Eschweiler - Parteien fehlt Nachwuchs: Wo sind die jungen Köpfe in der Politik?

Parteien fehlt Nachwuchs: Wo sind die jungen Köpfe in der Politik?

Von: Valerie Barsig
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Wie in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft ist es auch in der Politik immer schwieriger, junge Köpfe zu begeistern, sich in einer Partei zu engagieren. Foto: Hans-Gerd Claßen

Eschweiler. Zählt man einmal nach, wie viele junge Leute unter 30 für den Eschweiler Stadtrat kandidieren, ist die Zahl ernüchternd: Von 163 Kandidaten sind gerade mal 19 unter 30 Jahren. Auch auf den Reservelisten ist das Bild ein ähnliches.

Von insgesamt 135 Reservekandidaten sind gerade mal 17 unter 30. „Gerade die CDU ist eine überalterte Partei“, sagt der Vorsitzende der Eschweiler Ratsfraktion, Bernd Schmitz. Aber nicht nur die CDU ist vom Problem des fehlenden Nachwuchses betroffen, der Mangel ist parteiübergreifend.

Junge schwer zu erreichen

Versucht man die Vorsitzendenden der Nachwuchsorganisationen zu erreichen, wird das Problem greifbar: Die Vorsitzende der Jungen Union ist auf dem Weg in den Urlaub am Flughafen und vermittelt einen alternativen Ansprechpartner, die Chefin der Jungen Liberalen ist in der Uni. Sie studiert Zahnmedizin, hat praktische Übungen, vor abends ist da nichts zu machen. Einer, der für die Piraten kandidiert, ist Dachdecker und sei gerade in Heilbronn oder in Berlin, sagt der Fraktionsvorsitzende Pirat, Rudi Lennartz. „Jedenfalls hängt er auf irgendeinem Dach.“ Junge Grüne gibt es in Eschweiler nicht und die Juso-Vorsitzende lässt sich vom Juso-Pressesprecher vertreten – sie muss berufliche Verpflichtungen nachgehen.

Der Politik geht eine Generation verloren, nämlich die, die gerade im Umbruch ist: Zwischen Abi und Studium oder zwischen Studium und Beruf. Der Druck auf die Jungen ist gewachsen. Verkürztes Abitur nach zwölf Jahren sowie Bachelor und Master lassen kaum Zeit, sich noch in Vereinen oder Parteien zu engagieren. Viele ziehen zum Studieren oder für den ersten Job aus der Heimat weg – zumal ein guter Lebenslauf Auslandsstationen oder einen Aufenthalt in einer anderen Stadt zwangsläufig beinhaltet. Wer sich nicht abhebt, hat auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance. Die Konsequenz ist, dass Schützen- und Sportvereine ebenso wie Parteien hart um Nachwuchs kämpfen müssen. Wie man indes in der Politik mit dem Problem umgehen soll, ist gänzlich unbekannt. „Spätestens nach dem Studium ist die Region hier nicht mehr attraktiv genug“, sagt Bernd Schmitz. Ein weiteres Problem in Sachen Ratswahl sei außerdem die Wahlperiode. Sich bis 2020 für den Stadtrat einzusetzen, das sei für junge Menschen beinahe schon utopisch. „Wo der Zug in sechs Jahren hingehen soll, wissen die meisten einfach noch nicht.“

Auch Leo Gehlen, Fraktionsvorsitzender der SPD in Eschweiler kennt das Problem: „Es ist nicht so, dass kein Interesse an Politik da ist“, sagt er. „Es ist nur vieles wichtiger als Politik.“ Neben dem Beruf sei das auch häufig der Lebenspartner. „Ich hatte früher 14-Stunden-Tage. Ich weiß nicht, ob das junge Menschen von ihrem Partner aus dürften“, sagt Gehlen.

Maike Paul ist Jahrgang 1989 und studiert BWL in Aachen. Für die Grünen kandidiert sie im Wahlbezirk Patternhof. Sie sagt, viele junge Menschen würden glauben, Politik gehe sie nichts an. „Das Schlimmste ist dann, das solche Leute nicht wählen gehen.“ Sie sieht aber auch die Kluft zwischen Jung und Alt als ein Teil des Problems: Blumen, Luftballons und Broschüren in der Stadt zu verteilen spräche ältere Wähler sicher an, junge aber nicht. „Junge Wähler bekommt man über Facebook oder lustige Videos im Internet.“ Auch Themen gegen Rechts seien für junge Menschen interessant. Außerdem denkt Paul, dass Parteien, die sich besonders für Studenten einsetzen, auch damit werben sollten. Der Wahlomat sei ebenfalls ein richtiger Ansatz.

Politik soll kurz und knackig sein 

„Je kürzer und knackiger etwas ist, desto besser“, sagt Paul. Denn sich ernsthaft mit einem Wahlprogramm auseinandersetzen, das würden die wenigsten jungen Leute. Paul glaubt aber auch, dass gerade die Jungen junge Wähler ansprechen müssen. „In der Fußgängerzone stehen ja auch nicht Leute über 40 und verteilen Party-flyer“, sagt sie.

Albert Borchardt von der Partei Die Linke glaubt nicht, dass es jungen Menschen an Interesse fehlt. „Früher hatte man im Studium und in der Schule einfach mehr Luft“, sagt er. Jetzt sei schlicht keine Zeit mehr für politische Arbeit. „Junge Leute sind doch froh, wenn sie überhaupt mal Freizeit für sich haben“, sagt der Politiker. In einer Demokratie sei das auf lange Sicht allerdings nicht gut, wenn Zeit und Kraft für Teilhabe fehle. Er spricht von einer weichgespülten Generation, die gefangen sei in Bologna und G8.

Anders sieht das FDP-Fraktionsvorsitzender Ulrich Göbbels. Junge Menschen interessierten sich nicht für Politik und die Zeiten, sich aus Idealismus für eine Partei zu entscheiden, seien vorbei. „Eben weil alles für junge Leute geregelt wird. Es ist keine Betroffenheit vorhanden“, sagt Göbbels. Dem kann Juso-Pressesprecher Andreas Lutter, 25, nicht zustimmen. „Ideale haben sich im Gegensatz zu früher vielleicht gewandelt, aber sie werden in unserer Generation genauso verteidigt, wie früher.“ Er findet, die Aufgabe der Politiker sei es, Kompliziertes einfacher zu erklären. Damit spräche man auch junge Menschen mehr an.

Franz-Dieter Pieta, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Eschweiler Stadtrat resümiert: „Sich langfristig für Politik zu engagieren ist einfach nicht mehr sexy.“ Dass junge Menschen sich gar nicht miteinbrächten, stimme allerdings nicht. An einzelnen Projekten arbeiteten sie gern mit, politisch arbeiten wollten sie nicht. Das hänge auch mit dem schlechten Ruf des Jobs zusammen, denkt Pieta. „Es ist wichtig, dass wir immer wieder klarmachen, dass das soziale System ohne politische Arbeit nicht funktioniert.“ Das Hauptproblem gerade auf kommunalpolitischer Ebene sehe er darin, dass das Gefühl der Selbstwirksamkeit zu klein sei. „Junge Menschen müssen aber verstehen, dass sie gerade im Stadtrat Einfluss ausüben können.“

Thomas Schlenter ist 24 Jahre alt und studiert Wirtschaftsrecht. Er kandidiert für die CDU im Wahlbezirk Eschweiler Stadtzentrum. Ehemals war er Vorsitzender der Jungen Union in Eschweiler. Politik, sagt er, erscheine vielen als langweilig. „Dem müssen wir entgegenwirken.“ Sich zeigen und insbesondere die neuen Medien mit einbeziehen, das sei wichtig, um junge Leute zu motivieren. „Ein Patentrezept gibt es nicht“, gibt Schlenter zu. Er denke zwar nicht, dass ältere Politiker sich nicht um Nachwuchs kümmern würden, dennoch würden sie die Verantwortung Nachwuchs zu akquirieren an die Jugendorganisationen abgeben. „Dafür sind die ja auch angelegt.“ Dennoch sei ein Problem der Politik, dass die mittlere Generation wegbreche. Dabei schauten viele Politiker aber auch, wer zur Wahlurne gehe. „Die ältere Generation hat ein größeres politisches Gewicht.“ Schlenter selbst habe bereits von seinen Eltern mitbekommen, dass man sich engagieren muss, wenn man etwas ändern möchte. „Es hilft nicht, nur zu meckern, man muss auch anpacken“, sagt er. Das müssen junge Menschen von den Gleichaltrigen, die sich politisch engagieren, dringend lernen. Dabei braucht es aber auch Unterstützung von ganz oben.

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