Eschweiler - Neue Heimat auf zwölf Quadratmetern

Neue Heimat auf zwölf Quadratmetern

Von: Patrick Nowicki und Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
8681527.jpg
Muzafer Ramadanov und Sozialamtsleiter Jürgen Rombach (rechts) vor einer der städtischen Unterkünfte, in der Flüchtlinge und Obdachlose untergebracht sind. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Wer aus Krisengebieten nach Deutschland kommt, ist sicher vor Misshandlung und Unterdrückung? Die Ereignisse in den Landesunterkünften lassen zumindest Zweifel. Im Gegensatz zu den großen NRW-Einrichtungen verzichtet die Stadt Eschweiler auf einen externen Security-Dienst.

Um die Unterkünfte kümmern sich zwei Hausmeister, die selbst einmal als Asylbewerber nach Eschweiler kamen. Einer davon ist Muzafer Ramadanov. Als junger Mann floh er 1991 mit seiner schwangeren Frau und seiner damals 14 Monate alten Tochter nach Eschweiler. In seiner Heimat Serbien konnte er nicht bleiben. „Zu gefährlich“, sagt er heute. Sein Deutsch ist inzwischen passabel, seine Kinder voll integriert. Aber der Start in der neuen Heimat war für ihn und seine Familie holprig. Es sei nicht so wie heute gewesen, berichtet er: „Man hat uns zur Unterkunft Killewittchen gefahren, aussteigen lassen und nur gesagt: Da oben wohnt ihr.“ Mehr nicht.

Wer heute als Asylbewerber in Eschweiler Zuflucht sucht, der muss sich zunächst nicht vollständig alleine zurecht finden: Im Sozialamt arbeiten Menschen, die Englisch oder Französisch sprechen. Dort werden die ersten Formalitäten erledigt. Einer der beiden Hausmeister holt die Menschen dann in der Regel ab und bringt sie zu einer der Unterkünfte. Eine einmalige Grundausstattung erhält jeder Flüchtling: Matratze, Besteck, Handtuch, Teller und ähnliches. Dann zeigt Muzafer Ramadanov Zimmer und sanitäre Einrichtungen. Von diesem Zeitpunkt an müssen die neuen Bewohner ihr Leben größtenteils selbst in die Hand nehmen. Aber als Ansprechpartner ist Ramadanov häufig vor Ort.

Er selbst musste sich bei seiner Ankunft in Eschweiler das Zimmer mit einer weiteren Familie teilen. Die Mitbewohner waren ebenfalls Roma – und waren wenig erfreut von den neuen Mitbewohnern. In den ersten Wochen war er kurz davor, seine Sachen mit seiner Familie wieder zu packen. „Aber als ich in meiner alten Heimat anrief, sagte man mir: Egal wo du jetzt bist, überall ist es besser als in Serbien“, erzählt er. Also entschloss er sich zu bleiben. Erst teilte sich die Familie Ramadanov mit zwei weiteren Familien und Kindern einen ehemaligen Klassenraum in Weisweiler. Dann kehrte er in die Unterkunft Killewittchen zurück: Allerdings nur mit Polizeihilfe. Erst die Ordnungshüter sorgten dafür, dass die Mitbewohner endlich Ruhe gaben. „Die Polizei hat uns beschützt“, sagt er heute. Für kurze Zeit tauchte er sogar einmal unter – aus Angst vor der Abschiebung. Es folgte ein erneuter Umzug: In ein höchstens zwölf Quadratmeter großes Zimmer für seine beiden Kinder, seine Frau und sich.

Dass er heute bei der Stadt Eschweiler angestellt ist, verdankt er seinem eigenen Engagement: Sehr früh arbeitete er ehrenamtlich – eine reguläre Arbeitsstelle dürfen Asylbewerber, deren Antrag noch bearbeitet wird, bekanntlich nicht annehmen. Er erledigte kleinere Reparaturen in den städtischen Gebäuden – für zwei Mark pro Stunde. In seiner alten Heimat hat er keine Ausbildung absolviert. Auch dort war er Helfer. Irgendwann benötigte die Verwaltung einen Fahrer und ermöglichte es Muzafer Ramadanov, die Führerscheinprüfung abzulegen. Zahlreiche weitere Schulungen folgten, ehe er schließlich zum Hausmeister und zur Sicherheitskraft in Personalunion wurde.

Etwa 250 Menschen leben derzeit in den städtischen Unterkünften – nicht alle sind sie Asylbewerber. Ramadanov betreut auch die Obdachlosen. Diese Menschen haben meistens viele Probleme zu schultern. „Wer da angekommen ist, der ist ganz unten in unserer Gesellschaft – tiefer geht es nicht“, sagt der Sozialamtsleiter Jürgen Rombach. Man ist deswegen bemüht, Flüchtlinge und Obdachlose nicht in gleichen Unterkünften unterzubringen. Dies gelingt nicht immer: Derzeit leben zwei männliche Flüchtlinge in dem Haus der Stadt, das überwiegend die Obdachlosen nutzen.

Der Integrationsrat will die Stadtverwaltung unterstützen, dass die Flüchtlinge sich schnell einfinden. Muzafer Ramadanov und seine Familie sind Beispiele, dass Integration auch über Umwege gelingen kann. Eine Schule in Deutschland hat er nie besucht. „Was ich verstehen muss, kann ich verstehen“, meint er. In die alte Heimat möchten er nicht zurück. Seine Kinder und Enkel leben in der Städteregion. Da er leidenschaftlich gerne angelt, hat er sich einem Angelverein in der Region geschlossen. Klingt nach einem Happyend, ist es aber nur bedingt: „Manchmal gucken Leute schon komisch, wenn ich mit Bekannten in einer Kneipe Serbisch spreche. Man spürt das.“ Aber im Großen und Ganzen fühle er sich in Eschweiler wohl.

Dass es hier nicht zu Übergriffen wie in Übergangslagern des Landes gekommen ist, liegt wohl auch daran, dass die beiden Hausmeister sich gut in die Situation der Flüchtlinge hineinversetzen können...

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert