Auch heute sei er am Ende des Tages stolz, durchgehalten zu haben. „Wir verzichten auf unsere Bedürfnisse und lernen so den Wert des Essens zu schätzen“, meint er.

Unterstützung der Kollegen

Besonders dankbar ist der 18-Jährige für die Unterstützung seiner Arbeitskollegen. „Sie haben wirklich sehr viel Respekt und trinken nicht vor meinen Augen, sondern gehen einige Meter weiter.“ Er weiß jedoch auch, dass dieses Verhalten keineswegs selbstverständlich ist. „Mein Cousin arbeitet bei einem Unternehmen in Alsdorf. Sein Chef hat gesagt, wenn er fastet, dann fliegt er raus.“

Für Aussagen wie diese hat Dr. Manfred Hoffmann kein Verständnis. Der Indestädter beschäftigt in seinem Betrieb an der Bergrather Straße 230 Mitarbeiter. Davon beteiligen sich zwischen bis zu zehn am Ramadan. „Bei uns gibt es überhaupt keine Probleme“, sagt er. Es gebe Mitarbeiter, die sich zum Lesen des Korans zurückziehen würden, dies geschehe jedoch ausschließlich in den Pausen. „Wir behindern sie nicht, aber wir werden auch nicht von ihnen behindert“, sagt Hoffmann. Er akzeptiert das Fasten, so lange die Arbeit nicht darunter leide. Das sei aber nicht der Fall. Geschwächt seien die muslimischen Mitarbeiter in dieser Zeit nicht, glaubt er.

Die Jugendlichen haben nun Sommerferien. Wie verbringen sie die Zeit bis zum Abend? Eins steht fest: „Man darf nicht den ganzen Tag schlafen, nur damit die Zeit schneller vergeht“, sagt Inci. Treffen mit Freunden und Spaziergänge stehen deshalb genauso auf dem Programm wie Sport. Natürlich in einem gesunden Maße.

Auch bezüglich ihrer Ernährung haben die jungen Erwachsenen den ein oder anderen Tipp auf Lager. So sollte man salzige Lebensmittel möglichst meiden, denn die Konsequenzen könnten unangenehm sein. „Ich habe am ersten Tag viel Schafskäse gegessen und hatte dann den ganzen Tag Durst. Das war eine Qual“, sagt Muhammed, „das wird mir mit Sicherheit nicht nochmal passieren“.

Noch 19 Tage Ramadan haben die Jugendlichen vor sich. „Der Countdown läuft“, sagt Enver und fügt hinzu: „Alle paar Tage geht die Sonne zwei Minuten früher unter, dann dürfen wir auch früher essen. Und zwei Minuten machen wirklich viel aus.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert