Multijobber: Statt Feierabend zum nächsten Job

Von: Christina Handschuhmacher
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Ein Nebenjob-Klassiker: Taxifahren. Eine neue Studie zeigt, dass immer mehr Menschen Multijobber sind. Foto: stock/Rust/Steinach

Eschweiler. Die Tage von Manfred Wiegand (Name von der Redaktion geändert) sind lang. Lang und arbeitsintensiv. Um fünf Uhr steht er auf. Nach dem ersten Kaffee geht es in die Taxizentrale. Dort koordiniert der 51-Jährige als Funker die Einsätze seiner Kollegen. Meist kommt er dreimal pro Woche. Nach sechs Stunden heißt es: Feierabend. Zumindest bei Job Nummer eins.

Aber Wiegand bleibt nur Zeit für eine kurze Mittagspause. Dann geht es weiter – zu Wiegands Hauptberuf, seinem Vollzeitjob als Baggerführer. Um 22 Uhr ist dann Feierabend. Endgültig. Zumindest bis am nächsten Morgen der Wecker wieder klingelt.

Immer mehr Menschen arbeiten so wie Manfred Wiegand. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte und von den Gewerkschaften Verdi und Nahrung-Genuss-Gaststätten in Auftrag gegebene Studie des Pestel-Instituts Hannover. Im Juni 2012 haben von den 15718 Menschen, die zu diesem Zeitpunkt in Eschweiler arbeiteten, 1505 zusätzlich zu ihrem sozialversicherungspflichtigen Beruf einen Minijob – also eine geringfügige und sozialversicherungsfreie Beschäftigung bis zur Verdienstgrenze von derzeit 450 Euro – ausgeübt. Das sind rund zehn Prozent der in Eschweiler Beschäftigten.

Laut der Studie des Pestel-Instituts zeigen die Zahlen bundesweit eine Zunahme von über 100 Prozent im Vergleich zum Jahr 2002. Die Menschen, die neben ihrem Hauptjob noch einen oder gar zwei Nebenjobs ausüben, sind mittlerweile so viele, dass für sie gar ein neuer Begriff geprägt wurde: Menschen wie Manfred Wiegand nennt man Multijobber.

Für Corinna Groß, Bezirksgeschäftsführerin Verdi Aachen/Düren/Erft, sind die Multijobber eine Konsequenz aus der Entwicklung in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren. Für sie steht fest: „Die Menschen üben nicht zusätzlich einen Minijob aus, weil das Gesetz ihnen die Möglichkeit dazugibt, sondern weil ihr Einkommen aus dem Hauptjob schlicht und ergreifend nicht ausreicht.“ Dagegen würde auch die oft geforderte Vollbeschäftigung nichts nutzen, sagt Groß. „Die Bezahlung muss stimmen, und das ist in vielen Branchen nicht der Fall.“

Auch für Alina Bergmann (Name geändert) ist es derzeit schwierig, allein mit dem Gehalt aus ihrem Vollzeitjob auszukommen. Die 25-Jährige arbeitet als ausgebildete Sozialversicherungsfachangestellte und wird nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt. Trotzdem arbeitet Alina Bergmann seit zwei Jahren zwei bis drei Mal pro Woche nach Dienstschluss noch von 18 bis 21 Uhr in einem Sonnenstudio auf Minijob-Basis.

„Ich zahle mein Auto noch ab, habe eine eigene Wohnung. Und ich will nicht, dass mein Gehalt nur für diese Dinge draufgeht“, sagt sie. Auf einen gewissen Luxus, wie zum Beispiel in Urlaub fahren, wolle sie nicht verzichten. Dass sie dafür im Gegenzug auf Freizeit verzichten muss, nimmt sie deshalb in Kauf. Sie müsse ihre freie Zeit eben gut planen. Außerdem mache der Zweitjob ihr Spaß. Sie möge beispielsweise den Kontakt zu den Kunden im Sonnenstudio. Trotzdem sagt die Sozialversicherungsfachangestellte: „Ich denke immer mal wieder darüber nach aufzuhören, weil die Belastung schon extrem ist.“

Derzeit macht sie eine Fortbildung. Vielleicht will sie ihren Nebenjob danach an den Nagel hängen.So wie Bergmann geht es vermutlich vielen Menschen, die zusätzlich noch einen Minijob ausüben. Es sind nicht zwingend Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben. Es sind Menschen, die arbeiten und sich nach Feierabend auch was gönnen wollen. So wie Manfred Wiegand.

„Mehr Geld kann doch jeder gebrauchen“, sagt der Multijobber auf die Frage, warum er noch einen Nebenjob hat. Der Eschweiler fährt schon seit über 30 Jahren zweigleisig, was seinen Beruf betrifft. „Früher habe ich nebenher gearbeitet, weil ich Schulden abbezahlen musste“, sagt er. Heute wolle er freier entscheiden können, was er mit seinem Geld tut. Trotz teils 55 Arbeitsstunden pro Woche – für Wiegand bedeutet der zweite Job auch einen Gewinn von Freiheit.

Wiegand drückt es so aus: „Ich will nicht ständig jeden Cent umdrehen. Wenn ich in die Metzgerei gehe und da liegt ein schönes Stück Fleisch für 30 Euro, dann will ich mir das auch leisten können.“ Und was ist mit der Mehrbelastung? Der wenigen freien Zeit, die noch bleibt, für Familie, Hobbys, ihn selbst?

„Ich habe mich einfach daran gewöhnt“, sagt er. Ein Satz, der oft im Gespräch mit ihm fällt. Ein Ende seiner zweigleisigen Berufsschiene kann er nicht absehen. Gewohnheit eben.

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