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Launische Diva im Kraftwerk Weisweiler geht in den Ruhestand

Von: Patrick Nowicki
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Block D ist in die Jahre gekommen: Kraftwerksmeister Jürgen Schmidt kontrolliert die Ausdehnung der Turbinenhülle. Foto: Patrick Nowicki
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Großbaustelle Weisweiler: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden dort zwei der modernsten Kraftwerksblöcke damals.
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Der Vater des Wirtschaftswunders in Weisweiler: Wirtschaftsminister Dr. Ludwig Ehrhard (3. von rechts) nahm an der offiziellen Inbetriebnahme des Kraftwerkblockes C im Jahr 1955 teil.

Eschweiler. Drei Schornsteine, eine Zigarre – so lautete das Motto im April vor 57 Jahren im Kraftwerk Weisweiler. Damals war der Bau des Blocks C abgeschlossen worden. Zur Inbetriebnahme reiste auch Bundeswirtschaftsminister Dr. Ludwig Erhard an. Mit der ihm typischen Zigarre im Mund lauschte der Vater des Wirtschaftswunders den Erklärungen der RWE-Verantwortlichen.

„Damals war Block C der größte Braunkohleblock in Europa“, erläutert Jürgen Radwitz, Abteilungsleiter Blockbetrieb in Weisweiler. Inzwischen hat er ausgedient. Zum Jahreswechsel wurden alle vierzehn 150-Megawatt-Blöcke des RWE abgeschaltet. In Weisweiler ging also mit Block C auch D vom Netz, der 1959 seinen Betrieb aufnahm.

Alte Pläne verblichen

Das Aus war schon lange besiegelt und bekannt. An die Genehmigung neuer Braunkohlekraftwerke war auch gekoppelt, ältere Einheiten vom Netz zu nehmen. „Die alten Blöcke sind auch in die Jahre gekommen, das Material leidet natürlich, eine Revision lohnt sich irgendwann nicht mehr“, sagt Manfred Lang, Sprecher der RWE Power AG. Allerdings genügt es nicht, auf einen Aus-Schalter zu drücken, denn auch die Abschaltung muss von langer Hand vorbereitet werden. Die Kraftwerksblöcke sind auf vielen Wegen miteinander gekoppelt und verbunden. „Es war nicht ganz einfach, in den alten Plänen die Leitungsverläufe zu finden“, berichtet Radwitz. Manche Zeichnung sei schon verblichen.

Eineinhalb Jahre Vorbereitung waren nötig, ehe beide Blöcke am 28. Dezember 2012, zwei Tage vor dem ursprünglich geplanten Termin, vom Stromnetz genommen wurden. Zwölf Stunden dauerte der Vorgang, dann ging das Feuer im Kessel endgültig aus. Dass die Abschaltung früher kam, lag an der milden Witterung und dem starken Wind. Dadurch war ausreichend Energie vorhanden, die Windparks steuerten viel Strom dazu, das Netz war also ausreichend versorgt.

Wenn die Mitarbeiter in Weisweiler von Kraftwerksblöcken reden, dann sprechen sie so, als handele es sich um eine Person. Mit allen Besonderheiten und Eigenarten. „Dora war eine Diva“, schmunzelt Kraftwerksmeister Jürgen Schmidt, „sie hatte ein Eigenleben.“ Damit meint er, dass das Material beim Anfahrvorgang selten so reagierte wie gedacht. Um die Turbine anzutreiben, muss sie zunächst auf Betriebstemperatur gebracht werden, denn der Stahl und die Rotorblätter müssen sich vor dem Start gleichmäßig ausdehnen. Etwa 12 bis 20 Millimeter streckte sich das 25 Meter lange Stahlkoloss mit Turbine und Generator im Vollbetrieb. Bei Block D nutzten die Kraftwerksmitarbeiter stets Wasserdampf. Aber der Aufwärmvorgang gelang eben nicht immer. „Es gab schon Momente, da mussten wir den Vorgang abbrechen“, sagt Schmidt.

Vieles, was an modernen Blöcken heute digital am Bildschirm geschieht, musste bei C und D noch von Hand passieren. Die Zündung im Kessel zum Beispiel. Früher tränkte man einen Lumpen in Öl, befestigte ihn an einen Stab, zündete ihn an und hielt ihn vor die Öffnungen, die Kohlenstaub ins Kesselinnere bliesen. Etwas moderner wurde es schon, denn hierzu verwandte man zum Schluss Propangas und eine entsprechende Stange. Die anderen, neueren Kessel zünden hingegen vollautomatisch.

Wie einen Kollegen verabschiedeten die Mitarbeiter ihre beiden Blöcke – standesgemäß mit einer Feier im Kontrollraum. Hierzu waren auch ehemalige Bedienstete des Kraftwerks eingeladen, die jahrelang in den Blöcken C und D gearbeitet haben. „Etwas Herzblut hängt schon daran“, gesteht Jürgen Schmidt. Auch für das aktuelle Personal hat die Abschaltung Konsequenzen. Die 50 Menschen, die sich um die Produktion und Instandhaltung der Braunkohleblöcke kümmerten, werden nun an anderer Stelle im Kraftwerk Weisweiler eingesetzt oder nutzten die Möglichkeit, in den Vorruhestand zu wechseln. „Entlassen haben wir niemanden, die Personalplanung war in dieser Frage genau abgestimmt“, betont Jürgen Radwitz.

Vieles wird auch in Zukunft an Block C und D erinnern, denn die Blöcke können nicht vollständig abgebaut werden. So bleiben auch die 46 Meter und 37 Meter hohen Kessel erhalten. Und die Geschichten bleiben bestehen – über die launische Diva, die immer das tat, was sie wollte und den Besuch vom Wirtschaftsminister, der damals mit Zigarre anreiste. Das Kraftwerk hatte 1955 noch drei Schornsteine...

Zahlen und Fakten zu den beiden Blöcken

Im April 1955 wurde der Braunkohleblock C in Weisweiler in Betrieb genommen. Damals war auch der Bundeswirtschaftsminister Dr. Ludwig Erhard zu Gast. Mit der Stilllegung erreichte die Anlage 453.000 Betriebsstunden. Dazu kamen 510 Turbinenstarts und etwa 500 Starts pro Kessel.

Der Block D folgte im Januar 1959, allerdings ohne prominenten Besuch. In vielerlei Hinsicht ist er in seiner Bauart ein Unikat. Der Kessel besitzt einen achteckigen Feuerraum, der einen Kreis andeutet. Damit soll er der Tangentialfeuerung angeglichen werden. Als erster Kessel dieser Größe arbeitete er mit einer Zwischenüberhitzung.

Bis zu seiner Abschaltung brachte es Block D auf 386.600 Betriebsstunden.

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