Parodistin Nora Boeckler räumt gleich doppelt ab

Von: Andreas Röchter
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Beidhändig stark: Parodistin Nora Boeckler überzeugte am Mittwochabend sowohl die Fachjury als auch das fachkundige Publikum und wurde für ihren begeisternden Auftritt mit der Lok und dem Lökchen belohnt. Mit ihr freuen sich die großartigen Mitbewerber Lorman, Marcel Mann, Lena Liebkind und Liza Kos sowie Jurymitglied und Sparkassen-Gebietsdirektor Klaus Wohnaut und Moderatorin Biggi Müller (v. l.). Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Was haben ein in einer benachbarten Kaiserstadt beheimateter gebürtiger Holzmindener Wortwitzakrobat, eine Schwäbin, die nur mit Mühe ihre Papiere zusammenbekam, die ihre Einreise in das bezaubernde Nordrhein-Westfalen erst ermöglichten...

...ein Wahl-Berlin-Kreuzberger, der als Synchronsprecher auch schon mal von einem Blumenkasten erschlagen wird, sich seit dem Satz „Was bisher geschah“ aber unaufhaltsam auf dem Weg nach oben befindet, eine Ukrainerin mit russischen Eltern, die mit ihrer Mutter übereinstimmt, dass mit Essen jedes Problem zu lösen ist und eine gebürtige Moskowitin, die ihre „Intrigation“ mit „Öcher Platt“ perfektionierte, gemeinsam?

Klare Sache: Das außergewöhnliche Kabarett-, Comedian- und Komiker-Quintett stand am Mittwochabend auf der Bühne des vollbesetzten Kulturzentrums Talbahnhof und bewarb sich in der Inde-stadt um die inzwischen weit über die Region hinaus anerkannten Nachwuchspreise „Eschweiler Lok“ und „Lökchen“. Und nach einem dreistündigen Feuerwerk mit lauten und leisen sowie derben und feinen Tönen gab es eine Premiere: Denn mit Nora Boeckler gelang es erstmals einer Künstlerin, in Sachen „Lok“ die Fachjury und in Sachen „Lökchen“ gleichzeitig das fachkundige Publikum am nachhaltigsten zu überzeugen.

Unter dem laustarken Applaus des bestens unterhaltenen Publikums verkündeten Jurymitglied Klaus Wohnaut, Gebietsdirektor des Sponsors Sparkasse, und Peter Adrian, Vorsitzender des Kleinkunst-Fördervereins Talbahnhof, also einen Doppelsieg. Komplett „von den Socken“ stemmte Nora Boeckler im Beisein ihrer großartigen Konkurrenten und Mitstreiter Liza Kos, Lena Liebkind, Marcel Mann und Lorman die vom Eschweiler Künstler Ricardo Oliveira gestaltete „Lok“ und das von Schülern der Stolberger Gutenbergschule geschaffene „Lökchen“ unter vollem Krafteinsatz in die Höhe.

Während ihres fulminanten Auftritts hatte die schauspielende Schwäbin bekannt, als Kellnerin ihren Traumberuf gefunden zu haben: „Kein Stress und Kohle ohne Ende!“ Und so ganz nebenbei auch noch Stammgäste, die dafür sorgen, dass sich ein mehrstündiges Comedy-Programm quasi von selbst schreibt. Oder wie es Nora Boeckler ausdrückte: „Personen, bei denen schnell klar wird, dass das Nutzvieh auch Teil des Stammbaums war!“ So wie bei Esoterik-Queen Wiebke Wagner oder „DSDS-Beinahe-Re-Callerin“ Chucky, die hin und wieder feststellen muss, dass „denken so weh tut“, ihrer Umwelt aber unmissverständlich mitteilt, dass „stille Wasser“ durchaus aggressiv sein können.

Eine knappe Stunde zuvor hatte Biggi Müller, die als Moderatorin stimmungs- und humorvoll durch das Programm führte, den erinnerungswürdigen Abend eröffnet. „Ich bin stolz, als Eschweiler Mädchen diese Veranstaltung präsentieren zu dürfen, schließlich hat sich die ‚Eschweiler Lok‘ zu einem hochkarätigen Preis entwickelt. Und das darüber hinaus die Mädels heute Abend auf der Bühne in der Überzahl sind, finde ich total Klasse!“

Als „Eisbrecher“ fungierte jedoch mit Lorman ein schon namentlich erkennbarer Vertreter des männlichen Geschlechts. Der Musikkabarettist betrat als erster Lok-Bewerber die Höhle des Löwen und stellte sich den fachmännischen Blicken der Jury, der neben Klaus Wohnaut auch Margot Mühlfahrt (Kleinkunst-Förderverein), Friedhelm Ebbecke-Bückendorf (Mitarbeiter dieser Zeitung) sowie die Künstler Hubert vom Venn, Christian Klömpken und Andreas Wiegels (die beiden Letztgenannten bilden das Wallstreet-Theatre) angehörten. Mit Wortwitz und einem an eine Triangel erinnernden Wortwitz-Indikator zeigte sich der Aachener aus Holzminden (oder umgekehrt) überrascht, dass sich tatsächlich 20 Prozent der Nordost-Deutschen mit „politischem Fastfood“ abspeisen lassen.

„Obwohl das so gesehen auch wiederum kein Wunder ist, schließlich heißt das Land ja schon Meck-Pomm“, fand er doch noch eine Begründung, um kurz darauf gebremst optimistisch in die Zukunft zu blicken. „Nach einem weiteren Banken-Crash im Jahr 2020 reagiert Günther Jauch und nennt seine Show ‚Wer war Millionär?‘. Im Jahr 2036 tritt Angela Merkel als Vorsitzende des Templiner Wellensittich-Zuchtvereins zurück, um sich ganz ihrer Aufgabe als Bundeskanzlerin zu widmen. Und im Jahr 2060 wird die Rentner-Klappe eingeführt!“, ließ er wissen, dass die Zukunft ein Monster sei, das sich als Miststück tarne.

Comedian und Synchronsprecher (wohlgemerkt nicht -schwimmer) Marcel Mann, der Sonya Kraus schon ungeschminkt sah und als netten Mann kennengelernt hat, freute sich über seinen Abstecher ins Rheinland. „Ich komme ja aus Berlin. Da freut sich keiner über irgendetwas. Es ist kein Zufall, warum Angela Merkel aussieht wie sie aussieht.“ Doch obwohl er in seinem Hauptberuf auch schon mal mehrmals täglich das Zeitliche segne (zuletzt bei „Bones – Die Knochenjägerin“, bereits drei Mal bei „Grey‘s Anatomy“), gehe es in Sachen Karriereleiter steil bergauf. „Ich habe es geschafft! Ich durfte den Satz ‚Was bisher geschah‘ sprechen“, verkündete der Sohn einer Schwäbin („Nix ausgebe ist am meisten gschpart“) nicht ohne Stolz.

Bitterböse blickte Lena Liebkind dagegen auf ihre berufliche Vergangenheit im Büro zurück: Der Gedanke „in drei Stunden sind es nur noch fünf Stunden“ habe die Ukrainerin mit russischen Eltern jedoch meistens bis zum Feierabend über Wasser gehalten. Ganz im Sinne ihrer weiblichen Vorfahren ist die in Offenbach, „also im Kreuzberg Frankfurts“, Beheimatete davon überzeugt, dass Essen alle Probleme lösen könnte. „Ähnlich wie es Kindergartenkinder tun, nimmt Wladimir Putin anderen hin und wieder etwas weg, weil er Hunger hat. Mit einem Snickers wäre der Weltfrieden also durchaus zu bewahren“, zeichnet Lena Liebkind nach wie vor der sprichwörtliche russische Pragmatismus aus.

Ein Stichwort für die in Moskau geborene Liza Kos, die gleich einmal auf die Unterschiede in den Fernsehprogrammen Russlands und Deutschlands aufmerksam machte: „Hier Gutfried und Putenbrust. Dort gleich Putinbrust!“ Die „Intrigation“ habe bei Liza Kos aber so gut funktioniert, dass selbst ihre Balalaika äußerlich zu einem gitarrenähnlichen Instrument mutiert ist. Wobei die Gewohnheiten der Deutschen teilweise auch gewöhnungsbedürftig seien. „Morgens nüchtern, mittags nüchtern – voll hart“, musste sie feststellen. Und bekennen, dass ihre sprachliche „Intrigation“ bis zum „Öcher Platt“ über den kleinen Umweg türkisch verlaufen sei. „In mir schlummern nun eine russische, eine deutsche und eine türkische Frau. Ich bin also nie alleine. Und wenn die deutsche und die russische Frau gefeiert haben, fährt uns die türkische Frau nach Hause“, zeigte sich auch Liza Kos pragmatisch. Sie erntete tosenden Beifall, bevor das Publikum seine Kreuzchen machte und die sechsköpfige Jury sich zurückzog.

Die Spannung stieg, bis sie sich in einem (doppelten) Freudenschrei Nora Boecklers entlud. Die Wahl-Kölnerin tritt damit in eine Reihe mit den vorherigen Preisträgern Sebastian Puffpaff, Martin Zingsheim und Fußpflege Deluxe. Neben „Lok“ und „Lökchen“ trug die zweifache Gewinnerin aber noch mehr nach Hause: Nämlich die Gewissheit eines abendfüllenden Soloauftritts im Talbahnhof. Die Zuschauer und -hörer des Mittwochabends dürften mit Vorfreude diesem Tag entgegenfiebern. In der Hoffnung, neben Nora Boeckler auch Liza Kos, Lena Liebkind, Lorman und Marcel Mann ein weiteres Mal in Eschweiler begrüßen zu dürfen. Die vier hätten es verdient. Und der Talbahnhof samt Publikum ebenso!

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