Eschweiler - Mehr als Bier, Pommes und Sprachenstreit

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Mehr als Bier, Pommes und Sprachenstreit

Von: ran
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„Scheitert Belgien, scheitert
„Scheitert Belgien, scheitert Europa!”, unterstrich Drs. Siebo Janssen während seines Vortrags im Eschweiler Ratssaal. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Belgien ist Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), der heutigen Europäischen Union (EU). In der Hauptstadt Brüssel haben zahlreiche europäische Institutionen ihren Sitz. Doch was wissen wir Deutschen ansonsten über unseren westlichen Nachbarn?

In Kooperation mit dem „Europe Direct Informationsbüro” lud der Europaverein „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft” (GPB) im Rahmen seines Europaforums nun unter der Überschrift „Belgien und Europa - Krise, Chancen und Zukunft” zu einer Informationsveranstaltung in den Ratssaal ein. Referent Siebo Janssen von der Fachhochschule des Bundes in Brühl und der Universität zu Köln ging zunächst auf die belgische Geschichte ein, bevor er auf die aktuelle Situation des Landes zu sprechen kam.

„Wie kommt jemand dazu, sich diesem augenscheinlich chaotischen Land zu widmen?”, begann der Politikwissenschaftler, der seine Promotion an der Universität Nijmwegen absolvierte, seinen Vortrag mit einer selbstironischen Frage. „Weil Belgien eben mehr ist als Pommes Frites, die übrigens besser sind als in Deutschland, Bier und Sprachenstreit”, gab er prompt die Antwort.

Letzterer verfolge Belgien allerdings schon seit seiner Gründung im Jahr 1831. „Im damals neuen Staat herrscht die frankophone Bourgeoisie, das agrarisch strukturierte, katholische Flandern, in dem zahlreiche flämische Dialekte gesprochen werden, fällt quasi unter den Tisch”, machte der gebürtige Kölner deutlich. Als Mitte des 19. Jahrhunderts dann in den Regionen Lüttich, Charleroi und Borinage massive Steinkohlevorkommen gefunden werden, beginnt ein schneller ökonomischer Aufstieg in der Wallonie.

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges beginnt sich eine flämische Nationalbewegung herauszukristallisieren. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts folgt die Einigung der Flamen auf Niederländisch als Hochsprache, 1932 wird in Gent schließlich die erste niederländischsprachige Universität gegründet.

Als 1940 die deutsche Wehrmacht Belgien überfällt, kommt es allerdings zum flämischen Sündenfall. „Die Nazis versprachen, die Flamen zu unterstützen. Und zahlreiche Flamen kollaborierten fatalerweise”, sprach Siebo Janssen auch ein dunkles Kapitel an. Nach dem Krieg folgt in Belgien zunächst die „Generalabrechnung” mit der flämischen Bewegung. Doch die Zeiten ändern sich. Flandern wird nicht zuletzt durch den Dienstleistungssektor ökonomisch stärker, während der Bergbau in der Wallonie immer mehr an Bedeutung verliert. Zu Beginn der 60er Jahre legt die belgische Regierung die Sprachgrenze fest, rund ein Jahrzehnt später folgt die Dezentralisierung in die Regionen Flandern, Wallonie (mit der Deutschsprachigen Gemeinschaft) und Brüssel.

„Seit mehr als einem halben Jahrhundert föderalisiert, gilt Belgien durchaus als Modell für Staaten wie Zypern oder Bosnien-Herzegowina”, leitete der Lehrbeauftragte der Universität Köln in die Gegenwart über. Der Prozess sei jedoch vor allem durch drei Aspekte ins Stocken geraten: „Erstens durch eine starke nationalistische Bewegung in Flandern. Zweitens durch die Krise in der Wallonie, die sich in einer etwa doppelt so hohen Arbeitslosigkeit im Vergleich zu Flandern ausdrückt, was wiederum zu hohen Ausgleichszahlungen der Flamen an die Wallonen führt. Und drittens durch die Europärisierung Belgiens, durch die das ohnehin kleine Land weiter an Bedeutung verliert.”

Die aktuelle Krise sei vor allem durch den elementaren Streit um den Status der Hauptstadt Brüssel gekennzeichnet. „Nach über 530 Tagen ohne Regierung scheinen die größten Steine nun aus dem Weg geräumt zu sein”, hofft Siebo Janssen nun auf eine baldige Einigung. Die Frage sei, ob eine Regierung mit sechs Parteien stabil genug sein könne, um die kommenden zweieinhalb Jahre bis zu der nächsten Wahl zu überstehen.

„Bricht Belgien auseinander, wäre dies ein dramatisches Signal für Europa. In diesem Land treffen die romanische und die germanische Kultur aufeinander. Funktioniert dies nicht in Belgien, dann auch nicht in Europa. Deshalb lautet meine Prognose: scheitert Belgien, scheitert Europa! Allerdings bin ich heute optimistischer als noch vor zwei Wochen”, meint Siebo Janssen.
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