Neue Siedlung: Extrem sparsam, aber nicht „billig“

Von: Rudolf Müller
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Noch ist es ein Feld wie viele andere, das Gelände an der Sebastianusstraße. Schon im kommenden Jahr soll hier eine bundesweit einzigartige Siedlung entstehen. Foto: Rudolf Müller
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So sehen die Planer des Mainzer Sieger-Büros Faerber die „Neuen Höfe Dürwiß“: Multifunktionale Häuser mit gemeinsam nutzbaren Innenhöfen, die das Areal in überschaubare Nachbarschaften gliedern.
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Verpflichteten sich vertraglich zur Umsetzung der gesteckten Ziele: (von links) Jürgen Drewes, Innovationsregion Rheinisches Revier, Stephan Baldin, Stiftung Kathy Beys, Rudi Bertram, Stadt Eschweiler, Alois Herbst, RWE Power, und Jens Bröker, indeland-Entwicklungsgesellschaft.

Eschweiler. Viel Grund zum Strahlen hat er in diesen finanziell kargen Zeiten nicht. Am Donnerstag aber war die Begeisterung Rudi Bertram deutlich anzumerken: Gemeinsam mit vier Partnern legte Eschweilers Bürgermeister das vertragliche Fundament für ein Projekt, das weit über die Bundesrepublik hinaus einzigartig ist.

Und das – gemeinsam mit dem nun ebenfalls Fahrt aufnehmenden Projekt Camp CO2 Zero im Propsteierwald – den Namen Eschweiler in Sachen Energieeinsparung und Ressourcenschonung künftig an die Spitze der Pilgerstätten lernbegieriger Experten setzen soll.

In kurzen Worten: In Dürwiß soll ein Wohngebiet entstehen, das nur ein Bruchteil der Ressourcen benötigt, die für „normale“ Häuser aufgewendet werden. Und das über die gesamte, auf stolze 100 Jahre berechnete Lebensdauer der Siedlung hinweg. Möglich machen dies zum Beispiel ortsnah zu findende Baustoffe und modulare Hausbausteine, die unterschiedliche Nutzungen ermöglichen. Module, die als Büros, Kinder- oder Gästezimmer genutzt werden können. Wobei Letztere so konzipiert sind, dass sich mehrere Familien ein Gästezimmer teilen können. Ebenso wie Büros, den Garten oder den Zweitwagen. Module, die es ermöglichen, dass ohne großen Aufwand aus dem Mehrfamilienhaus ein Mehrgenerationenhaus wird. Und das Einfamilienhaus zu Geschosswohnungen mutiert.

„Handfeste“ Sache

„Wer es mit Ressourcenschonung und Klimaschutz ernst meint, muss auf den ganzen Lebensweg einer Siedlung schauen. Da steckt gegenüber einfachem Energiesparen ein Vielfaches an Potenzial drin! Wenn die Bewohner dann noch Gästezimmer, Werkzeuge, den Zweitwagen und ähnliches gemeinsam nutzen, wird ein Leuchtturmprojekt daraus“, sagt Stephan Baldin, geschäftsführender Vorstand der Aachener Stiftung Kathy Beys, die sich bereits seit 25 Jahren mit dem Thema nachhaltiger Regionalentwicklung befasst. „Ganzheitliche Optimierung“ lautet sein Credo. Und er verweist darauf, dass derzeit von 5400 Tonnen natürlicher Rohstoffe ganze 900 Tonnen in Gebäuden oder Infrastruktur eingesetzt werden – die übrigen 4500 Tonnen sind Abfall oder Emissionen.

Das Areal, auf dem mit derzeitigen Bau-Gewohnheiten rigoros Schluss gemacht werden soll, ist 37000 Quadratmeter groß und liegt an der Dürwisser Sebastianusstraße. Ein Großteil des Geländes diente bis 2001 dem SC Bewegung Laurenzberg als Sportplatz – bis der in den brandneuen „Sportpark am See“ umgesiedelt wurde. Zwei Drittel der seither landwirtschaftlich genutzten Fläche gehören der Stadt Eschweiler, der Rest ist im Besitz von RWE Power. „Bisher haben wir bereits rund 2000 Baugrundstücke entwickelt und dabei neue Nachbarschaften geschaffen“, sagt Alois Herbst von der RWE-Power-Liegenschaftsverwaltung. Der Energieriese hat bereits in Niederzier Erfahrungen mit einer neuen Art des Bauens und dem Einsatz von Bauberatern für jedes einzelne Objekt gewonnen. Ökologische Herausforderungen will RWE auch im Indener „Seeviertel“ meistern und die dort gewonnenen Erfahrungen in die „Neuen Höfe“ einbringen: „Vor dem Hintergrund der steigenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Anforderungen bei der Entwicklung von Wohnbauflächen ist das Vorhaben in Dürwiß für RWE Power von besonderer Bedeutung.

Ein Vorhaben, das – so betont Jens Bröker, Geschäftsführer der indeland-Entwicklungsgesellschaft – nicht im Stadium der Rhetorik verbleibt, sondern schon bald zu einer „handfesten“ Größe wird. Der internationale Planerwettbewerb für das Projekt ist abgeschlossen: Die hochkarätig besetzte Jury begeisterte sich einstimmig (!) für den Entwurf des Mainzer Büros Edith und Harald Faerber, die die „Neuen Höfe“ als ein kleinstädtisch wirkendes Revier mit einer Vielzahl unterschiedlicher Bauformen sieht. Das Zentrum bildet ein Platz mit „windmühlenartiger Randbebauung“ und einem Wasserspielplatz sowie Gemeinschaftsräumen wie Büros und Werkstätten. Östlich schließt sich ein eigenständiges Straßenquartier an, das über öffentliche Grünflächen mit dem Zentrum verbunden ist und mittels kleiner Hofinnenbereiche in eine Vielzahl überschaubarer Nachbarschaften gegliedert wird.

Baubeginn ab Frühjahr 2014

Dem Wachsen und Werden der Vorzeigesiedlung liegt ein ambitionierter Zeitplan zugrunde: Im mai soll eine Studie zu gemeinschaftlich und genossenschaftlich organisierten Wohnprojekten samt Ableitung einer Handlungsempfehlung für Dürwiß erstellt werden. Gleichzeitig überarbeitet das Büro Faerber seinen mit 10000 Euro dotierten Siegerentwurf in einzelnen Punkten nach Maßgaben der Jury. Im Juni wird das Projekt im Internet vorgestellt werden. „www.neue-hoefe-duerwisse.de“ ist die Adresse der Projekthomepage.

Im Juli ist Beginn des Bebauungsplanverfahren, das bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll. Im Oktober wird Kathy-Beys-Stiftungsmitarbeiter Klaus Dosch das Projekt auf dem World Resources Forum im schweizerischen Davos präsentieren. Im Herbst wird auch eine Informationsveranstaltung samt „Zukunftswerkstatt“ stattfinden, deren Ziel die Entwicklung von Wohnprojekten und die Vernetzung interessierten Bauherren sein wird. Im Frühjahr kommenden Jahres soll dann mit der Erschließung und Vermarktung der etwa 30 Grundstücke begonnen werden.

Grundstücke für Häuser, die den Wünschen und Geldbeuteln jüngerer Mitbürger ebenso entgegenkommen wie den Bedürfnissen älterer – und die ohne großen Aufwand die Verwandlung vom Haus für die junge Familie zum Domizil für das ältere Ehepaar ermöglichen.

Häuser, die überaus sparsam sind, ohne dabei billig zu wirken. Kein Wunder, dass schon jetzt auch bereits Fertighaushersteller ihr Interesse an den Dürwisser Modularbauten bekundet haben.

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