Jürgen Rüttgers als Star in der Manege

Von: Patrick Nowicki
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Keine Szene aus „Wer wird Millionär”, sondern aus der Zuhör-Tour: Jürgen Rüttgers in der Weisweiler Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Musik aus, Spot an. Und schon schreitet Jürgen Rüttgers in die Manege. Der NRW-Ministerpräsident lädt zur Zuhör-Tour - und viele sind gekommen. Im silbergrau schimmernden Anzug mit einem verborgenen Ansteckmikrofon begibt sich der Christdemokrat in die Mitte des Rings.

Als der Applaus nicht enden will, beschwichtigt er jovial und eröffnet die Fragerunde. Jeder darf sich melden, mit sämtlichen Themen jongliert Rüttgers an diesem Abend. Er genießt die Show, dieses Format ist ganz auf ihn zugeschnitten. Zwischendurch streut er Scherze ein. Das kommt gut an bei den Menschen. Die Weisweiler Festhalle gleicht der Arena eines Fernsehstudio.

Große Träger halten die Scheinwerfer, die Manege ist von kleinen Tribünen umrandet. Und in der Mitte im Rampenlicht: Jürgen Rüttgers. Eine Ein-Mann-Show. Und der Politiker-Profi hat seine Hausaufgaben gemacht. Mit seinen ersten Sätzen lobt er die Karnevalsmetropole: „Die Fanfarentrompeter, die kenne ich.” Und der drittgrößte Rosenmontagszug Deutschlands sagt ihm auch was. „Alle Achtung”, lächelt er. Zu dem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass seine Zuschauer aus der ganzen Region angereist sind. Menschen aus Wegberg, Düren, Baesweiler, Würselen und sogar Bad Münstereifel stellen ihre Fragen. Die Festhalle als Pilgerstätte für Politik-Interessierte.

Nur wenigen fiel vor der Veranstaltung auf, dass einige Jungsozialisten mit Plakaten vor der Festhalle gegen die Bildungspolitik der Landesregierung demonstrierten. „Sowas stört mich nicht”, wird Jürgen Rüttgers nach der Veranstaltung sagen. Die ersten Fragen zielen aber genau in diese Richtung. Größere Klassen, Einheitsschulen, Erzieherinnen-Ausbildung - den größten Brocken gilt es zuerst zu stemmen, denn in Düsseldorf ist natürlich bekannt, dass sich die Begeisterung über den Schulerlass und die Mehrkosten durch Kibitz in Grenzen halten. „Ausfallen darf eigentlich kein Unterricht”, betont Rüttgers. Tut er aber doch, meinen einige Besucher.

Grundschulleiter Gerd Schnitzler spricht vor allem den aktuellen Erlass des Ministeriums an, der Schulen zwingt, Schüler an eine andere Grundschule zu verweisen, wenn bestimmte Klassenstärken nicht erreicht werden. Der Unionspolitiker erinnert an den demographischen Wandel und den Kinderschwund. Natürlich habe er keine Angst vor kleinen Schulen, aber: „Der Staat wird nicht alle Schulen halten können.”

Rüttgers wirkt stets ruhig und beherrscht, so als würde der Vater mit seinem kleinen Sohn sprechen. Nur einmal gerät er etwas in Not, als der CDU-Kommunalpolitiker Wolfram Stolz die finanziellen Ausstattung der Kommunen anspricht: „Wenn wir nur noch über Pflichtaufgaben diskutieren müssen, dann können wir den Stadtrat auflösen.” Auch er nennt Kibitz als Beispiel, dass wohl immer mehr Belastungen auf die Kommunen zukommen, und erwähnt die Konnexität. Rüttgers ergreift diesen Rettungsanker und erklärt die Begriffe, um abschließend zum Gesetz für die Kindergärten mitzuteilen: „Ursprünglich steckten wir dort 800 Millionen Euro rein, jetzt ist es eine Milliarde und trotzdem haben alle weniger Geld.” Die eigentliche Frage ist zu diesem Zeitpunkt schon vergessen.

Eschweilers Sorgenkind kommt ebenfalls auf die Tagesordnung: das City-Center. Ein Geschäftsmann meldet sich zu Wort und warnt vor dem Marktzentrum an der Auerbachstraße. Auch ein Dürener Ladeninhaber schlägt in diese Kerbe: „Die Innenstädte veröden.” Rüttgers nickt. Aus seiner Zeit als Beigeordneter kennt er solche Probleme. Es sei wichtig, dass die Städte innen lebten. Doch: „Wenn man immer neue Geschäfte eröffnet, dann muss man sich nicht wundern, dass an anderer Stelle Geschäfte leer sind.” Experten seien beauftragt, Ideen zu entwickeln, wie eine „schöne Stadt” aussehe.

Bei der Vielzahl der Themen verrinnt die Zeit. Ein Firmeninhaber erläutert eine neue Technologie, Bestandteile aus Handys zu recyclen und bittet um Unterstützung. Der Ausbruch aus der Justizvollzug-Anstalt Aachen beschäftigt die Zuschauer, GEZ-Gebühren und das Zusammenleben mit den Moslems kommen auf die Tagesordnung. Der Programmzettel in der Arena lässt Platz für viele kleine Probleme vor Ort, die dem Ministerpräsidenten natürlich unbekannt sind. Aber dafür haben sich viele Parteifreunde unter die Zuschauer gemischt, die im Zweifelsfall helfen können. Ein ganzer Stab von Mitarbeitern des Landeschefs tippt fleißig mit, schließlich will man sich mit den Sorgen auseinandersetzen.

Nach über 90 Minuten setzt Moderatorin Sabine Peper dem Plausch ein Ende. Jürgen Rüttgers erntet reichlich Applaus und schreitet lächelnd aus der Arena. „Damit rückt man näher an den Bürger”, ist er von dieser Form des Meinungsausstauschs überzeugt, die er nicht als Wahlkampf missverstanden wissen will. Deswegen soll die Tour weitergehen. Auch nach den Landtagswahlen. Zum Abschluss folgt ein Gruppenbild mit der Jungen Union im Foyer der Festhalle. Jürgen Rüttgers - Superstar. Aus den Vereinigten Staaten stammt die Idee für die Zuhör-Tour. Fehlt nur noch ein „Yes we can” am Mittwochabend.
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