Eschweiler - Nackt duschen ging damals schon mal gar nicht

Nackt duschen ging damals schon mal gar nicht

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Mit „Als Sex noch eine Sünde
Mit „Als Sex noch eine Sünde war!” hat Josef Stiel jetzt den dritten Teil von „Früher war alles viel besser...?” veröffentlicht, gemeinsam mit Karl Pütz. Am Freitag las Stiel Passagen daraus. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Das Wort Schlüsselkind ist heute kaum noch gebräuchlich. Als Josef Stiel es erwähnt, nicken ältere Zuhörer im Publikum. Genau: Schlüsselkind, bei dem niemand zuhause war, wenn es von der Schule heimkam. Weil die Mutter arbeiten war.

Mit diesem Begriff „Schlüsselkinder” wurde in den 60-er Jahren berufstätigen Frauen ein schlechtes Gewissen gemacht. Es war die Adenauer-Ära. Frauen wurden wieder zurück an den Herd geschickt, nachdem sie in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren so ziemlich jede Arbeit allein bewältigt hatten.

Ohne Nostalgie

„Früher war alles besser...?” nennt der pensionierte Eschweiler Studiendirektor und Kommunalpolitiker Josef Stiel seine Erinnerungen an die Zeit der Kindheit und Jugend, und das Fragezeichen in dem Titel darf man sich ganz groß vorstellen. Nach „Leben ohne Wasserleitung, Kanalanschluss, Heizung, Kühlschrank” und „Schule und andere Erinnerungen” ist jetzt Teil 3 erschienen: „Als Sex noch eine Sünde war!”, wieder gemeinsam verfasst mit Professor Dr. Karl Pütz. Am Freitag las Stiel im Kulturzentrum Talbahnhof aus diesem dritten Werk. Die Lesung veranstaltete die Buchhandlung Oelrich & Drescher.

Stiels Blick zurück ist ohne Nostalgie. Aber es ist keine wütende Abrechnung, sondern gelegentlich auch ein liebevoller Blick, ein Blick oft voller Anerkennung für die Leistung der Menschen in jener Zeit. Der Autor lässt jedoch keinen Zweifel daran, was alles schlecht war an der guten alten Zeit: die moralinsaure Heimlichtuerei, der herzlose Umgang mit Kindern, die Prügel durch Eltern, Lehrer, Pfarrer.

Es sind nicht nur eigene Erinnerungen, die Josef Stiel beschreibt. Es gibt Gastbeiträge, und Stiel hat zudem immer wieder Zeitzeugen befragt. Was bei dem Thema Sexualität nicht immer einfach war, berichtet er amüsiert: „Zu sehr hemmt offensichtlich bis heute die damalige Behandlung als Tabuthema den freien Umgang damit.” Er wählte schließlich, um Gleichaltrige zum Reden zu bringen, die Überfallmethode, fragte plötzlich und unvermittelt mitten im Geplauder: „Mal etwas ganz anderen: wie seid ihr damals aufgeklärt worden?” „Du kannst aber Fragen stellen!”

Falsche Scham

Schule, Elternhaus und vor allem die Kirche haben damals falsche Scham und Prüderie gefördert. Dass Nacktheit Sünde sei und Sexualität ohnehin, hat Josef Stiel schon als Siebenjähriger von der Kanzel gehört, in einer Predigt gegen den Film „Die Sünderin”, in der Hildegard Knef in einer kurzen Szene als Aktmodell für einen Künstler posierte: „Sodom und Gomorra! Das Ende wird schrecklich sein!”

Stiel: „Was damals bei mir hängen blieb, war: Nacktheit ist Sünde und zwar sündigt derjenige, der sich nackt zeigt, ebenso wie der, welcher sich einen nackten Körper anschaut. Die Angst war da. Vor Nacktheit musste man sich schützen. Ich erinnere mich an das Baderitual. Fenster und Türen wurden verschlossen und verhängt, damit niemand etwas sehen konnte.” Und: „Ich durfte nicht in den Fußballverein, weil meine Mutter gehört hatte, dass die Jungs nach dem Spiel nackt duschen.”

Von der Kanzel gewettert wurde natürlich nicht nur gegen Filme wie den Aufklärungsstreifen „Helga”, sondern auch gegen die Eschweiler Kirmes. Ein Sündenbabel! Besonders die Raupenbahn mit dem Verdeck, unter dem geknutscht und gefummelt wurde. Der Pfarrer wusste genau, wovon er sprach, denn in der Beichte erfuhr er alles. Und er scheute sich auch nicht, das öffentlich zu machen.

Josef Stiel erinnert sich an eine Predigt, in der dieser Geistliche das abschreckende Beispiel einer Ehefrau erzählte, die ihm Sex mit Kondom gebeichtet hatte. Zitat: „Auf die Frage des Pfarrers, wen sie denn mehr liebe, Gott oder ihren Mann, hatte sie wohl geantwortet, sie liebe Gott und ihren Mann und genieße auch die Lust, wenn sie mit ihm zusammen sei.” Er, der Pfarrer, habe die Frau daraufhin aus dem Beichtstuhl geworfen: „Bedenket das Ende, denkt an Sodom und Gomorra!”

Gesprächsrunde am 11. Mai

In solchen Erzählungen klingt dann bei Josef Stiel doch etwas Bitterkeit durch: Was ist damals alles falsch gemacht worden, und wie schwer haben es sich die Menschen gegenseitig gemacht! Dass seine Erinnerungen nicht übertrieben sind, zeigten die Gespräche nach der Lesung, in der Zuhörerinnen und Zuhörer ähnliche Erlebnisse berichteten, von Lehrern, die Kinder mit Rohrstöcken verdroschen, und Geistlichen, deren Spezialität „Ohren drehen und Nüsse setzen” war.

Wie kommen solche Erinnerungen bei jungen Menschen heute an? Josef Stiel ist gespannt auf eine Gesprächsrunde am 11. Mai. Dann wird er in der Begegnungsstätte in Eschweiler-Ost mit Jugendlichen und mit Frauen über die gute alte Zeit reden. „Gute alte Zeit” mit einem ganz großen Fragezeichen.
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