Karl-Heinz Lambertz: „Europa braucht einen Schub”

Von: ran
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Sieht in der EU eine Erfolgsgeschichte, die durch aktuelle Entwicklungen aber sehr gefährdet ist: Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der DG in Belgien. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Seit inzwischen zwei Jahrzehnten haben sich die Mitglieder der „Gesellschaftspolitischen Bildungsgemeinschaft” (GPB) der Idee eines „vereinten Europas” verschrieben. Beim erstmals ausgerichteten Neujahrsempfang im „Bistro de Ville” stand nun mit Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (DG), ein Mann am Rednerpult, der noch ein wenig länger diesen Gedanken vertritt.

1990 als Minister in die Regierung der DG berufen, führt er diese seit 1999 an. Nachdem er im vergangenen Jahr im Rahmen des Donnerberger Gesprächskreises bereits den nicht ganz einfachen Versuch unternommen hatte, seinen Zuhörern unter der Überschrift „Belgien verstehen” das Nachbarland im Westen näher zu bringen, stand in seiner rund 25-minütigen Ansprache nun „Europa als Ganzes” im Mittelpunkt.

„Die Europäische Union ist eine weltweit einzigartige Erfolgsgeschichte. Probleme mit Europa haben eigentlich nur die Europäer selbst, obwohl sie Europa viel zu verdanken haben”, machte das Mitglied der Sozialistischen Partei gleich zu Beginn seines Vortrags deutlich.

Der heute vielfach als selbstverständlich angesehene Zustand eines stabilen Friedens in Europa sei eben alles andere als selbstverständlich, wenn man den Blick auf andere Kontinente richte. Auch den Euro als gemeinsame Währung nannte Karl-Heinz Lambertz einen Erfolg. „Vergessen wurde allerdings, dass eine gemeinsame Währung natürlich von großer Bedeutung ist, alleine aber nicht zur europäischen Integration führt”, so der Festredner.

Es sei versäumt worden, parallel auch andere politische Ziele zu definieren. Jetzt stecke die Europäische Union in einer Krise, die auch die Frage nach ihrer Existenz aufwerfe. „Wir erleben derzeit auf jedem EU-Gipfel den endgültigen Befreiungsschlag, der allerdings zwei Tage später wieder im Sande verläuft.

Allerdings ist es natürlich auch einfach, sich an ein Mikrophon zu stellen und Kritik zu üben”, räumte der Ministerpräsident ein.

Hoffnung setzt der 59-Jährige nun in Martin Schulz, den neugewählten Präsidenten des Europäischen Parlaments. „Ich wünsche mir, dass es ihm gelingt, dieser demokratisch legitimierten Institution Gehör zu verschaffen und so Begeisterung und Motivation für die europäische Idee zu wecken.

Europa braucht nämlich einen Schub.” Die Themen „Frieden” und „Währung” seien heutzutage nicht mehr ausreichend, junge Menschen zu begeistern, da sie als selbstverständlich angesehen würden.

Der Ansatzpunkt müsse sein, die Menschen dazu zu bringen, sich für Europa zu begeistern. „Dies tun sie nur, wenn sie erleben, dass Europa für sie einen Mehrwert hat”, ist sich Karl-Heinz Lambertz bewusst.

Kontraproduktiv sei aber nicht selten die Eigenart vieler nationaler Regierungen, sich alles Positive an das eigene Revert zu heften, negative Entwicklungen jedoch Europa in die Schuhe zu schieben. Dabei gelte es aktuell, sich riesigen Herausforderungen wie dem Klima- und dem demograhischen Wandel zu stellen, sowie die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfähig zu gestalten.

Keine Zauberformel

„Leider bin auch ich nicht im Besitz einer Zauberformel, die alle Probleme beseitigt. Aber ich bin überzeugt, dass eine entscheidende Dimension für die Zukunft Europas in den Grenzregionen liegt”, näherte sich Karl-Heinz Lambertz abschließend seiner Heimat. „Das Potenzial der Region Aachen-Maastricht-Lüttich mit ihren vier Millionen Menschen ist groß.” Doch auch nach 36 Jahren Euregio sei eine Intensivierung der Zusammenarbeit möglich und notwendig.

„Leider gestalten sich grenzübergreifende Maßnahmen teilweise immer noch als sehr kompliziert”, kritisierte das neue Ehrenmitglied des Europavereins, der zu Beginn seiner Ausführungen den Mitgliedern der GPB ein großes Kompliment ausgesprochen hatte. „Ich verfolge die Arbeit des Vereins mit Respekt und Bewunderung. Es ist eine bemerkenswerte Leistung, zwei Jahrzehnte lang mit dem Thema Europa präsent zu sein.”

In die gleiche Kerbe hatte zuvor Bürgermeister Rudi Bertram während seines kurzen Grußworts geschlagen: „Bei der Gründung des Vereins, in dem alle Mitglieder ehrenamtlich tätig sind, wurde sehr viel Weitblick unter Beweis gestellt. Europa ist derzeit das dominierende Thema schlechthin.”

Der GPB-Vorsitzende Peter Schöner zog eine zufriedenstellende Zwischenbilanz: „Am 1. September 1991 mit sieben Personen gegründet, ist die GPB inzwischen über die Grenzen der Region bekannt und erfährt durch zahlreiche Kooperationen sowie die Verleihung des Europäischen Sozialpreises große Anerkennung.”

Mit dem Rückblick auf das Jahr 2011, den die GPB-Geschäftsführerin Annelene Adolphs vornahm, fand der Neujahrsempfang der Gesellschaftspolitischen Bildungsgemeinschaft seinen Abschluss. Dabei standen neben der Zusammenarbeit mit Griechenland und Belgien als „Partner in Europa”, der neuen Kooperation mit „Europe Direct” sowie der bereits etablierten mit der Realschule Patternhof auch die Kampagnen „Japan-Hilfe” nach der Erdbeben- und Reaktorkatastrophe sowie „Nähmaschinen für Kuba” im Mittelpunkt.

Ab April steht ein weiteres Nachbarland im Fokus des Interesses: Dann sind die „Niederlande - Partner in Europa”.
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