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Menschen mit Behinderungen gestalten die Ausstellung „Stuhl frei”

Von: sh
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„Stuhl frei. Nehmen Sie bitte Platz!” Auf viele Ausstellungsbesucher in der Sparkasse hoffen (von links) Hannes Peters, Dirk Winterich, Silke Hack, Kursleiterin Eva Bachmann, Helga Beckers, Erwin Drews, Kursleiterin Andrea Odinius, Geschäftsstellenleiter Lothar Müller und Kurt Haiplick. Foto: Stefan Herrmann

Eschweiler. Es gibt ihn in (fast) allen Farben und Formen: grell angestrichen oder im schlichten Weißton, als exklusives Designerexemplar oder als Klappmodell für den Campingplatz, weich bepolstert oder funktional einfach. Die Rede ist vom Stuhl.

Er bietet die Möglichkeit zur Rast. Man setzt sich auf ihn, um gemeinsam mit der Familie am Tisch zu essen, mit Freunden den ganzen Abend lang zu reden oder in Ruhe einen Blick in die Zeitung zu werfen.

Sitzplätze sind gefragt, ob im Fußballstadion oder im Theater. Man kann sie reservieren und anderen freihalten. Jeder Stuhl hat dadurch eine interessante Geschichte zu erzählen, denn er musste schon so einiges (und einige) aussitzen.

„Stuhl frei. Nehmen Sie bitte Platz”, laden nun Menschen mit Behinderung im gesamten Bistum Aachen ein, sich mit ihrer Geschichte - ihrem Stuhl - zu beschäftigen.

Zehn dieser außergewöhnlichen Exponate stehen seit Montag in der Eschweiler Hauptfiliale der Sparkasse Aachen an der Marienstraße. Dort begrüßte Geschäftsstellenleiter Lothar Müller neben einigen Künstlern auch zahlreiche Vertreter des Bistums und weitere Gäste zur Ausstellungseröffnung.

„Jeder braucht einen Platz, an dem er verweilen kann”, nahm Müller die Symbolik des Ausstellungstitels auf. Als öffentlicher Ort ist die Sparkasse ein solcher Ort und lädt nun bis zum 6. Februar alle Besucher und Kunden ein, einige Momente an den außergewöhnlichen Kunstwerken im Foyer zu verweilen.

„Ich habe gehört, dass bei Ihnen der Ultimo - also der Monatsletzte - immer ein sehr bevölkerungsreicher Tag ist”, freute sich Hannes Peters, Diözesenbeauftragter für Pastoral mit Menschen mit Behinderung, bereits im Vorfeld, dass viele Leute die zehn individuell gestalteten Stühle in den kommenden Tagen sehen werden.

Und die Geschichten kennen lernen, die dahinter stecken. Diese können mal lustig, mal nachdenklich oder auch traurig sein. So wie bei Dirk Winterich, Erwin Drews, Hanspeter Schunk und Kurt Haiplik. Ihre Arbeit begann damit, dass sie von ihrem Freund Kalle Fuchs die Silhouette abnahmen, welche als ausgeschnittene Holzfigur an den Stuhl lehnt.

Leider verstarb Karl-Heinz Fuchs einige Wochen später und konnte die Ausstellungseröffnung nun nicht mehr miterleben. Im Kunstwerk, sind sich seine Gruppenmitglieder aber sicher, lebt er weiter.

„Kunst, die nachdenklich stimmt”, findet nicht nur Sparkassen-Gebietsdirektor Klaus Wohnaut. „Menschen mit Behinderung haben all ihr Temperament, ihre Kreativität, aber auch ihre Fragen in die Arbeit gesteckt. Die Kunstaktion betont: Es stellt sich nicht die Frage, was kosten Menschen mit Behinderung, sondern was bringen sie ein”, so Peters.

Mit der Ausstellung „Stuhl frei. Nehmen Sie bitte Platz!”, die momentan regional an 14 verschiedenen Orten läuft und insgesamt 270 Stühle präsentiert, möchten die Organisatoren ebenso wie die Künstler auf die besondere Situation von Behinderten aufmerksam machen. Ob sie dabei schon einen Platz in Kirche und Gesellschaft gefunden haben, beantworten die Künstler ganz unterschiedlich.

„Der Stuhl steht auch dafür, einander einen Platz freizuhalten. Er sagt: Du bist uns wichtig. Aber auch: Komm und enttäusch uns nicht. Wir zählen auf dich”, formulierte es Hannes Peters in seiner kurzen Ansprache. „Wir brauchen alle einen Platz. Menschen mit Behinderung ebenso wie jeder andere”, lautete seine Botschaft und die der Künstler.

Dass dies noch nicht alle Menschen begriffen haben und einige ihre Unwissenheit nur durch Gewalt verbergen können, erzählt der Stuhl von Helga Beckers und Christoph Mergelsberg: „Eigentlich ist unser Platz sehr gut. Aber vor ein paar Monaten wurde in meinem Wohnheim jemand mit Steinen beworfen und die Polizei musste kommen. Das hat uns Angst gemacht”, lesen Besucher auf dem Schild am Stuhl.

Der Stuhl der beiden ist auf der Sitzfläche mit großen Kieselsteinen beklebt. Das haben sie alles in Teamarbeit miteinander entworfen, erzählt Helga Beckers während der Ausstellungseröffnung stolz. Bunt angemalt haben sie ihr Exemplar trotz der traurigen Vorgeschichte auch. Und die Rückenlehne ist mit vielen schmucken kleinen Steinen verziert, fast so wie ein Thron. Daher der passende Titel: der Königsstuhl.

So erzählt jeder Stuhl seine eigene Geschichte. Mal spaßig, mal traurig, aber immer authentisch. Ganz so wie das Leben der Künstler.
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