Eschweiler - Perspektiven für Flüchtlinge ohne Familie

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Perspektiven für Flüchtlinge ohne Familie

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
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Herbst 2014, Provinz Sanliurfa an der türkisch-syrischen Grenze. Türkische Soldaten hindern tausende syrische Flüchtlinge am Grenzübertritt. Viele von ihnen suchen Sicherheit in Europa. Manche bei uns in Eschweiler. Für sie suchen Jugendamt und Haus St. Josef jetzt weltoffene Pflegefamilien. Foto: Stock
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Ziehen an einem Strang: Annegret Goebbels-Roob vom Jugendamt, St.-Josef-Haus-Leiter Wolfgang Gerhards, sowie Stefan Pietsch und Jürgen Termath vom Jugendamt (von links). Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Sie kommen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Guinea, Eritrea und anderen Staaten Nordafrikas. Junge Leute, die eine wochenlange, oft sogar Monate dauernde Flucht auf sich genommen, um in Europa Sicherheit zu finden vor Folter, Misshandlung und Tod. Sie reisen allein, ohne Familie.

Die wartet oft in der Heimat darauf, dass der Sohn in Deutschland Geld verdient und ihr unter die Arme greift, um ihr Überleben oder ihre Ausreise aus Kriegs- und Terrorgebieten zu finanzieren. Andere haben ihre Eltern und Geschwister durch Krieg oder auf der Flucht verloren.

Hoch motivierte junge Leute

Für manche dieser jungen Leute heißt der Hafen, in dem sie Sicherheit finden, Eschweiler. 40 junge, alleinreisende Flüchtlinge hat das Haus St. Josef in Eschweiler bereits für einige Wochen in seine Obhut genommen, derzeit sind 15 hier untergebracht. Tendenz steigend. Denn seit die Bundespolizei in die Indestadt umgezogen ist, ist Eschweiler zuständig für die Unterbringung alleinreisender, jugendlicher Flüchtlinge, die in der Region von Bundespolizisten aufgegriffen werden.

„Die Jugendlichen, die sich hierher auf den Weg gemacht haben, haben dies aus eigener Motivation getan. Sie wollen ihr Leben in die Hand nehmen, wollen etwas aus sich machen und sind überaus lerneifrig“, berichtet Wolfgang Gerhards, Leitet des Hauses St. Josef für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, von seinen Erfahrungen. „Der erste junge Mann, der bei uns ankam, war Assad. Assad lernte schnell Deutsch, wohnt inzwischen in Aachen und hat dort eine Lehre in einen Handwerksbetrieb abgeschlossen. Fast alle jungen Flüchtlinge bemühen sich, ihren Hauptschulabschluss zu machen und eine Ausbildung zu begonnen. Der Lerneifer ist einfach enorm.“

Allein von 2013 auf 2014 hat sich die Zahl in der Region angekommener, unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge fast verdoppelt. Um diesen jungen Leuten eine lebenswerte Zukunft zu geben, haben sich Jugendamt und Haus St. Josef zusammengesetzt und ein Konzept erarbeitet. Mit im Boot: das Agnes-Heim in Stolberg. In den beiden Heimen werden unbegleitete Jugendliche in Gruppen untergebracht. Hier wird festgestellt, wie der aufenthalts- und asylrechtliche Status der jungen Leute ist, wie es gesundheitlich um sie bestellt ist, wie ihre Sprachkenntnisse und ihre Bedürfnisse sind. Mehrere Monate dauert diese „Clearing“-Phase, dann sollen die jungen Leute möglichst bei Verwandten oder in Pflegefamilien untergebracht werden. Letzte Möglichkeit: die weitere Betreuung in einer Regelgruppe des Kinderheims.

Und hier setzt der Appell ein, den Jugendamt und Heim an die Eschweiler Bürger richten: „Wir suchen belastbare Familien, gerne mit Migrationserfahrungen, die minderjährige Flüchtlinge, die unbegleitet nach Deutschland gelangt sind, bei sich aufnehmen und ihnen ein Zuhause geben möchten, möglichst bis zur Selbstständigkeit“, sagt Diplom-Pädagogin Annegret Goebbels-Roob vom Eschweiler Jugendamt und spricht damit nicht nur Familien im herkömmlichen Sinne an, sondern auch geeignete Lebensgemeinschaften etc. Zum Beispiel Paare in der „Empty-Nest-Phase“, sprich: deren eigene Kinder das Elternhaus bereits verlassen haben und die ihre Aufmerksamkeit dann für zwei-drei Jahre einem anderen Jugendlichen widmen wollen.

„Die Familien sollten offen sein gegenüber anderen Kulturen und Lebensweisen, Verständnis aufbringen für mögliches Verhalten, das aus traumatischen Belastungen entsteht, Zeit und räumliche Möglichkeiten haben und bereits Erfahrungen haben oder bereit sein, Erfahrungen mit Jugendlichen verschiedener Kulturkreise zu machen“, betont Goebbels-Roob. „Die Jugendlichen“, ergänzt ihr Kollege Stefan Pietsch, „benötigen Unterstützung im Hinblick auf Integration, Sprache, Schule, Ausbildung und Förderung interkulturellen Lebens.“

Wer interessiert ist, der kann darauf bauen, dass er neben einer gestaffelten Entlohnung qualifizierte Schulungen und Fortbildungen erhält, während der Pflegezeit von Experten betreut wird, bei Konflikten kompetente Ansprechpartner hat und sich auch mit anderen Pflegefamilien austauschen kann.

Dafür muss er sich allerdings zunächst vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes auf seine grundsätzliche Eignung überprüfen lassen.

Und da jede Unterbringung von Kindern und Jugendliche individuell der Wohl der Heranwachsenden gerecht werden soll, folgt auch die Vermittlung festen Regeln: In der Clearingphase lernen die Mitarbeiter von Haus St. Josef und Jugendamt die betreffenden Jugendlichen soweit kennen, dass sie gut beurteilen können, wer in welche Familie passt. Ersten Informationen an die potenziellen Pflegeeltern folgt ein erstes Kennenlernen, ein langsames Anbahnen. „Vielfach traumatisierte Kinder müssen langsam in die Lage versetzt werden, sich wieder auf Beziehungen einzulassen“, sagt Jugendamtsleiter Jürgen Termath. Einen „Basar“, in dem mögliche Pflegeeltern sich aus einem bunten Angebot zu vermittelnder Kinder das hübscheste aussuchen – so etwas gibt es nicht. „Schließlich suchen wir immer eine Familie für ein Kind und nicht ein Kind für eine Familie“, unterstreicht Jugendamt-Mitarbeiter Stefan Pietsch.

Mit zahlreichen Flyern und Plakaten macht das Haus St. Josef jetzt Werbung für die Aktion, Pflegefamilien für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge zu finden. So schnell wie möglich sollen die ersten geschult werden. Denn wie groß der Zulauf junger Menschen aus den Kriegsgebieten dieser Erde in den kommenden Monaten sein wird, lässt sich weder vorhersagen noch steuern. „Die Ströme richten sich nicht nach unseren Kapazitäten. Notfalls müssen wir uns in Sachen Unterbringung etwas einfallen lassen“, sagt Jürgen Termath. Container zum Beispiel.

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