Eschweiler - Peace, Musik und ab und zu ein Pfeifchen Hasch

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Peace, Musik und ab und zu ein Pfeifchen Hasch

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
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Die „Glory‘s-Macher“: Geschäftsführer Jesus Molina, ein Tänzer, Inhaber Rudi Drehsen und DJ Siggi Rösseler.
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Im Eschweiler der späten 60er und der 70er Jahre war nicht nur die (Jugend-) Kultur im Umschwung. Auch das Stadtbild veränderte sich dramatisch. Ganze Straßenzüge wichen der Indestraße. Altbauten machten Platz für zeitgemäße Wohn- und Geschäftshäuser. Hier die heutige Ecke Indestraße/Marktstraße.
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Derr Blick vom Knickertsberg auf die Marktstraße.
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Die Indestraße mit dem Volksbank-Neubau.

Eschweiler. Genau ein Jahr ist es her, dass Norbert Schmitz sein erstes Buch vorlegte. „Beatball“ hieß das. Untertitel: „Als der Rock‘n‘Roll nach Eschweiler kam“. Jetzt ist der Mann zum Wiederholungstäter geworden: Am Donnerstag erscheint Band 2.

Unter dem Titel „Peace – Eschweiler-Berlin-Eschweiler“ lässt Norbert Schmitz, dessen erstes Buch den 50er und 60er Jahren galt, die Eschweiler Jugend- und Musikszene der 70er Jahre bis über den Jahrtausendwechsel hinaus Revue passieren. Und das auf sehr persönliche Art: Neben ungezählten Anekdoten aus seiner Biografie und seinem Umfeld berichtet der Autor auch vom Umzug der Brüder Norbert und Harald ins wilde Nach-68er-Berlin und der Rückkehr an die Inde, wo sein Bruder Harald das heute legendäre Markt-Café in der Schnellengasse eröffnete. Eine Kneipe, die Generationen von Schülern zur zweiten Heimat wurde, bis Harald Schmitz viel zu früh starb.

Auch wenn die Eschweiler Leser sich vornehmlich für das interessieren dürften, was Norbert Schmitz aus der Indestadt der vergangenen Jahrzehnte zu berichten hat, so sind doch auch seine Berichte aus dem geteilten Berlin, in dem die allgemeine Wehrpflicht nicht galt, lesenswerte Zeugnisse einer Epoche: einer Epoche, in der Hippiekommunen neue Formen des Zusammenlebens praktizierten, in der die Millionenstadt von Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen erschüttert wurde, in der in einer Stadt, in der Stacheldraht und Mauer der Realität enge Grenzen setzten, LSD-Trips neue Horizonte eröffnen sollten.

Es war die Zeit von Woodstock und Hare Krishna. Und des Open-Air-Pop-Festivals in der Aachener Soers, des bis dahin größten Festivals in Europa. Auf der Bühne unter anderen: Pink Floyd, Taste, Canned Heat, Traffic, Deep Purple, Kraftwerk, Champion Jack Dupree, T-Rex, Golden Earring, Free, The Can, Mungo Jerry und Fairport Convention. Samt und sonders Weltstars.

Für Norbert Schmitz war es die Zeit von Black Sabbath auf der einen und Leonard Cohen auf der anderen Seite. Die Zeit, in der ganze Konzertsäle in einer dichten Haschwolke lagen und die Schmitz-Brüder „fast jeden Tag unser Pfeifchen mit Gras“ rauchten.

Später, zurück in Eschweiler, traf Schmitz im Stadtgarten, in Kneipen und Jugendheimen die unterschiedlichsten Typen, von denen etliche sich jetzt auf den Buchseiten wiederfinden: Typen, von denen manche sicher ein eigenes Buch wert wären. Heinz Deiss-Strom zum Beispiel, der in den Niederlanden einer Sekte beitrat, später nach Korsika ging, sich dort der Fremdenlegion anschloss und heute als Fitnesstrainer auf La Réunion im Indischen Ozean lebt.

Norbert Schmitz‘ Streifzug durch die Jahrzehnte wirft Schlaglichter auf die 70er. Als lange Haare nicht mehr als Protest gegen das Establishment galten, sondern zum Massenphänomen und Modetrend selbst und hochbezahlten Fußballern wurden. Norbert Schmitz‘ Konsequenz: Er ließ seine Mähne millimeterkurz abrasieren. Was Folgen hatte: „Bei den Mädchen konnte ich keine Schnitte mehr machen, die standen eben auf Jungs mit langen Haaren. Aber ansonsten fühlte ich mich super!“

In einer Zeit, in der die Beatbälle der 60er Jahre Vergangenheit waren und in den Lokalen „Schlager und Egerländer“ liefen, hatten junge Leute nur wenige Möglichkeiten, „ihre“ Musik zu erleben. Jugendamtsleiter Helmut Henkel, so erinnert sich Norbert Schmitz, war es, der ermöglichte, dass der heute längst abgerissene Musikpavillon im Stadtgarten ein- zweimal im Jahr zur Bühne für Rockkonzerte wurde.

„Die Eschweiler Bevölkerung hatte ihr Urteil längst gesprochen. Von Faulenzern und langhaarigem, Gesocks war die Rede. Sie sahen uns ja immer nur auf der Wiese liegen oder im Pavillon sitzen und hatten den Eindruck, dass wir gar nichts tun würden, außer im im Stadtpark herumzuhängen. Dabei waren wir nur ganz normale Jugendliche, Lehrlinge, Schüler oder Studenten, die im Stadtpark einen Ort gefunden hatten, um sich zu treffen.

Wir entsprachen nicht der Norm; wir bekamen den Stempel ,drogensüchtige Gammler‘ aufgedrückt“, sagt Schmitz. Er selbst trat mit „Höllenfeuer“ im Stadtgarten auf. Weitere Eschweiler Bands dieser Zeit waren unter anderen „Take Off“, „MacKintosh“, „The Fume“, „Lucky Paranoia“ und „Hocus Pocus“.

Schmitz erinnert selbstredend auch an ein Phänomen, das Eschweiler weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt machte: die Schnellengasse. Hier betrieb Bruder Harald, der zuvor an der Jülicher Straße die Musikkneipe „Struwwelpeter“ geführt hatte, das „Kleine Marktcafé“, eine Kneipe mit besonderem Flair: „Der Schankraum bestand aus einer Theke, und auf der anderen Seite waren drei Séparées; früher warteten wahrscheinlich dort Damen auf zahlungskräftige Herren, denn die Sitzbänke waren mit gelbem Plüsch überzogen.“

Der morbide Charme des Cafés zog die Jugend an wie die Motten das Licht. Gleich nebenan hatte Rudi Drehsen das ehemalige Hotel St. Peter zur Disco „Glory‘s“ im Ibiza-Stil umgebaut und lockte damit Besucher aus halb NRW nach Eschweiler. Hier stand Frank Zander ebenso auf der Bühne wie die britische Top-Band Level 42. Und mit dem Neubau der östlichen Seite der Gasse schossen immer mehr Kneipen aus dem Boden. Die Altstadt wurde zur Partymeile.

Norbert Schmitz lässt Zeitgeist, Kneipen- und Musikszene aus vier Jahrzehnten schlaglichtartig aufleben. In einem Buch, das er am Donnerstagabend im Talbahnhof offiziell vorstellt: ab 20 Uhr ist Einlass. Dann liest Schmitz aus seinem jüngsten Buch. Und greift mit seiner Band „Chain of Fools“ zum Gesangsmikro.

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