Eschweiler - Ramadan bei Sommerhitze: Keine Qual

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Ramadan bei Sommerhitze: Keine Qual

Von: Nicola Gottfroh
Letzte Aktualisierung:

Eschweiler. Es ist ein heißer Tag. Talip Akpinar (20) verlässt schweißnass das Fußballfeld des SV Falke Bergrath. Seine Mitspieler greifen unmittelbar nach Verlassen des Platzes zur Wasserflasche, um die leeren Zellen nach dem harten Training wieder mit Wasser zu füllen. Talip nicht.

Er muss noch drei Stunden warten, bis er sich den ersten Schluck Wasser genehmigen darf - solange, bis die Sonne untergegangen ist. Seine Fastenregeln verbieten ihm das Trinken - denn als Moslem begeht Talip Ramadan.

Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders, in dieser Zeit verzichten Muslime 30 Tage lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken und Genussmittel wie etwa Zigaretten. Das Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islam und wird auch in Eschweiler von vielen Muslimen praktiziert. So auch von der Familie Akpinar.

Viel Rücksicht

Eine Last ist das Hungern und Dursten für die Ibrahim und Funda Akpinar und ihre Kinder Talip, Salih (15) und Merve (11) nicht. „Das ist eine Kopfsache - der Körper schaltet diese Bedürfnisse vollständig ab”, erklärt Mutter Funda Akpinar. Und zum Glück nehme auch die Umwelt sehr viel Rücksicht auf die Fastenden. „Wir wurden noch nie mit Unverständnis von Deutschen konfrontiert. Die meisten sind sogar sehr rücksichtsvoll uns Fastenden gegenüber”, sagt Funda Akpinar.

Das können auch die Kinder bestätigen. „Meine Freunde in der Schule und sogar die Teamkollegen aus der Fußballmannschaft fragen nach dem Training immer, ob es in Ordnung ist, wenn sie vor meinen Augen etwas trinken. Aber natürlich können sie das. Ich komme damit gut klar”, sagt Talip. Nur wenn der Fachabiturient seinem Ferienjob in der Waffelfabrik in Weisweiler nachgeht, der Magen knurrt und ihm der Duft vom frischgebackenen Gebäck in die Nase steigt, fällt es ihm schwer, stark zu bleiben. „Aber Waffeln schmecken ja auch nach Sonnenuntergang noch gut”, sagt er und grinst.

Selbst bei der großen Hitze, die in der vergangenen Woche herrschte, hielten sie sich die Akpinars streng an die Regeln. „Wir würden uns ja sonst nur selbst betrügen”, sagt die elfjährige Merve, die schon seit drei Jahren mit der Familie fastet. „Es ist sonst komisch, wenn die anderen nicht essen und trinken dürfen und ich die einzige bin, die davon ausgeschlossen ist. Dann mache ich doch lieber mit - auch wenn ich es eigentlich noch gar nicht muss, weil ich noch so jung bin”, zeigt sich das Mädchen solidarisch.

Doch fasten im Sommer, das geben die Akpinars zu, kann schon zur Herausforderung werden. Im Winter, wenn die Tage kürzer sind, sei es eindeutig leichter, erklärt Mutter Funda Akpinar. Ramadan im Winter - auch das kann es geben. Denn gegenüber dem sonst üblichen Sonnenkalender verschiebt sich der Mondkalender pro Jahr zehn oder elf Tage nach vorne - Ramadan durchschreitet also alle Jahreszeiten. Die Gläubigen erleben also in ihrem Leben kürzere Fastentage im Winter und längere im Sommer.

Aber ob im Sommer oder Winter gefastet wird: Ramadan prägt den Alltag, stellt ihn regelrecht auf den Kopf. Deshalb hat es auch positives, wenn die Fastenzeit in den Sommer fällt. Dann überschneidet sich Ramadan nämlich mit den großen Ferien. „Und das ist gut für die Kinder”, sagt Funda Akpinar.

Denn weil sich erst spät die gesamte Familie um den großen Tisch im Esszimmer der Akpinars versammelt und dann noch um 23 Uhr das Ramadan-Gebet ansteht, machen sie wie viele andere die Nacht zum Tag. So wie viele andere Menschen ihres Glaubens in Eschweiler. „Meistens gehen wir alle, auch die Kinder, erst nach 2 Uhr nachts ins Bett. Und bereits vor Sonnenaufgang stehen wir wieder auf, um gemeinsam zu frühstücken und dann in die Moschee zu gehen”, erzählt Funda Akpinar. „Die Kinder würden ja rückwärts vom Stuhl fallen, wenn sie jetzt zur Schule müssten”, sagt sie. Oft aber fiel Ramadan aber auch schon mit der Schulzeit zusammen. „Die meisten Lehrer bekommen aber gar nicht mit, dass wir fasten. Wir kommen dann ja nicht ständig zu spät, und laufen mit knurrendem Magen und dem Kopf unter den Armen umher”, sagt der 15-jährige Salih. Und in diesem Jahr spielt das Thema Schule ohnehin keine Rolle. Weil Ferien sind, kann der Akpinar-Nachwuchs bis Mittags schlafen. „Dadurch verkürzt sich dann ja auch der Fastentag”, sagt Funda Akpinar.

Auch Vater Ibrahim hat sich für das vierwöchige Fasten Urlaub genommen. „Das wäre sonst zu kompliziert”, sagt er. Denn als Maschinenführer bei Westpharma hat er wechselnde Schichten - und die lassen sich nur schwer mit den Gebets- und Essenzeiten vereinbaren. Das weiß er aus Erfahrung - denn nicht immer lässt sich der Urlaub in die Fastenzeit legen. „Aber wenn ich arbeiten muss, dann haben die Kollegen bislang immer viel Verständnis gezeigt”, sagt der 40-Jährige Familienvater. Und essen, trinken und rauchen dürfe man im Werk ohnehin nur im Pausenraum - „also muss man den anderen gar nicht beim Essen zuschauen, wenn man nicht will”, fügt er hinzu. Probleme mit Kollegen oder Vorgesetzten - die habe es noch nie gegeben.

Probleme durch Ramadan hat es auch im Röhrenwerk in Eschweiler bislang noch nie gegeben. „Bei uns arbeiten eine ganze Reihe von Muslimen, und einige von ihnen begehen auch Ramadan. Aber wir sind ein sehr multikulturell geprägtes Unternehmen”, sagt der ESW-Betriebsratsvorsitzende Ingo Zimmermann. „Wir mischen uns da nicht ein. Unsere Mitarbeiter haben keine festgeschriebenen Pausenzeiten. Ob sie in denen nun Essen oder Beten, ist egal - Hauptsache sie stören die anderen Mitarbeiter nicht und sorgen dafür, dass während der Pausenzeiten eine Vertretung am Arbeitsplatz steht.”

Statt Unverständnis zeigten auch viele Kollegen der Akpinars echtes Interesse und Faszination. „Viele Menschen wollen einfach wissen, warum wir fasten. Beim muslimische Fasten steht - wohl noch stärker als beim Fasten der Christen - das bewusstere Erfahren der Religion im Vordergrund. Und wenn man ihnen erklärt, dass man Ramadan begeht, um nachzuempfinden, wie schlecht es den Armen in der Welt geht, und wir damit noch einmal unsere Wertschätzung und unseren Dank dafür ausdrücken, dass es uns so gut geht, dann verstehen das viele noch besser”, sagt Funda Akpinar.

Verständnis ist nicht nur an Arbeitsplätzen gefragt - auch im Krankenhaus ist muss man sich auf die Fastenden einstellen. Zwar sind Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende Mütter oder Reisende von der Fastenpflicht ausgenommen. Aber wer mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus liegt, der möchte vielleicht trotzdem Fasten. „Deshalb ist es bei uns so, dass das Essen zwar zu den üblichen Zeiten ausgefahren wird, für die Muslime aber nach Sonnenuntergang noch einmal erwärmt wird”, sagt Doris Müller aus dem Krankenhaus Eschweiler.

Abnehmen - schwer möglich

Abnehmen wollen die meisten Muslime mit dem Fasten übrigens nicht. „Das ist auch schwer - immerhin steht abends beim Fastenbrechen immer ein Festmahl an”, sagt Funda Akpinar. Und auch das Zuckerfest, mit dem die Ramadan-Zeit in diesem Jahr am 19. August enden wird, sorgt nicht gerade dafür, dass die Pfunde purzeln. „Da wird drei Tage gefeiert, man besucht die ganze Familie und muss überall etwas essen”, erklärt die 40-jährige Mutter. Bis dahin ist es noch eine Weile, in der sich hungern und schlemmen abwechseln.

Langsam wird es Abend in der Preyerstraße und Funda Akpinar begibt sich allmählich in die Küche, um der hungernden Meute wie an jedem Ramadan-Tag ein kleines Festmahl zu kreieren. Heute steht Suppe, Salat und Lasagne auf dem Speiseplan. Dann einen guten Appetit.
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