Kritik am Rand des Machbaren: 30.01.1933 in der Lokalpresse

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
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Wahlwerbung der Nationalsozialisten in Eschweiler, an der Ecke Englerthstraße/Grabenstraße. Das Foto stammt aus dem Jahr 1938.
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„Platz für 5000 politische Gefangene“ – die Eschweiler Zeitung informierte im März 1933 im Lokalteil über das KZ Dachau.

Eschweiler. Ein Fackelzug der Nationalsozialisten in Berlin, Streikaufrufe der Kommunisten im Aachener Revier – vor 80 Jahren, am 30. Januar 1933, bildete der deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg eine neue Regierung, das „Kabinett der nationalen Konzentration“, mit Adolf Hitler als Reichskanzler.

Eigentlich ging es zu diesem Zeitpunkt mit der Hitler-Partei schon wieder bergab, und Hitlers Amtsvorgänger Franz von Papen täuschte sich ebenso wie die Deutschnationalen über Hitlers Machtwillen. „Was wollen Sie denn? In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!“ soll von Papen einem Kritiker entgegnet haben.

Eine schreckliche Fehleinschätzung. In den wenigen Wochen bis zur Neuwahl des Reichstags am 5. März 1933 gab es stattdessen Zeitungsverbote, erste Boykotts jüdischer Geschäfte und eine wachsende Einschüchterung aller anderen politischen Kräfte. In den Behörden, besonders in der Polizei, wurden die Spitzenbeamten ausgetauscht. Die Nationalsozialisten übernahmen zielstrebig die Macht.

Eschweiler ist weit weg von Berlin, und wer flüchtig durch die damals erscheinenden Zeitungen der Indestadt blättert, hat den Eindruck, die Bedeutung des 30. Januar, dieses ersten großen Schritts in die Diktatur, sei an der Öffentlichkeit vorbeigegangen.

Da wurde groß über die Grippewelle geschrieben, über die Arbeitslosigkeit und natürlich über den Karneval: „Trommelfeuer der Roten Funken Artillerie – die Kerntruppen des Prinzen Karneval wollen den Feind derart aufs Haupt schlagen, dass er vernichtet am Boden liegt!“ Dass ein ganz anderer Feind als „Griesgram und Muckertum“ gerade dabei war, die Macht zu übernehmen – hat das niemand gespürt?

Skepsis der Lokalredaktionen

Doch, durchaus. Beim aufmerksamen Lesen wird erkennbar, wie innerhalb weniger Tage nach der ersten abwartend-distanzierten Berichterstattung über die Neubildung der Regierung die Skepsis auch in den Lokalredaktionen steigt, besonders beim „Boten an der Inde“, dem katholischen Traditionsblatt. Meist sind es nur kleine Meldungen, betont sachliche Hinweise, die deutlich machen, dass man in Eschweiler sehr wohl ahnt, was auf das Land zukommt, während große Teile der Bevölkerung (und damit sicher auch der Leserschaft) sich mehr und mehr für die Nationalsozialisten begeistern.

Drei Zeitungen erschienen damals in Eschweiler. Der „Westdeutsche Beobachter“, das Blatt der Nazis, hatte damals noch keine Lokalredaktion. In den Ausgaben jener Zeit, die man später „Machtergreifung“ nennen wird, sind nur zwei oder drei lokale Meldungen aus Eschweiler zu finden. Einmal macht man sich über ein SPD-Mitglied aus Hastenrath lustig, der Mann habe am 30. Januar, als die Rede des frisch zum Reichskanzler gekürten Adolf Hitler im Rundfunk übertragen wurde, „in ohnmächtiger Wut seinen Lautsprecher zerstört“.

Und in der gleichen Ausgabe meldet das NS-Blatt mit Empörung, dass „ein Angehöriger der NSDAP, der Uniform trug“, in der Nacht zum 30. Januar „von drei Personen in der Uferstraße von hinten niedergeschlagen und zu Boden geworfen wurde.“ Die drei Täter hätten versucht, ihr Opfer über die Mauer in die Inde zu werfen. Für den „Westdeutschen Beobachter“ war es keine Frage, wo die Schuldigen zu suchen seien: „Marxistische Verbrecher!“ lautete die Überschrift.

Der „Eschweiler Anzeiger“ war die kleinere der beiden in Eschweiler erscheinenden Lokalzeitungen. Dieses Blatt war national gesinnt und begrüßte, wenn auch mit Skepsis, die Hitler-Regierung. Zitat: „Ein Mann, der in Lebensnot mit den Tode ringt, fragt nicht, wer sein Retter ist.“

Ein „Zentrumsblatt“

Das wichtigste lokale Blatt war die „Eschweiler Zeitung / Bote an der Inde“. Parteipolitisch damals ein „Zentrumsblatt“, also der katholischen Zentrumspartei verpflichtet. Das Zentrum war damals im Parteienspektrum in der Mitte eingeordnet. Im „Boten“ finden sich, betont sachlich gehalten, die deutlichsten Hinweise auf den Widerstand gegen Hitler und die neue Regierung. Und: Auch nach der Machtergreifung finden sich noch Inserate jüdischer Geschäfte, werden Juden im Rahmen der lokalen Berichterstattung betont erwähnt.

Ein Beispiel für diese Art, zu berichten: Am 19. Februar sprach Hitler in Köln. Eine Großveranstaltung, über die in der NS-Presse seitenlange Jubelberichte erschienen. Über eine andere Großdemonstration hingegen wurde fast gar nicht berichtet. Am gleichen Tag gingen tausende Arbeiter aus dem Aachener Revier auf die Straße, um gegen die neue Hitler-Regierung zu demonstrieren. Auch in Eschweiler. Im „Beobachter“, der Nazi-Zeitung, stand darüber kein Wort.

Der „Bote an der Inde“

Aber auch der „Eschweiler Anzeiger“ verschwieg die Demonstration, zu der die „Eiserne Front“ aufgerufen hatte, ein Zusammenschluss von SPD, Gewerkschaften und dem sogenannten „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“. Der „Bote an der Inde“ hingegen berichtete über das Ereignis, wenn auch nur in 20 Zeilen. Immerhin erfuhren die Leser so, dass die Demonstration sich „über das gesamte Inde- und Wurmrevier erstreckte“ und dass sich allein in Eschweiler „weit über 1000 Personen“ an dem Aufmarsch beteiligt hatten.

„Unter den Klängen der Musik marschierte der Zug, in dem viele rote Fahnen mit den drei Pfeilen mitgeführt wurden, von der Kaiserstraße durch die Hauptstraßen von Eschweiler. Auf dem Platz vor der Schützenhalle hielt Reichstagsabgeordneter Kirschmann (SPD) eine Ansprache, in der er sich für die politische Freiheit einsetzte. Die Kundgebung verlief ohne jeden Zwischenfall – die SA und SS der NSDAP des hiesigen Bezirks weilten gestern in Köln.“

Eine solche Meldung war drei Wochen nach der Machtergreifung bereits ein Wagnis. Die neue Regierung mit Hermann Göring als Innenminister setzte die Presse unter Druck. Göring verbot Zeitungen, die sich angeblich beleidigend über die neue Regierung äußerten, für Tage oder gleich Wochen. Aus Sicht des Nazi-Blatts hieß das: „Göring bricht den Presse-Terror!“ Während die NS-Zeitungen ungehemmt alle anderen Parteien beschimpften, wurde geringste Kritik der bürgerlichen Presse und linker Blätter zum Anlass für Verbote genommen.

Der Eschweiler „Bote an der Inde“ schrammte im Februar 1933 ganz knapp an einem Verbot vorbei. Er hatte einen Aufruf der katholischen Verbände zur Reichstagswahl veröffentlicht, in dem es unter anderem hieß: „Wir wollen die Erhaltung des Rechts im öffentlichen Leben, die Heilighaltung des Verfassungseides, die Wahrung der staatsbürgerlichen und sozialen Grundrechte der Reichsverfassung“.

Das wertete Göring bereits als ein Verächtlichmachen der neuen Regierung und verbot alle Zeitungen, die diesen Text abgedruckt hatten. Eine Intervention des Vorsitzenden der Zentrumspartei verhinderte es im letzten Moment. Die befreundete „Dürener Zeitung“, ebenfalls ein Zentrumsblatt, kam nicht davon. Sie musste wegen eines anderen ebenfalls harmlosen Satzes ihr Erscheinen für vier Tage einstellen.

Am 24. März 1933, knapp zwei Monate nach dem Tag, an dem Franz von Papen meinte, man könne Hitler „in die Ecke drücken, dass er quietscht“, brachte der „Bote an der Inde“ im Lokalteil ein Foto, das mit „Lokales“ gar nichts zu tun hat. Das Bild zeigte das erste Konzentrationslager der Nazis: Dachau bei München.

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