Kabarettistischer Parforceritt durch die Welt der käuflichen Liebe

Von: sh
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Eschweiler. Nein, auf den Mund gefallen ist diese Frau nun wirklich nicht. Und ein Blatt vor eben diesen nimmt Ruth Schiffer auch nicht. War es das, was vielleicht den ein oder anderen potenziellen Besucher abgeschreckt hat?

Angst vor einer (wort-)starken Frau? Oder schreckte der Titel ab: „Halbe Stunde 60 Euro - 4000 Jahre Dienst am Kunden”? Das klingt ein wenig anrüchig.

Doch nicht erst die (Medien-)Gesellschaft der Moderne hat erkannt: Sex sells. Und immerhin gut 30 „Kunden” zahlten denn auch am Mittwochabend, um für deutlich weniger als 60 Euro deutlich mehr als nur eine halbe Stunde Ruth Schiffer zu bekommen.

Ihr zweistündiger Exkurs durch den Geschäftsbezirk der käuflichen Liebe hatte es mitunter in sich. Tabulos sprach Fischer all das an, was Mann in Wallung bringt und Frau zum eigentlich starken Geschlecht macht.

Garniert mit wundervoll ironischen Gesangseinlagen wandelte die gelernte Schauspielerin, die über das Düsseldorfer Kommödchen zum Kabarett fand und seit 1995 mit eigenen Programmen auf der Bühne steht, durch die Menschheitsgeschichte.

Über die Erklärung des Worts „Prostitution” (was lateinisch soviel heißt wie „sich nach vorne stellen) taucht sie mit der Spürnase eines Anthropologen in die Anfänge zwischen Mann und Frau ein: jeder mit jedem, die Swingerparty im Neandertal. Kurzum: real existierenden Sozialismus bei Jägern und Sammlern.

Doch bald war das schöne Leben vorbei. Eigentum kam in Mode. Jeder Mann schnappte sich eine Frau. Nun ja, fast jeder. „Das Problem schon damals: Es gab Frauen ohne Eigentümer und Männer ohne Eigentum”, führte Schiffer das Publikum zum Urknall der käuflichen Liebe.

Und dann? Ein ganz einfaches Motto beherrscht seitdem das Verhältnis zwischen Männlein und Weiblein: Sex auf freiwilliger Basis, und zwar gegen Bares. Zwar gab es im Laufe der Jahrhunderte die ein oder andere Krise, doch gerade Katholiken hielten, so Schiffer, letztlich das älteste Gewerbe der Welt am Leben: „Wer schließlich beichten geht, der will auch sündigen.”

Je später der Abend, desto mehr tauchte Schiffer ein in die Welt der Edelbordelle und Flatrate-Puffs („Die scheitern letztlich an männlichen Realitäten”). Wie sieht so ein Betrieb eigentlich von innen aus? „Ein halbkriminelles Milieu, so wie im Lidl?”, fragte sich Schiffer und wollte ihren Mann hinschicken. Der zierte sich. „Soll ich etwa sagen, meine Frau hat mich geschickt?”

Am Ende schaffte Schiffer es immerhin in Kölns berühmteste Tabledance-Bar. Ihre Erkenntnis aus zahlreichen Fachgesprächen: „Da wird geduscht und vorher eine kurze Unterhaltung gepflegt. Das ist mehr als manch eine Ehefrau bekommt.”

Das Publikum im Talbahnhof bekam viel: einen kabarettistischen Seitensprung ins horizontale Gewerbe. Nicht immer ganz jugendfrei, aber erfrischend offen, ironisch und mit einem wunderbar weiblichen Blick auf die Dinge.

Fazit des Abends: Deutschland ist und bleibt eine Dienstleistungsgesellschaft. 400.000 Jobs, 14,5 Milliarden Euro Umsatz und 1,2 Millionen Kunden am Tag. Das kann, so Schiffer, nicht allein ehrenamtlich bewältigt werden.
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