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Kinder sehnen sich nach einem Anker

Von: Andeas Röchter
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Die prägendste Zeit: In den ersten Lebensmonaten benötigen die Kinder feste Bezugspersonen. Foto: imago/Emil Umdorf

Eschweiler. Die ersten Lebensmonate und -jahre sind für jeden Menschen die prägendsten. Im Kleinst- und Kleinkindalter werden Weichen gestellt, die sich später kaum noch oder gar nicht mehr verrücken lassen. Unstrittig ist, dass feste Bezugspersonen für jedes Kind unersetzlich sind.

Doch wer kommt, auch im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungen, als Bezugsperson in Frage? Ausschließlich die Eltern? Andere Familienmitglieder? Erzieherinnen in Kindertagesstätten? Und in welchem Alter brauchen Kinder welche Betreuung? Fragen, die bereits während einer durch unsere Zeitung initiierten Podiumsdiskussion im Talbahnhof Ende Oktober zahlreiche Menschen beschäftigten.

Zu einer Fortsetzungsveranstaltung unter der Überschrift „Frühkindliche Entwicklung – Bindung, Beziehung, Reifung“ hatte nun Psychotherapeut Dr. Wolfgang Hagemann in die Röher Parkklinik eingeladen. Neben den Ausführungen des Einrichtungsleiters stand auch ein Vortrag von Dr. Susanne Altmeyer, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Leitende Oberärztin der Röher Parkklinik, auf dem Programm.

Diese unterstrich zu Beginn ihres Referates, dass sich wohl jeder Mensch einen „Anker“ wünsche, der ihm Sicherheit verleihe. „Wir Psychsomatiker glauben, dass dieser Anker für Kleinkinder oft die Eltern sind“, so Dr. Susanne Altmeyer. In Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen stelle sich aber nun mal die Frage, ob die „traditionelle“ Familie oder eine „modernere“ Konstellation das bessere Betreuungsmodell darstelle. Eindeutig sei, dass der Mensch von Beginn seines Lebens an auf ein Gegenüber angewiesen ist.

„Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Aber nur wenn das Bindungssystem intakt ist, erkunden wir die Welt“, betonte Dr. Susanne Altmeyer. Ist ein Kind „desorganisiert/desorientiert gebunden“, seien häufig Verhaltenauffälligkeiten wie vermehrte Reizbarkeit, In-Sich-Versinken, Störungen des Essverhaltens, Einschlafstörungen oder ein kontrollierend feindseliges Verhalten gegenüber Gleichaltrigen zu verzeichnen. „Eine Vernachlässigung des Kindes hinterlässt bei diesem Narben im Gehirn“, erklärte die Oberärztin.

Bindung sei dagegen ein ganz besonderer Anker. So seien sich Wissenschaftler inzwischen einig, dass das „Verhätscheln“ eines Kindes für dieses keinesfalls schädlich sei, sondern vielmehr die Stressresistenz und Widerstandskraft erhöhe. „Entscheidend ist, dass die Bezugsperson so viel Zeit wie möglich mit dem Kind verbringt. Und diese Bezugsperson kann auch eine Großmutter oder Erzieherin sein.“ In letzterem Fall sei aber ein Betreuungsverhältnis von höchstens 1:3 zu empfehlen. „Alles andere ist nicht sehr gut.“

Ergebnisse von Studien aus den Vereinigten Staaten und Kanada könnten nicht einfach ignoriert werden. Die NICHD-Studie (National Institute of Child Health and Human Development) aus den USA, an der seit Ende der 80er Jahre des vorherigen Jahrhunderts mehr als 1300 Kinder, die ab dem ersten Lebensmonat in Tageseinrichtungen betreut wurden, teilnahmen, zeige bei Vorschulkindern Verhaltensauffälligkeiten unter anderem in Sachen Aggressivität und Gehorsamkeit, und dies unabhängig von der Qualität der Einrichtung.

Ein anderes Beispiel liefere eine Studie aus dem kanadischen Bundesstaat Quebec, in dem 1997 ein Programm mit einem umfassenden Angebot an Betreuungseinrichtungen gestartet wurde. „Das Ergebnis aus dem Jahr 2005 zeigt bei Kindern, die Teil dieses Programms waren, die Zunahme von Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Aggressivität, die Verschlechterung sozialer und motorischer Kompetenzen sowie die Verschlechterung des Gesundheitszustandes.“

Zusammenfassend sei zu sagen, dass Krippenbetreuung bei einem Teil der Kinder Verhaltensauffälligkeiten verursache. Bedenklich sei vor allem die Stressbelastung bei einem Großteil der Kinder, die langfristig ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen darstelle.

Dr. Wolfgang Hagemann kritisierte vor allem die heutzutage übliche „Normierung“ von Kindern als unmenschlich: „Jedes Kind soll in einem bestimmten Alter bestimmte Fähigkeiten beherrschen. Kinder entwickeln sich aber nun mal unterschiedlich. Fähigkeiten reifen manchmal etwas später, dann aber umso schneller. Es ist einfach nicht sinnvoll, im dritten Schuljahr festzulegen, ob das Kind später Hochschulprofessor werden kann.“

Ein früher Weg in die Kindertagesstätte sei nur zu empfehlen, wenn die Eltern mit der Erziehung überfordert seien. Generell gelte, den Blick nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die Eltern zu richten. „Gerade die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag des Kindes, in der die erste wirkliche Kommunikation zwischen Mutter und Kind stattfindet, ist unglaublich wichtig für die Identitätsbildung als Mutter“, merkte der Psychotherapeut an. Allerdings: „Ein Einkommen reicht heute oft nicht aus, was zur Folge hat, dass die Frau nicht arbeiten darf, sondern arbeiten muss.“

Um eine akzeptable Betreuung in Kindertagesstätten zu gewährleisten, müsse ein Betreuer auf höchstens drei Kinder kommen, wiederholte der Leiter der Röher Parkklinik eine Forderung von Dr. Susanne Altmeyer. Wobei der Mitarbeiterschlüssel auf Grund von Urlaub oder Krankheit bei 130 Prozent liegen müsse. „In der Kleinkindphase darf kein Betreuungsdefizit entstehen, da Verlusterfahrungen zu Depressionen führen. Ich bin mir sicher, dass die Politik dies nicht im Blick hat.“ Deshalb sei der festgeschriebene Termin 1. August 2013, ab dem für jede Familie ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für unter Dreijährige besteht, unverantwortlich, da ausreichende Qualitätsstandards nicht vorhanden seien.

Darüber hinaus müsse sich die gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber den Betreuerinnen vergrößern. „Diese arbeiten für einen Hungerlohn, der zeigt, dass die Gesellschaft nach einer Billiglösung auf Kosten der Kinder und Frauen sucht.“ Es gelte, das „Ziel“ nicht aus den Augen zu verlieren. „Und das muss lauten: Mutter, Vater oder eine andere feste Bezugsperson betreuen das Kleinkind in seinem vertrauten Umfeld zu Hause.“ Die Gesellschaft benötige zehn Prozent Kita-Plätze. „Investiert die Politik das Geld, das für 30 Prozent Kita-Plätze eingeplant ist, in die benötigten zehn Prozent, haben wir optimale Voraussetzungen.“

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