Hilfstransport: Als Dankeschön genügt Heinz Brocks ein Lächeln

Von: Sonja Essers
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Eindrücke aus den vergangenen Jahren: Fahrräder, Rollatoren oder Schultaschen – die Menschen in Mogilev freuen sich über alles. Foto: Sonja Essers

Eschweiler/Mogilev. In der Inde­stadt ist Heinz Brocks vor allem für sein soziales Engagement bekannt. Seit 1995 begleitet der 75-Jährige den Verein „Hilfe für Tschernobyl-geschädigte Kinder“ Erftstadt zweimal im Jahr nach Mogilev in Weißrussland. Für sein Engagement erhielt er nicht nur den europäischen Sozialpreis, sondern wurde auch mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Am Dienstag rollt der 43. Hilfstransport in die weißrussische Stadt, die 200 Kilometer östlich von der Hauptstadt Minsk entfernt liegt. Im Interview erzählt Heinz Brocks von seinen bisherigen Erlebnissen und erklärt, warum er seinen Gästen aus Weißrussland bei deren Besuch in Eschweiler zuerst das St.-Antonius-Hospital zeigt.

Herr Brocks, am Dienstag machen Sie sich wieder auf den Weg nach Mogilev. Wie oft waren Sie schon in dieser Stadt?

Brocks: Ich bin im Jahr 1995 zum ersten Mal dort gewesen. Seitdem begleite ich die Hilfstransporte des Vereins „Hilfe für Tschernobyl-geschädigte Kinder“ zweimal im Jahr, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Wir sind zu Neunt und fahren mit zwei Vierzigtonnern und einem Kleinbus nach Mogilev. Wir sitzen zu Dritt im Bus und wechseln uns mit dem Fahren ab. Schließlich ist die Strecke ganz schön lang. Aber wir machen auch Zwischenstopps. Der erste findet in Polen statt und die zweite Übernachtung an der weißrussischen Grenze.

Wann kommen Sie dann voraussichtlich an Ihrem Ziel an?

Brocks: Wenn alles gut geht, dann sind wir in der Nacht zum Samstag da. Mein Ziel ist es, gegen 0.30 Uhr in Mogilev anzukommen. Doch so genau kann man das nie sagen. Wenn man uns an der Grenze festhält, dann kann es auch 5 Uhr morgens werden.

Dann werden Sie nach Ihrer Ankunft wahrscheinlich erst einmal ein Hotel aufsuchen, oder?

Brocks: Wenn wir ankommen, wird als allererstes gegessen (lacht). Wir werden nämlich dort schon erwartet. Die Frauen aus dem Ort bringen Essen von zuhause mit und dann wird erst einmal gefeiert. Da darf natürlich auch die ein oder andere Flasche Wodka nicht fehlen (lacht).

Und wie geht es am nächsten Tag weiter?

Brocks: Dann steht zunächst die Verzollung an. Die wird am Samstag erledigt und dauert ungefähr fünf Stunden. In den nächsten drei Tagen wird dann an verschiedenen Stationen ausgeladen. Wir fahren zunächst eine Werkstatt an, in der Taubstumme beschäftigt sind. Dort werden der erste Teil der Ladung und die Privatpakete ausgeladen. Das sind Päckchen, die die Bürger an bestimmte Personen in Weißrussland schicken, wie zum Beispiel an Patenkinder. Dann geht es weiter zu einem Kinderheim, einer Sozialstation und einem Krankenhaus. In der Nähe der Sozialstation befindet sich eine Polizeischule und als wir bei unserem letzten Besuch dort mit dem Ausladen beginnen wollten, standen auf einmal 20 Polizisten neben uns und haben uns geholfen.

Die Menschen dort sind also anscheinend sehr zuvorkommend?

Brocks: Auf jeden Fall. Sie sind wirklich sehr freundlich und freuen sich jedes Mal, wenn wir kommen. Außerdem wollen sie uns immer etwas schenken. Das ist eine Sache, die ich immer wieder feststelle: Menschen, die selbst so gut wie gar nichts haben, wollen das, was sie besitzen, auch noch verschenken. Aber das möchte ich gar nicht. Mir genügt als Dankeschön ein einfaches Lächeln.

Über welche Hilfsgüter freuen sich die Menschen dort am meisten?

Brocks: Über tragbare Kleidungsstücke und über Lebensmittel wie Schokolade oder Kaffee und Waschpulver. Ich kann gar nicht verstehen, dass sie sich so über Süßigkeiten freuen, denn die russischen Spezialitäten sind auch nicht ohne. (lacht) Aber die Menschen in Mogilev sind wirklich sehr arm. Wenn man dort zum Arzt gehen will, muss man Bargeld mitnehmen, sonst wird man nicht behandelt. Dort gibt es keine Krankenkasse wie bei uns. Die Häuser und öffentlichen Verkehrsmittel sind sehr alt und beschädigt. Wenn man dort mit dem Bus fährt, kann man während der Fahrt die Straße sehen, weil sich Löcher im Fahrzeug befinden. Und in den Krankenhäusern liegen die Menschen mit bis zu zehn Personen auf einem Zimmer. Wenn ich Besuch aus Weißrussland bekommen, zeige ich dem als allererstes unser Krankenhaus.

Wieso das?

Brocks: Weil es so etwas in Mogilev nicht gibt. Die Menschen, die dort im Krankenhaus liegen, bekommen jeden Tag das gleiche Essen und müssen von ihren Familien mit zusätzlicher Nahrung versorgt werden, sonst wären sie ganz arm dran. Außerdem wird dort gestohlen ohne Ende. Wenn ein Patient nach einer Operation auf sein Zimmer zurückkehrt, ist in den meisten Fällen die Bettwäsche verschwunden. Deshalb wird oft nachgefragt, ob wir ihnen nicht Bettwäschegarnituren mitbringen können. Im Gegensatz dazu ist unser Krankenhaus wirklich ein Drei-Sterne-Hotel.

Woher wissen Sie so viel über das Krankenhaus in Mogilev?

Brocks: Ich habe im vergangenen Jahr selbst darin gelegen. Ich hatte mir kurz vor unserer Rückfahrt nach Eschweiler einen schlimmen Magen-Darm-Virus eingefangen und bin dort behandelt worden. Jedoch hatte ich das Glück, dass ich das Krankenhaus nach einigen Stunden wieder verlassen konnte. Eine Bekannte aus Weißrussland hat mich begleitet und mir geraten, dass ich dort kein Deutsch sprechen soll, denn dann würden mich die Ärzte, Schwestern und anderen Patienten nicht in Ruhe lassen, weil sie wissen wollten, wo ich herkomme und was ich dort tue.

Und wie haben Sie sich mit dem Krankenhauspersonal verständigt?

Brocks: Auf Russisch.

Sie sprechen Russisch?

Brocks: Ja. Ich habe vor einigen Jahren einen Kurs bei der Volkshochschule besucht und seitdem spreche ich Russisch. Ich kann bereits gut lesen und mich unterhalten. Auch in den Restaurants klappt das Bestellen prima. Seitdem ich regelmäßig Russisch spreche und schreibe, hat sich meine Handschrift verbessert, da die russischen Buchstaben viel schwieriger zu schreiben sind. Dafür nehme ich mir mittlerweile sehr viel Zeit. Aber das Witzige ist, dass es in der russischen Sprache auch deutsche Wörter gibt, die die gleiche Bedeutung haben wie bei uns.

Welche Wörter sind das?

Brocks: In Weißrussland verwendet man die Wörter Butterbrot, Krankenschwester oder Traktor.

Welche Momente zählen für Sie zu den schönsten, die Sie auf Ihren bisherigen Reisen dorthin erlebt haben?

Brocks: Ich erinnere mich an sehr viele schöne Momente, die ich dort erlebt habe. Aber über eine Sache freue ich mich immer besonders. Ich bin wirklich ein großer Freund von Musik und habe selbst viele Jahre lang Trompete gespielt. In Weißrussland gibt es viele Militärkapellen, die zu den verschiedensten Anlässen spielen. Und jedes Mal, wenn ich eine von ihnen sehe, dann gehe ich dorthin und schaue zu. So kam es, dass ich vor einigen Jahren auch auf einer Abiturfeier gelandet bin, auf der solch eine Kapelle spielte. Ich habe nachgefragt, welche Veranstaltung stattfindet, und wurde prompt dazu eingeladen. Dann saß ich auf einmal einige Reihen hinter dem Bürgermeister, während die Eltern der Abiturienten am Ende des Raumes im Stehen zusehen mussten. (lacht)

Gibt es neben den vielen schönen Momenten auch Erlebnisse, die Sie traurig machen?

Brocks: Ja, die gibt es auch. Wir waren vor einigen Jahren in einem orthopädischen Kinderheim. Dort war ein sechsjähriger Junge in ein Eisengestell eingefercht. Bei diesem Anblick kamen mir wirklich die Tränen und seitdem gehe ich in diese Einrichtungen nicht mehr mit rein. Das tut mir einfach zu weh. Außerdem habe ich in Mogilev einmal einen Mann gesehen, der keine Beine mehr hatte und sich auf einem Rollbrett fortbewegen musste. Da habe ich mir gedacht, dass ein Elektrorollstuhl für ihn doch wirklich eine tolle Sache wäre. Aber den habe ich bisher noch nicht bekommen. Aber ich darf mich nicht beschweren. Schließlich ist die Eschweiler Bevölkerung so gut. Diese Hilfe ist einfach der Wahnsinn.

Wie sieht diese Hilfe denn genau aus?

Brocks: Oft wird gesagt: „Wenn etwas abzugeben ist, melde dich bei dem Brocks. Der braucht alles.“ Und das stimmt wirklich. Meistens werde ich angerufen von Leuten, die etwas abgeben möchten, und dann mache ich mit ihnen einen Termin aus und hole die Sachen ab. Manchmal ist meine Garage so voll, dass ich mein Auto nicht mehr dort abstellen kann. Gerade in den letzten Tagen steht das Telefon nicht mehr still, und manchmal stehen sogar Säcke vor meiner Tür, in denen sich Kleidungsstücke befinden.

Nehmen Sie bei Ihren Hilfstransporten grundsätzlich alles mit, was Sie bekommen?

Brocks: Eigentlich nehmen wir so gut wie alles mit, aber nach Möglichkeit keine Möbel, da sie einfach zu viel Platz in den Transportern wegnehmen. Es sei denn, sie werden aus Weißrussland angefordert. Vor einigen Jahren haben wir zum Beispiel eine Schulklasse ausgestattet und 20 Tische und Stühle mitgenommen. Das ist jedoch eher eine Seltenheit.

Freuen Sie sich auf die bevorstehende Reise?

Brocks: Ja, ich freue mich wirklich sehr darauf. Mein Leitspruch ist: „Helfen tut gut – mach mit!“ und danach lebe ich auch. Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn man den Menschen etwas Gutes tun kann.

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