Eschweiler - Integrationskurs: Wer hier leben will, muss zunächst pauken

Integrationskurs: Wer hier leben will, muss zunächst pauken

Von: Patrick Nowicki und Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
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Hoffen, in Eschweiler eine neue Heimat zu finden: Jasmin aus Syrien und Nico aus Rumänien nehmen am 29. Integrationskurs der Volkshochschule teil. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Jasmin sieht auf den ersten Blick ein wenig schüchtern aus, wie sie da im Klassenzimmer sitzt. Sie trägt ein Kopftuch, die Jacke hat sie nicht ausgezogen, vor ihr liegen Stifte und ein Heft. Sie sitzt zurückgelehnt in ihrem Stuhl, eine Hand in der Jackentasche.

Ein bisschen kalt findet sie es, sagt sie. Mit ruhigen Blick hängt sie an den Lippen von Dozentin Olga Busse, als diese sagt: „Jasmin, lies doch bitte deine Hausaufgaben vor.“ Jasmin zögert nicht lange und liest mit fester Stimme vor. Fehlerfrei. Sie ist 26 Jahre alt und erst seit zwei Monaten wieder in Deutschland.

In dem Land, das sie als Sechsjährige verlassen hat, um mit ihrer Mutter, der Schwester und den drei Brüdern zurück in die Heimat Syrien zu kehren. Jetzt ist sie zurück und nimmt mit 19 weiteren Migranten am 29. Integrationskurs der VHS teil. Neun Monate wird er dauern. Wir werden Jasmin, Nico aus Rumänien und die übrigen Kursteilnehmer in dieser Zeit begleiten.

Das Zuwanderungsgesetz sieht als Grundbaustein der Integration in Deutschland sogenannte Integrationskurse für Ausländer und Spätaussiedler vor. Sie umfassen Basissprachkurse, Aufbausprachkurse und einen Orientierungskurs zur Vermittlung von Kenntnissen der Rechtsordnung, der Kultur und Geschichte in Deutschland. Jeder Integrationskurs endet mit der Sprachprüfung „Deutsch-Test für Zuwanderer“. In Eschweiler finden sie in der Realschule Patternhof statt.

Als Saisonarbeiter ins neue Land

Nico, der zwei Plätze entfernt sitzt, und Jasmin haben ein gemeinsames Ziel: „Wir wollen hier bleiben“, sagt der 27 Jahre alte Rumäne. Als Saisonarbeiter hat er Deutschland bereits kennengelernt. Zudem leben 70 Prozent seiner Familie in Düsseldorf. In Rumänien hat er Zimmermann gelernt und anschließend Agrarwissenschaften studiert. Ein Jahr fehlt ihm noch bis zum Abschluss. Jetzt will er Deutsch lernen und das Studium beenden.

„Integration funktioniert über Sprache“, sagt Malgorzata Müller, die den Bereich Sprachen der Eschweiler Volkshochschule leitet. Das Programm für die Schüler ist straff, da rauchen schon mal die Köpfe, und nicht jeder kommt gleich gut mit. Auch, weil die Teilnehmer durchweg verschiedene Voraussetzungen haben. Sei es, weil sie in ihrer Heimat stets in Kyrillisch geschrieben haben, weil der eine länger und die andere kürzer zur Schule gegangen ist oder weil manche schon einige Erfahrungen mit der deutschen Sprache gesammelt haben und andere eben nicht. Drei Dozenten sind für diesen Kurs zuständig: Olga Busse, Inge Diehm und Renate Buxbaum-Calin.

Der 29. Integrationskurs ist bunt gemischt, wie das in den Eschweiler VHS-Kursen so üblich ist. So bunt wie auch die Gesellschaft. Türkei, Syrien, Portugal, Russland, Estland, Rumänien und Griechenland – viele Länder und Kulturen treffen aufeinander. Wie passend, dass in dem Klassenraum in der Realschule Patternhof ein großes Banner mit Flaggen aller möglicher Länder hängt. Auszüge aus dem Grundgesetz sind ebenfalls zu lesen. Auf bunten Blättern, die Realschüler beschriftet haben.

Und auch die Schicksale, die die Teilnehmer nach Deutschland geführt haben, sind sehr verschieden. Jasmin, ihre vier Geschwister und ihre Mutter sind vor dem Krieg geflohen. In Aachen geboren, lebte Jasmin bis zum sechsten Lebensjahr bereits in Eschweiler. Sie ist an der Grabenstraße aufgewachsen. Im Alter von sechs Jahren ging sie nach Syrien, in die Heimat ihrer Eltern. Sie besuchte die Schule bis hin zum Abitur und ging danach zur Universität. Dort studierte sie „Business Administration“.

Nur ein Semester fehlte ihr bis zum Abschluss, den sie nun unbedingt nachholen will. „Ich will Deutsch lernen und mein Studium fertig machen“, sagt sie. In all den Jahren sah die Familie den Vater nur einmal im Jahr, wenn er zu Besuch in Syrien war. „Meistens im Winter, wenn es in Deutschland kalt ist“, sagt sie. Jasmins Vater blieb nämlich in Eschweiler. Er arbeitet im Export, verkauft Kuchen unter anderem nach Dubai.

Ihr Vater spreche gut Englisch und auch Deutsch. Für Jasmin ist das selbstverständlich, immerhin ist ihr Vater schon über 30 Jahre in Eschweiler. Malgorzata Müller hingegen weiß, dass das längst keine Garantie dafür ist, dass ein Migrant gut Deutsch spricht. Sie selbst erlebt oft, dass auch diejenigen, die schon lange in Deutschland sind, eben nicht oder nur sehr schlecht Deutsch sprechen.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Einer ist natürlich, dass sich Menschen aus den gleichen Ländern gerne untereinander treffen. Das verhindert mitunter ein schnelleres Lernen der deutschen Sprache. Im Integrationskurs soll dies nicht passieren: Die VHS legt großen Wert auf kulturell gut durchmischte Kurse.

Dass es funktioniert, zeigen schon die ersten Unterrichtsstunden. Erst sieben Einheiten haben die Teilnehmer hinter sich. 28 Stunden Unterricht. Schon jetzt bekommen sie grammatische Grundregeln und Fachbegriffe wie den Akkusativ erläutert. Fördern und fordern lautet die Vorgabe in der VHS. Geschenkt bekommt hier keiner etwas. Auch das ist für Malgorzata Müller selbstverständlich. „Bildung kostet, und die Teilnehmern sollen lernen, dass es sich lohnt, für Bildung auch Geld auszugeben“, sagt sie.

In Sachen Integration hat Nico einen wichtigen Schritt gemacht. Er hat sich gleich bei einem Fußballverein angemeldet – bei Rhenania Eschweiler. Er berichtet das zwar noch in gebrochenem Deutsch, aber er lächelt. „Ich habe endlich Verein gefunden“, sagt er. In einem Sportverein geht ohne Sprache bekanntlich nichts. Derzeit ist Nico wegen einer Fußverletzung außer Gefecht gesetzt. Seinem Eifer im Klassenzimmer tut das keinen Abbruch. Eifrig ist Jasmin auch.

Beide haben noch viele Deutschstunden vor sich und lernen so ihre neue Heimat kennen...

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