Oft gilt: Erst zur Arbeit, dann zur Arge

Von: Patrick Nowicki und Benjamin Jansen
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Arbeit am Hochofen: Mini-Jobs
Arbeit am Hochofen: Mini-Jobs sind in der Metallindustrie die Ausnahme. Dort klagen Gewerkschaften über die Leiharbeit und Lohn-Dumping. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt seit einigen Monaten. Auch in Eschweiler scheint die Krise überwunden. Doch der Schein trügt, denn die Zahl der sogenannten Mini-Jobs hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen.

In der aktuellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist sogar davon die Rede, dass inzwischen fast jedes vierte Beschäftigungsverhältnis in der Bundesrepublik ein geringfügiges ist. In Eschweiler sind 5278 Mini-Jobber registriert. Stand Juni 2010.

Im Jobcenter der Städteregion spürt man die Entwicklung deutlich. Dessen Geschäftsführer Stefan Graaf warnte schon vor Wochen vor den wachsenden Kosten durch sogenannte „Aufstocker”, also Menschen, deren Gehalt nicht zum Leben ausreicht. Zudem muss das Jobcenter mit weniger Geld auskommen, um Menschen wieder in Arbeit und Brot zu bringen. „Ein Teufelskreis”, wie auch die Mitglieder des Eschweiler Sozial- und Seniorenausschusses konstatierten.

Den Weg zu Mini-Jobs kritisiert Bürgermeister Rudi Bertram (SPD) deutlich: „Damit hölen wir unsere soziale Sicherungssysteme aus.” Sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse seien für ihn unverzichtbar. „Ich kenne Frauen in unserer Stadt, die haben drei Jobs, benötigen aber immer noch Unterstützung von der Arge”, berichtet er. Mit großer Sorge betrachtet er die aktuelle Entwicklung: „Die Sozialkosten fliegen uns irgendwann einmal um die Ohren - auch weil weniger Menschen in die Sozialkassen zahlen.”

Dass die Unternehmer mit Mini-Jobs einen Erfolgsweg beschreiten, zweifelt der Eschweiler Verwaltungschef ohnehin an: „Wenn wir mehr Menschen finananziell unter die Arme greifen müssen, dann spürt man das auch an den Steuersätzen, also zum Beispiel in der Gewerbesteuer.” Schließlich müsse sich die Öffentliche Hand das Geld irgendwo wieder herholen. Zudem halte er die Verbundenheit von Arbeitnehmern zu einer Firma für bedeutend. „Denn zufriedene Angestellte leisten mehr”, ist er sich sicher.

Im Juni 2010 fand die letzte statistische Erhebung des Statistik-Service West in Düsseldorf statt. Demnach gibt es 5278 Mini-Jobber, die auf 400-Euro-Basis in Eschweiler arbeiten. Fest steht: Ob als Kellner, Nachhilfelehrer oder Supermarkt-Aushilfe - die Zahl derjeniger, die die magische Grenze nicht überschreiten dürfen (? siehe Box), ist auch in der Inde-stadt in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen.

2000 lag die Zahl der Mini-Jobber noch bei 3067, fünf Jahre später gingen schon 4656 einer „geringfügig entlohnten Beschäftigung” nach. Den meisten Arbeitnehmer, die sich 2010 in einem Mini-Job-Verhältnis befanden, ging es allerdings nicht darum, sich etwas dazuzuverdienen, sondern vielmehr die Existenz zu sichern: 3812 von insgesamt 5278 Mini-Jobbern konnten keine steuerpflichtige Hauptbeschäftigung vorweisen. Sie müssen von der Arge finanziell unterstützt werden.

Dass diese Entwicklung auch von der Arbeitsagentur Aachen nicht gewünscht ist, steht für Klaus Jeske außer Frage. „Die Vermittlungfachkräfte der Arbeitsagentur Aachen vermitteln nicht aktiv in Mini-Jobis”, betont der Pressesprecher. „Die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit dient hier als Portal. Wir sind vielmehr daran interessiert, die Arbeitssuchenden in ein sozialpflichtiges Verhältnis zu bringen.”

Konstantes Niveau

Im Gegensatz zu der Zahl der Mini-Jobber befindet sich ein anderer Wert auf einem relativ konstanten Niveau: die Zahl der Arbeitnehmer, die sich in Eschweiler in den vergangenen zehn Jahren in einer Beschäftigung befanden. 2000 waren es insgesamt 14.391, fünf Jahre später ging der Wert auf 13.855 runter, bevor er im Jahr 2010 auf 15.014 kletterte. Ein Beleg dafür, dass sich die Berufs-Situation in Eschweiler in den vergangenen Jahren drastisch verändert hat. Immer mehr Menschen gehen einem Mini-Job nach.
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