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Neuordnung des Apothekennotdienstes stößt auf Kritik

Von: Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
Apotheke
Seit dem 1. Januar ist der Apothekennotdienst neu geordnet. Foto: dpa
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Das findet er alles andere als gut: Dr. Jürgen Küpper. Foto: P. Nowicki

Eschweiler. In zwei Monaten ist Karneval schon fast wieder vorüber, und wie jeder feiererprobte Indestädter weiß, wird man an den närrischen Tagen gerne vor allem eines: krank. Dann steht nach dem Arztbesuch der Gang (oder die Fahrt) zur Apotheke an. Am liebsten geht man in eine vor Ort. Nach der Neuordnung des Apothekennotdienstes ist das aber nicht mehr ohne Weiteres möglich.

Beispiele gefällig? An Weiberfastnacht können die Eschweiler Bürger in die Rathausapotheke gehen – oder wahlweise nach Übach-Palenberg fahren. Am Freitag müssen Eschweiler Bürger nach Stolberg, Baesweiler oder Alsdorf, am Samstag nach Jülich oder Mariadorf. Apothekennotdienst in Eschweiler? Fehlanzeige! Genau wie am Rosenmontag (dann hat eine Apotheke in Münsterbusch Notdienst) und am Karnevalsdienstag (Stolberg-Mitte, Baesweiler, Aachen-Brand und Jülich). Am Rosenmontag hat die Engelapotheke Bereitschaft, zusätzlich zu Apotheken in Inden, Breinig, Kornelimünster und Mariadorf.

Zauberwort „flächendeckend“

Auch in den kommenden Tagen sieht es so aus. Am 7. Januar sind die für Eschweiler zuständigen Apotheken die Abraxas-Apotheke in Alsdorf und die Fortuna-Apotheke in der Nähe des Aachener Kaiserplatzes. Am 9. Januar dürfen die Indestädter zwischen der Adler-Apotheke in Inden und der Schwanen-Apotheke in Alsdorf wählen. Und am 18. Januar haben für Eschweiler die Elefanten-Apotheke in Stolberg-Mühle und die Cornelius-Apotheke in Alsdorf Dienst.

Die Apothekerkammer Nordrhein hat die Notdienste neu geregelt. Flächendeckend lautet das Zauberwort. Seit dem 1. Januar werden die Notdienste nicht mehr innerhalb einzelner Städte oder Gemeinden, sondern flächendeckend über das gesamte Kammergebiet ermittelt. Mit der Restrukturierung sichere die Apothekerkammer Nordrhein langfristig die flächendeckende Versorgung der Patienten mit Apotheken-Notdiensten in allen Regionen, heißt es seitens der Kammer. „Mit der Neuordnung schaffen wir zukunftsfähige Strukturen. Wie bisher hat dabei die Patientenversorgung oberste Priorität“, betont Lutz Engelen, Präsident der Apothekerkammer Nordrhein.

Patienten können mittels einer neuen Notdienstsuche auf www.aknr.de mit der Eingabe ihres Wohn- oder Standortes die am nächsten gelegene notdiensthabende Apotheke finden. Zudem gibt die Plattform www.apothekennotdienst-nrw.de einen Überblick über alle diensthabenden Notdienst-Apotheken in ganz NRW. In der Zeitung werden die Notdienste natürlich auch weiterhin veröffentlicht.

Keine Broschüre

Auf die Erstellung des bisher üblichen Notdienst-Kalenders hat Apotheker Jochem Genius für dieses Jahr auf Grund der Neuordnung verzichtet. Zu teuer und zu kompliziert sie dies.

Die Vergabe, wann welche Apotheke Notdienst hat, erfolgt über ein Computersystem, das die optimale Distanz zwischen den Apotheken errechnen soll. Dabei spielt der Standort eine wichtige Rolle: Das System unterscheidet zwischen Stadt, Mittelzentrum und ländlichen Gebieten. So gilt nach der neuen Regel in ländlichen Gebieten eine Strecke von 30 Kilometern für die Patienten als zumutbar.

Mit „blumigen Worten“

Dr. Jürgen Küpper, Arzt und Notdienstobmann für Eschweiler, findet diese neue Regelung alles andere als gut. „Ich empfinde es als Unding. Ich und alle anderen Ärzte wurden darüber in der Woche vor Weihnachten durch den neuen Apothekennotdienstplan in Kenntnis gesetzt.“ Mit „blumigen Worten“ werde die Optimierung der Versorgung beschrieben. Dr. Jürgen Küpper stellt jedoch die Frage: „Fragt sich nur für wen?“

Küppers Kritik: Es werde vorausgesetzt, dass jeder Patient ein Auto zur Verfügung hat oder ansonsten ein Taxi bezahlen kann, um nicht nur zur Notdienstpraxis, sondern auch noch zur Apotheke, unter Umständen nach Aachen oder Jülich, zu fahren. Dr. Jürgen Küpper: „Die Apothekerschaft verteidigt mit allen Mitteln ihr Vorrecht, alleine Medikamente abgeben zu dürfen. Dann sollte sie auch die Pflichten wahrnehmen, die aus diesem Recht entspringen.“

Es sei längst nicht jeder Apotheker mit der Regelung einverstanden, sagt Küpper. Martin Katzenbach, Sprecher der Apotheker in der Städteregion Aachen: „Die Umstellung ist ein Tribut an die veränderte Apothekenlandschaft. Eine rein geografisch basierte Verteilung des Notdienstes ist unabdingbar. Die betriebswirtschaftlichen Grundlagen für Apotheken haben dramatisch abgenommen; wir liegen zwischen drei und fünf Prozent Umsatzrendite – und das bei hohen Kosten und irrem Risiko. Die Apothekendichte vor allem in Peripheriegebieten ist entsprechend dramatisch rückläufig.“

Dr. Jürgen Küpper sieht dennoch weitere Probleme. „Die neue Apothekennotdienstregelung wird notgedrungen zu mehr Krankenhauseinweisungen führen, damit die Notfallversorgung mit Akutmedikamenten unserer Patienten gewährleistet ist. Die Krankenkassen werden sich freuen“, sagt er und fährt fort: „Wenn ein Patient kommt, dringend Medikamente braucht und ich nicht weiß, wie er an diese kommen soll, dann weise ich den Patienten ein.“

Die neue Regelung dürfte auch nicht jedem Eschweiler Bürger gefallen. Unser Leser Klaus Fehr schreibt dazu: „Das ist ja mal wieder großes Kino. Was in Westfalen klappt, wird nach hier übertragen. Klasse. Dort, wo man es wahrscheinlich gewöhnt ist, große Entfernungen zurückzulegen, dürfte es ja schon Probleme geben. Und hier? Wer kennt sich denn in den umliegenden Städten aus? Wer findet ohne Navi die Apotheken in Inden, Alsdorf oder Stolberg? Nachts? Bei Regen, Sturm oder Schnee?

Welche älteren Menschen sind so mobil, dass sie mal eben so die Stadtgrenzen verlassen können? Lesen denn alle auch die Zeitung? Muss man wirklich voraussetzen, dass jeder eine Internetverbindung hat? Nein, die Service-Wüste Deutschland wird immer größer. Liebe Apotheker, lasst euch was einfallen, damit wir normale Bürger das ‚große Durcheinander‘ verstehen können. Und schnell eine Apotheke in unserer Stadt aufsuchen können.“

Die Neuordnung wird noch für viele Diskussionen sorgen.

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