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Mundartkurs: Jung und Alt lernen Eschweiler Worte

Von: Patrick Nowicki
Letzte Aktualisierung:
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Die „Bottebloom“ hilft beim Mundartkurs der VHS: Stefanie Bücher (stehend) lehrt Philipp Schüller, Hannelore Rehan mit Enkelin Greta und Sonja Trappe das Eischwiele Platt. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Etwas unsicher blickt Greta umher. Was ihre Oma gerade sagt, versteht die Vierjährige nur schwer. Hannelore Rehan erzählt von einem Mittagessen. In Platt. „Tant on Ohm komme och. Et jit Äepelschlaat met Jemööß us de Jaade“ – so klingt der Bericht. Ob sie alles verstanden hat? Greta nickt vorsichtig und schüchtern. Dann flüstert sie: „Ein bisschen.“

So zurückhaltend muss die Kleine gar nicht sein, schließlich beherrschen immer weniger Inde­städter die eigene Mundart, das Eischwiele Platt. Dem wollen die Volkshochschule und der Eschweiler Geschichtsverein nicht länger tatenlos zusehen. „Mit der Mundart geht auch ein Stück Heimat verloren“, sagt Stefanie Bücher. Sie leitet nun den ersten VHS-Mundartkurs für Jung und Alt. Einmal in der Woche wird im Raum 4 in der Realschule Patternhof Mundart gesprochen oder besser: Platt jekallt. Da Worte wie „Secksoemel“ (Ameise) und „Rappelbällsche“ (Babyrassel) immer von Generation zu Generation weitergegeben wurden, sollen Opa und Oma gleich die Enkel mitbringen.

Mit dem Kurs betritt Stefanie Bücher Neuland. Sie wurde in Nothberg geboren – ein „Mädsche us Bersch“ also. Platt war in ihrem Elternhaus die Standardsprache. Auf dem Dorf ist dies häufiger der Fall als in der Stadt. Seit einiger Zeit tritt sie auch als Büttenrednerin auf und ist Mitglied der Eischwiele Mullejaane, der Vereinigung der Büttenredner, die es sich ebenfalls zum Ziel gesetzt hat, die Mundart zu pflegen. Als der Geschichtsverein sie ansprach, den Kurs zu leiten, stimmte sie spontan zu.

Das Eischwiele Platt ist eine gemütliche Sprache, die oft lautmalerisch Dinge beschreibt. Ähnlich geht es im Kurs zu. Da werden nicht streng Vokabeln gepaukt, sondern Sätze erarbeitet und hergeleitet. Meistens sind es Formulierungen aus dem Alltag. Als Lehrbuch dient die „Botterbloom“ (Butterblume), das der Eschweiler Geschichtsverein für Kinder und junge Leute herausgegeben hat. Der Rest ergibt sich spielerisch: Sätze werden nachgesprochen oder gemeinsam ergänzt. Stefanie Bücher greift nur selten ein, verbessert ganz dezent. Hier steht nicht das Lernen, sondern der Spaß an der Sprache im Vordergrund. Gemeinsam packt man zum Beispiel einen Koffer. Was dort hineinkommt, soll auf Platt gesagt werden: Manche Worte wie „Handoch“ (Handtuch) lassen sich erahnen, andere wie „Ongerbotz“ (Unterhose) sind da schon schwieriger. Aber am Ende ist der Koffer gepackt und jeder hat etwas sprachlich dazu beigetragen.

Für Hannelore Rehan ist dies die Gelegenheit, etwas gemeinsam mit ihrer Enkelin zu unternehmen. Als sie selbst noch jung war, war das Plattdeutsche eher verpönt, die Sprache der Menschen auf dem Land. Heute bedauert sie das. Die Mundart gehört schließlich zu Eschweiler.

Aber die Vorurteile sind geblieben. Davon weiß Philipp Schüller zu berichten. Der 13-Jährige besucht noch die Schule. Mundart in der Pause oder in der Klasse – das geht nicht. Vom Lehrer werde er ermahnt, „normal“ zu sprechen. Die Mitschüler werden noch deutlicher: „Manche haben gesagt, das sei Nazi-Deutsch!“ Dabei bestand schon die Mundart, als an Rechtsradikalismus noch nicht zu denken war. Philipp Schüller lässt sich dennoch nicht beirren. Mit einem Freund büffelt er freiwillig im Kurs Platt. Der ist übrigens für alle Teilnehmer kostenlos. Der Geschichtsverein unterstützt die Volkshochschule, die Gebühren entfallen dadurch. Einmal in der Woche treffen sich die Teilnehmer. Der Kurs umfasst insgesamt zehn Termine.

Obwohl sie unmittelbar von der Arbeit zur Realschule Patternhof hetzen muss, lässt sich auch Sonja Trappe die wöchentlichen Zusammenkünfte nicht entgehen. Sie ist zwar in Eschweiler aufgewachsen, Mundart spricht sie jedoch nicht. Wenn ihre Freundinnen Worte in Platt in die Unterhaltung streuten, blickte sie oft fragend. Das soll sich nun ändern. „Ich kann immerhin schon etwas verstehen“, sagt sie. Deswegen soll mit diesem Kurs nicht Schluss sein – wenn es denn noch einen weiteren gibt.

Verstärkung gesucht

Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch, dass die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Volkshochschule und Geschichtsverein dort fortgesetzt wird. Mit derzeit neun Teilnehmern könnte der Kurs zwar durchaus Verstärkung gebrauchen, aber der Anfang ist gemacht. Alle Teilnehmer wollen den Kurs fortsetzen und über die Mundart fachsimpeln, oder eben auf Platt: „simmeliere“. Wie war das noch mal mit dem Hund? Ist das nun ein „Hongk“ oder ein „Möpp“? Schwierige Frage. Am Ende einigt sich die Gruppe darauf, dass beides möglich ist, mit einem „Möpp“ aber eher ein kleiner Hund gemeint ist.

In Eschweiler kann man sogar auf ein Wörterbuch mit über 11.000 Begriffen nachschlagen (siehe unten). In mühseliger Arbeit wurden in 27 Jahren die Worte vom Arbeitskreis 3 im Eschweiler Geschichtsverein zusammengetragen und einem Buch mit über 400 Seiten zusammengefasst. Alle acht Wochen treffen sich die Heimatsprachler in der Gaststätte Lersch zum Plausch. Wie groß das ehrenamtliche Engagement ist, zeigt sich in zahlreichen Heften, CDs, Büchern und Beiträgen. Auch Mundartabende bietet der Arbeitskreis unter der Leitung von Leo Braun an. Der Mundartkurs mit der VHS ist der jüngste Spross des Arbeitskreises.

Kursleiterin Stefanie Bücher ist in jedem Fall mit Herz und Seele dabei. Die Nothbergerin hofft, dass weitere Mundart-Freunde zum Kurs dazustoßen. Dann wäre es nämlich möglich, vielleicht sogar zwei Gruppen zu bilden – für Ältere und Jüngere. Klein-Greta fällt es nämlich manchmal schwer, dem „Verzell“ zu folgen. Wird der Kurs noch kindgerechter, dann kommt das auch ihr zugute. Eischwiele Platt ist ein Stück Heimat – der Geschichtsverein und die Volkshochschule arbeiten gemeinsam daran, dass dieses auch in den nächsten Jahren nicht verloren geht.

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