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Pflegeeltern erzählen: Eine neue Familie auf Zeit

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
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Griff zum letzten Strohhalm: Kinder, die nicht zu Hause bleiben können, werden auch in den 70 Pflegefamilien in Eschweiler untergebracht. Foto: Stock/Niehoff

Eschweiler. Es ist mitten in der Nacht, als plötzlich das Telefon klingelt. „Wir sind in zehn Minuten bei ihnen“, sagt eine Stimme. Wenige Minuten später ist es soweit: Die Mitarbeiter des Jugendamtes stehen vor der Tür.

Mit einem Kind, dass eine Unterkunft benötigt, weil es bei der eigenen Familie nicht mehr leben kann. Situationen wie diese sind für Familie Meyer (Name von der Redaktion geändert) nicht ungewohnt. Seit 24 Jahren nehmen Maria und Theo Meyer Pflegekinder auf. „Für uns ist es eine Art Berufung“, sagt Maria Meyer.

Schon immer interessierte sich die dreifache Mutter für das Thema Pflegefamilien. Zunächst kümmerte sie sich jedoch um ihren Beruf und die Gründung einer eigenen Familie. Erst als sie selbst zwei kleine Kinder hatte, kam der Gedanke, ein Pflegekind großzuziehen. Familie Meyer entschied sich, mit der sogenannten Bereitschaftspflege zu starten. Das bedeutet, dass zu jeder Uhrzeit Mitarbeiter des Jugendamtes anrufen können. In 24 Jahren hat die Familie so 40 Notfallpflegekinder bei sich aufgenommen.

Am Ende der Kette

„Notpflegekinder bleiben so lange bei einer Pflegefamilie, bis geklärt ist, wie es weitergeht“, erklären Annegret Goebbels-Roob und Christiane Preuschoff. Sie zählen zum Pflegekinderdienst des Jugendamtes der Stadt Eschweiler und wissen, dass es für Kinder einen großen Einschnitt bedeutet, aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen zu werden. „Wir versuchen immer, die Familien erst einmal zu stärken. Die Herausnahme steht ganz am Ende der Kette“, meint Goebbels-Roob.

Die Gründe dafür seien verschieden. Eine große Rolle spielen Kindeswohlgefährdung, Missbrauch und Verwahrlosung. Maria und Theo Meyer haben auch schon erlebt, „dass Kinder selbst zum Jugendamt gegangen sind und aus ihrer Familie herausgeholt werden wollten“. Wenn ein Kind aus einer Familie herausgenommen wird, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es kann zurückkehren, sobald die Situation geklärt ist, oder es bleibt dauerhaft in einer Pflegefamilie.

Nach einigen Jahren entschied sich auch Familie Meyer dazu, ein Dauerpflegekind aufzunehmen. Zunächst schien alles perfekt. Das Kind lebte sich gut ein und fühlte sich wohl. Doch die leibliche Mutter bedrängte es und so gab es nur einen Ausweg: Das Kind musste die Stadt wechseln und kam in eine neue Pflegefamilie. Dieser Abbruch sei nicht leicht gewesen, erklärt Maria Meyer. „Man muss immer darauf gefasst sein, dass es dazu kommen kann – das gehört einfach mit dazu.“ Von dem Abbruch ließ sich die Familie nicht entmutigen. Bereits kurze Zeit später kamen wieder zwei Pflegekinder in die Familie. Diese sollten zwar nur wenige Monate bleiben, wurden jedoch nach zwei Jahren zu Dauerpflegekindern.

Die erfahrene Pflegemutter ist der Meinung, dass dies ein Grund sein könnte, warum es so wenige Pflegefamilien gibt. „Ich denke, dass viele vor dieser Situation Angst haben“, sagt sie. Momentan stehen in der Indestadt 70 Pflegefamilien zur Verfügung, die 120 Pflegekinder betreuen. Der Bedarf an Pflegefamilien ist nach wie vor groß. Derzeit sind in einigen Familien mehrere Kinder untergebracht.

Das ist auch bei Familie Meyer der Fall. Dort leben momentan drei Dauerpflegekinder. Dies stellte die Familie Meyer vor neue Probleme. „Unser Haus war viel zu klein“, erinnert sich Theo Meyer. So entschied sich die Familie, ein größeres Haus zu kaufen. Mehr noch: „Wir hatten so viel Platz, dass wir uns dazu entschieden haben, auch wieder Notpflegekinder aufzunehmen“, sagt Maria Meyer. Einige davon blieben nur wenige Tage, andere wiederum waren eineinhalb Jahre lang ein Teil der Familie. Dazu gehörten nicht nur Babys, Kleinkinder und Jugendliche, sondern auch junge Mütter mit ihren Kindern.

Zu Spitzenzeiten lebten bei Familie Meyer acht Kinder. „Wenn ich einkaufen war, dann hatte ich immer zwei volle Einkaufswagen.“ Sie lacht, während sie dies sagt. Doch in den vergangenen 24 Jahren haben sie und ihr Mann nicht nur schöne Momente erlebt. Immer wieder gebe es Menschen, die Vorurteile hätten. Sie behaupten, man mache das nur wegen des Geldes.

Genaue Zahlen nennen die Meyers nicht. Auf dem Kinderpflege-Portal „Moses-Online“, das von den Mitarbeiterinnen des Jugendamtes empfohlen wird, sind die Zahlen für Nordrhein-Westfalen aufgelistet. Demnach erhalten Pflegeeltern seit dem 1. Januar 2014 für ein Dauerpflegekind bis zum vollendeten siebten Lebensjahr 722 Euro monatlich. Dieser Betrag besteht aus den materiellen Aufwendungen (489 Euro) sowie den Kosten der Erziehung (233 Euro). Für ein Dauerpflegekind bis zum vollendeten 14. Lebensjahr liegt der Betrag monatlich bei 792 Euro (559 Euro/233 Euro). Für Jugendlichen ab dem vollendeten 14. Lebensjahr bis zum vollendeten 18. Lebensjahr und junge Volljährige im Einzelfall gibt es 914 Euro monatlich (681 Euro/233 Euro).

Annegret Goebbels-Roob und Christiane Preuschoff stellen allerdings klar: „Das Pflegegeld darf nicht zum Unterhalt dienen.“ Doch welche Voraussetzungen müssen Pflegeeltern erfüllen? „Die Betroffenen müssen vor allem tolerant und offen sein. Schließlich spielen auch die Herkunftsfamilien weiterhin eine große Rolle“, berichten sie.

Regelmäßige Treffen

Dass das jedoch nicht immer einfach ist, weiß Familie Meyer. „Man muss unbefangen auf die Herkunftsfamilie zugehen und darf die leiblichen Eltern nicht schlecht machen.“ Regelmäßige Treffen mit den leiblichen Eltern gehören für Familie Meyer zum Alltag dazu. Damit diese an einem neutralen Ort stattfinden können, haben sich die Eschweiler Pflegeeltern für einen eigenen Raum eingesetzt. Dieser befindet sich im Keller des Rathauses.

Im Laufe der Jahre hat sich Familie Meyer auf jede erdenkliche Situation vorbereitet. Auf dem Speicher stehen zahlreiche Kartons mit Spielsachen und Kleidung. Das Ehepaar weiß: „Die Kinder kommen mit nichts und das, was sie haben, kann man nicht gebrauchen.“ Kaputte Schuhe und Läuse seien keine Seltenheit.

Auch Stefan Pietsch, Leiter der Abteilung Soziale Dienste des Jugendamtes der Stadt Eschweiler, weiß: „Vor Pflegefamilien muss man den Hut ziehen. Schließlich hat zu Beginn keiner eine Glaskugel und weiß, wie es ausgeht. Die Unsicherheit bleibt die ganze Zeit über bestehen.“

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