Langsam wachsen die Schneisen Kyrills zu

Von: Patrick Nowicki
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Auch nach fünf Jahren sind di
Auch nach fünf Jahren sind die Spuren von „Kyrill” noch deutlich sichtbar: Försterin Susanne Gohde an der Stelle, wo ein Viertel des Orkanschadens entstand. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Den Nachmittag vor fünf Jahren wird Susanne Gohde so schnell nicht vergessen. Es ist nach 17 Uhr, als der Orkan Kyrill Eschweiler mit voller Wucht. Böen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 130 Stundenkilometern fegen über die Stadt. Die Försterin selbst befindet sich im Stadtwald und schaut nach dem Rechten.

Gegen 18 Uhr wird sie Zeugin, wie gleich eine ganze Reihe hölzerner Riesen wie Grashalme umkippen. „Das würde ich heute so nicht mehr machen”, erinnert sie sich, „viel zu gefährlich.” Binnen dreier Stunden liegen fünf Prozent des gesamten Fichtenbestandes auf der Seite.

Das ganze Ausmaß des Orkans, der später als „stärkstes Sturmereignis seit über 20 Jahren in Westeuropa” (Deutscher Wetterdienst) eingestuft wird, wird erst am nächsten Tag deutlich. Über 200 Helfer sind im Einsatz, um die Straßen von abgebrochenen Ästen und umgekippten Bäumen zu befreien. Die Durchfahrt durch den Stadtwald ist erst am späten Nachmittag wieder möglich. Hochkonjunktur haben auch die Dachdecker, da zahlreiche Dachziegel vom Wind mitgerissen wurden. Selbst Kamine gaben unter dem Druck nach.

Am stärksten betroffen ist jedoch der Stadtwald. Bis heute sind die Spuren, die Kyrill hinterlassen hat, deutlich sichtbar. „Wir mussten durch Kyrill und später auch Xynthia massiv aufforsten”, berichtet Susanne Gohde. Seit acht Jahren ist sie als Försterin in Eschweiler tätig, in dieser Zeit wurden 20 Hektar neu bepflanzt. Dies entspricht fast fünf Prozent des gesamten Stadtwaldes. „Das grenzt schon an fortwirtschaftlichem Aktivismus”, meint sie. Eichenbestände haben zum Beispiel eine Lebensdauer von durchschnittlich bis zu 200 Jahren.

Mag der Orkan vor fünf Jahren einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht haben, er hat aber auch Positives bewirkt. Die gefallenen Fichtenbestände aus den Nachkriegsjahren wurden durch ökologisch wertvollere Laubhölzer ersetzt. In Zahlen ausgedrückt: Von November 2007 bis März 2008 wurden 19 700 Pflanzen gesetzt - 12 000 Rotbuchen, 6000 Traubeneichen und 1700 Fichten. Letztere allerdings nur als Sichtschutz für die Setzlinge und größtenteils unter Hochspannungsleitungen.

Es genügt nicht, auf den sogenannten Wurfflächen nur Setzlinge zu platzieren. Nachhaltige Waldwirtschaft bedeutet in dem Fall, dass ein Teil der Bäume liegen bleibt. Als Nahrung für die nachfolgende Generation. „Es hat sich hier in den vergangenen fünf Jahren schon einiges entwickelt”, zeigt auf das 1,5 Hektar große Areal, das als Abteilung 7 und 8 bezeichnet wird. Ein Viertel des Gesamtschadens durch Kyrill entstand dort. Zwischen Baumstümpfen und Mulch wachsen dort die Buchensetzlinge, durch eine Kunststoffmanschette vor Wildbiss geschützt. Als sogenannte Begleitbaumart, befindet sich daneben ein Streifen mit Birken, die bereits eine beachtliche Höhe erreicht haben. Die Birken sollen die Buchen vor starkem Frost, Wind und Hagel schützen, bis sie selbst robust genug sind.

Die Bodenqualität bestimmt, welche Laubholzart gepflanzt wird. Dort, wo der Boden nährstoffreich, aber auch durch die hohe Tonschicht sehr feucht ist, kommt die Traubeneiche zum Tragen. Bei ihr genügt eine einfache Manschette nicht, sondern der gesamte Bereich muss mit einem Zaun umgeben werden, damit die Knospen und Blätter der Setzlinge nicht zum Gaumenschmaus für Rehe wird.

Wirtschaftlich machte sich der Orkan auch positiv bemerkbar: Er wehte nämlich eine Mehreinnahme über 47.000 Euro in die Stadtkasse. 2200 Festmeter Holz wurden schließlich verkauft, 1400 Festmeter mehr als ursprünglich geplant. „Da der Markt natürlich gesättigt war, sank der Holzpreis deutlich”, berichtet Susanne Gohde. Im Sommer nach Kyrill habe er nur 75 Prozent vom Niveau Anfang 2007 betragen. Zudem wurden 100 Brennholzkunden bedient, die den Verschnitt nutzen konnten. Es hätten sogar mehr sein können: „Das Telefon stand nicht mehr still - aber Nadelholz eignet sich nicht gut für Kaminöfen.”

Als Kyrill im Stadtwald wütete, waren die Böden durch starke Regen aufgeweicht. Da Nadelbäume flache Wurzeln schlagen, hatte der Orkan leichtes Spiel. Aus diesem Grund waren auch vorrangig Fichten befallen. Fünf Hektar Fichtenwald kippten einfach um. Das ist nun genau fünf Jahre her, aber bis heute erinnern große Freiflächen an die Schneisen, die Kyrill in den Wald geschlagen hat. Bis sie wieder vollständig zugewachsen sind, werden noch Jahrzehnte vergehen.

Für die Feuerwehr herrschte am 18. bis 19. Januar 2007 Hochbetrieb. 150 Sturmeinsätze fuhren die Helfer. Dennoch urteilte Wachleiter Axel Johnen anschließend: „Eschweiler ist mit einem blauen Auge davon gekommen.”

Verletzt wurde niemand, aber dort, wo Bäume umgekippt waren, bot sich ein Bild der Verwüstung. Zwei Tage benötigten die Helfer, um alle Straßen und Wanderwege freizuräumen. Eine ganze Woche dauerte es, ehe sämtliche Straßen wieder verkehrssicher waren, weil immer noch Äste herabzufallen drohten.

In der Tat schlug Kyrill in anderen Gebieten des Landes heftiger zu. Der von Nordwesten heranbrausende Orkan erreichte in Eschweiler aber immer noch Geschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern. Auf offener See wurden sogar 225 Stundenkilometer gemessen. 47 Menschen starben europaweit.

Um besonders betroffene Bereiche zu unterstützen, wurde ein EU-Solidaritätsfonds aufgelegt. Eschweiler war Orkanrandgebiet.

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