Pfarrer Martin Fuchs: Zwischen Schießbude und Achterbahn

Von: Andreas Gabbert
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Circus- und Schausteller-Seelsorge
Auf Jahrmärkten und Zirkusplätzen stets ein gern gesehener Gast: Pfarrer Martin Fuchs. Der 52-Jährige ist hauptamtlicher Leiter der katholischen Circus- und Schausteller-Seelsorge. Foto: Andreas Gabbert

Eschweiler. Den Altar hat Martin Fuchs schon aufgebaut. Ein silberner Engel und eine Kerze stehen neben den goldenen Krügen und Schalen auf dem Gabentisch. Die Wände sind quietschbunt bemalt. Statt Heiligenfiguren schmücken Comicfiguren den Raum.

Seine Kirche ist da, wo er seinen Altar aufbaut - auf der Raupenbahn, neben den Autoscootern oder vor der Schießbude.

Pfarrer Martin Fuchs ist der hauptamtliche Leiter der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge, einer Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz. Seit acht Jahren macht er diesen Job.

An diesem Tag hat ihn sein Weg nach Eschweiler in Rocolinos Kinderwelt geführt, wo sich die Schaustellerfamilie Gormanns niedergelassen hat. Diesmal steht die Taufe der kleinen Noamie auf dem Programm.

Der 52-Jährige reist von einem Festplatz, von einem Zirkus zum anderen. Bei allen wichtigen Ereignissen ist er dabei: Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen.

Auch bei ernsten Dingen ist er gefragt. Wenn die Menschen weit weg von zuhause unterwegs sind, dort wo man niemand kennt, und seelischen Beistand brauchen, dann kommt er. Das Auto ist seine rollende Sakristei. Im Kofferraum findet er alles, was er braucht: Hostien, Messwein, Kelche und das Messgewand.

Die Menschen im Zirkus- und Schaustellergewerbe sind dankbar, wenn Fuchs zur Taufe, Trauung oder Firmung kommt. „Oftmals können an einem Gastspielort nicht einmal die Formalitäten geregelt werden”, sagt der Pfarrer. Deshalb ist die Schaustellerseelsorge darauf eingestellt, die Familien auch über mehrere wechselnde Standorte zu begleiten. „In den pastoralen Gesprächen werden viele Sorgen oft offen vorgetragen: finanzielle Probleme, Einsamkeit, Sinn- und Zukunftsfragen, Probleme bei der Vergabe von Standplätzen, Krankheit und vieles mehr.”

Die Menschen fühlen sich mit ihm verbunden und er sich mit ihnen. Er weiß mit ihren Macken umzugehen. Er kennt die Familien. „Das ist wie in einem Dorf, einem großen Dorf”, sagt Fuchs.

230 Tage im Jahr ist er unterwegs und legt dabei rund 90 000 Kilometer zurück. Es gibt kaum ein Volksfest, auf dem er niemand kennt. Deshalb sieht er sich zuerst den Festplatz an und dreht eine Runde über die Kirmes, wenn er in einer neuen Stadt ankommt. Er besucht die Leute, geht von einem Geschäft zum anderen und fragt, wie es ihnen geht. Er schaut immer zuerst hinter den Stand - nicht auf die Waren, sondern auf den Menschen.

Er ist kein Besucher, sondern Gast. Diese Unterscheidung ist dem Pfarrer wichtig. „Die Besucher kommen, um zu genießen. Die Schausteller sind da, weil sie davon leben, und ich bin bei ihnen zu Gast. Wenn ich als Gast anklopfe, dann freuen sich die Schausteller auch, wenn ich mal Karussell fahre. Wenn sie sagen können ?Der Pfarrer fährt bei uns auch mit, ist das immer schön.”

Neue Fahrgeschäfte probiert er liebend gerne aus. Der Fünfer-Looping ist eines seiner liebsten Fahrgeschäfte. Einmal ist er vier Stunden ununterbrochen mit dem Musik-Express gefahren. Das war 1979 am Ende seines Studiums. „Die Leute haben Wetten abgeschlossen, wann ich endlich genug habe. Aber ich habe es genossen und bin nur ausgestiegen, weil ich keine Chips mehr hatte”, sagt Fuchs und lacht dabei.

Auf Dauerfahrten lässt er sich heute zwar nicht mehr ein, aber immer noch wird jedes Fahrgeschäft ausprobiert. „Man muss ja schließlich mitreden können.”

20 Jahre lang war er ehrenamtlich als Seelsorger für das fahrende Volk tätig, bevor ihn die Bischofskonferenz zum hauptamtlichen Leiter der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge bestellte. Damit ging für Fuchs ein Traum in Erfüllung.

Seit Kindertagen in Kontakt

„Die Reise muss einem bekannt sein und man sollte Zugang zu den Leuten haben”, sagt Fuchs. Er bringt beides mit. Seine Großmutter war Marktkauffrau, und so ist er schon seit den Kindertagen mit den Marktkaufleuten in Kontakt gekommen.

Wenn Schausteller in seiner Heimatstadt Nürnberg waren, dann war Fuchs immer mitten im Getümmel zu finden. Er hat beim Aufbau geholfen, und natürlich ist er auch gern Karussell gefahren. Später ist er in den Schulferien auf die Festplätze gefahren, um der Welt der Schausteller näher zu sein. Heute wohnt er in Neumarkt. „Das ist mein Rückzugsort”, sagt er.

Die Taufe der kleinen Noamie dauert nicht lange. Fuchs bringt die Zeremonie in der Eschweiler Kinderwelt schnell über die Bühne. Er spricht seine eigene Sprache. „Aber die Ernsthaftigkeit und ein konkreter Bezug muss da sein, es soll angemessen sein”, erklärt der Pfarrer.

Der Spagat zwischen Vergnügen und Religion ist für ihn nicht immer einfach. Aber er gelingt, weil die Menschen offen auf ihn reagieren.
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