Karin Bündgens: „Manchmal weiß ich mehr als Eltern“

Von: Doris Kinkel-Schlachter
Letzte Aktualisierung:
4606152.jpg
Seit 20 Jahren im Dienst für Kinder: Karin Bündgens ist Verkehrshelferin und lotst jeden Morgen in der Zeit von 7 Uhr bis zum Mittag Schüler sicher über die Straße. Foto: Doris Kinkel-Schlachter

Eschweiler. Jeden Tag steht Karin Bündgens an der Kreuzung Jägerspfad/Wilhelminenstraße, bei Wind und Wetter. Autofahrer und Fußgänger winken ihr zu oder kommen auch mal auf ein Pläuschchen rüber. Wenn aber „ihre“ Kinder kommen, hat sie nur noch Augen für sie. Dann steht die Sicherheit der Schüler über allem anderen, und dafür legt sich die 61-Jährige mit rücksichtslosen Fahrern an – wenn es sein muss. Karin Bündgens ist Schülerlotsin.

Nach dem notdürftigen Einspringen für den Schwager vor ziemlich genau 20 Jahren ist sie sozusagen an der Kelle hängengeblieben. Zwischendurch hat sie vier Jahre lang an der von Schülern stark frequentierten Hehlrather Straße gestanden, aber am wohlsten fühlt sie sich immer noch an der Kreuzung Eschweiler Wald. „Als vor 13 Jahren mein Mann starb und ich Witwe wurde, war ich umso froher, dass ich diesen Job hatte. Ich bin von keinem abhängig, und es ist doch viel schöner und erfüllender, meine Kinder sicher über die Straße zu bringen, als irgendwo schrubben zu gehen“, sagt die Verkehrshelferin.

„Meine“ Kinder wird Karin Bündgens an diesem Morgen noch öfter sagen. Marie, Fabian, Alexander, Lukas… Die Schulweghelferin kennt alle Vornamen der Kinder und weiß oft auch noch ein bisschen mehr, wie sie verrät. Sind die I-Dötzchen zu Beginn eines neuen Schuljahres oftmals scheu, legt sich das während der nächsten Wochen ganz schnell. Schließlich sehen sie „Frau Bündgens“ jeden Tag. Und dann erzählen sie auch – wie das Wochenende war, wohin der nächste Urlaub geht, oder eben, was der Nikolaus gebracht hat. „Manchmal weiß ich mehr als die Eltern“, sagt Karin Bündgens und lächelt verschmitzt.

Die Lotsin ist schon von weitem in ihrer neongelben Jacke zu erkennen, und doch gibt es sie: die rücksichtslosen Autofahrer. Das sind die, die einfach das Stopp-Schild ignorieren – ebenso wie die Geschwindigkeitsbegrenzung. „Oftmals sind sie zu schnell, wenn sie aus dem Wald stadteinwärts fahren, da habe ich den Blutdruck schonmal höher!“ Einmal, es ist schon Jahre her, hätte einer „ihre“ Kinder und sie beinahe umgefahren. Karin Bündgens war gerade dabei, die Schüler sicher über die Straße zu geleiten, „als der Mann in seinem Wagen angeflogen kam und genau zwischen uns fuhr. Und dann hat er doch tatsächlich behauptet, er hätte mich nicht gesehen.“

Das war der einzige Zwischenfall in all den Jahren, in denen die 61-Jährige als Lotsin tätig war. „Ich habe meine Kinder aber auch so erzogen, dass sie so lange am Straßenrand stehenbleiben, bis ich sie rufe“, sagt Karin Bündgens. Die Kinder der Barbaraschule und der Erich-Kästner-Schule sind froh, dass sie „Frau Bündgens“ haben, und selbst die Gesamtschüler schätzen es, bei Schnee und Glätte sicher und ohne Hast über die Straße zu kommen, „obwohl die meisten sonst sagen: Sie brauchen mir nicht mehr über die Straße helfen, ich bin doch groß“, erzählt Bündgens.

Zum Ende eines jeden Schuljahres hat die Lotsin immer kleine Präsente für die Mädchen und Jungen, und sie freut sich besonders, wenn Jugendliche oder mittlerweile Erwachsene zu ihr kommen und fragen: „Kennen Sie mich noch? Sie haben mich damals sicher über die Straße gelotst.“

Stricken in den Pausen

Vor zwei Jahren war der Winter besonders hart, da hat die gebürtige Magdeburgerin ihren Wagen stehen gelassen und ist zu Fuß zu ihrer Arbeitsstelle gegangen. Ansonsten sitzt sie in ihren Pausen meistens in ihrem grünen Kombi am Rande des Waldparkplatzes und vertreibt sich die Zeit mit Lesen, Strick- und Häkelarbeiten.

Gerade macht sie für ihren Lebensgefährten eine apfelgrüne Strickjacke. So entstehen gehäkelte Decken und gestrickte Pullover. „Oder ich quatsche ein bisschen mit den Leuten, die hier vorbeikommen“, sagt der Engel in Neongelb. Es scheint so, als ob Karin Bündgens eine Menge Menschen kennt, denn egal ob Autofahrer, Passanten oder Spaziergänger: Fast jeder grüßt die Verkehrshelferin.

Auch wenn das Thermometer drei Grad Celsius anzeigt – so sind es doch wegen des eisigen Windes locker gefühlte minus fünf Grad, zwischendurch fällt Schneeregen. Das macht Karin Bündgens nichts aus, schließlich ist sie von Kopf bis Fuß entsprechend gekleidet, der Zwiebel-Lagen-Look lässt grüßen. Aus dem schält sie sich nur heraus, wenn sie mal muss.

Dann geht sie fast immer zum Haus Jägerspfad. „Da bekomme ich öfter eine Tasse Kaffee“, freut sich die Schulweghelferin über die Freundlichkeit. Kaum ausgesprochen, ruft Anwohnerin Annemarie Bündgens ihre Namensvetterin zu sich. Sie hat eine Tasse Pfefferminztee für Karin Bündgens, „das ist doch wohl das mindeste, was ich tun kann“, betont sie.

Die Lotsin sagt, dass die Anwohnerin ihr öfters ein Heißgetränk an den kalten Tagen oder ein Glas Wasser an den wärmeren Tagen bringen würde. Da hat sie Kelle gegen Häkelnadel getauscht und ihr ein Deckchen gehäkelt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert