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Hartz-IV-Kinder: „Die Eltern müssen aus der Deckung kommen”

Von: Silvia Kurth
Letzte Aktualisierung:
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Eine bittere Erfahrung für kleine Menschen: Die leere Schultüte ist zum Symbol für Kinderarmut in Deutschland geworden. Foto: ddp

Eschweiler. Geht es wirklich um die Frage „Was darf ein Kind kosten?” Oder geht es darum: „Was soll aus einem Kind werden?” Seit Dienstag wird vor dem Bundesverfassungsgericht über die Höhe der Hartz-IV-Sätze für Kinder verhandelt. Bisher wird für Kinder einfach ein Teil des Regelsatzes für einen Erwachsenen angesetzt, ohne Rücksicht auf das, was Kinder brauchen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Verbände wie der Deutsche Kinderschutzbund warnen schon seit Langem vor den Folgen der wachsenden Kinderarmut in Deutschland, die nicht allein ein materielles Problem für den Einzelnen ist, sondern sich mittel- und langfristig zu einem Spaltkeil in der Gesellschaft auswächst.

Gerade jetzt, in den Herbstferien, zeigt es sich häufig krass, wie Armut Kinder ausgrenzt. Sie können oder dürfen nicht an Angeboten teilnehmen, weil sich Eltern schämen. „Wir stellen oft fest, dass Eltern Scheu davor haben, zu sagen, dass das Geld fehlt”, berichtet Mariethres Kaleß, Vorsitzende des Kinderschutzbundes in Eschweiler. Schweigen ist ein Fehler, denn: „Oft kann man doch helfen.” Zum Beispiel wenn das Geld für den Ausflug fehlt. „Es finden sich oft Lösungen, damit ein Kind mitfahren kann.”

Mehr 330 Kinder an fünf Grundschulen werden in Eschweiler vom Kinderschutzbund betreut, im Kids Klub und der Offenen Ganztagsbetreuung. Jetzt in den Ferien fehlen manche Kinder, weil die Eltern sagen: „Wir sind weg”, in Wirklichkeit aber „kann man daran fühlen”, dass sie das Essensgeld für die Kinder sparen wollen. „Armut ist etwas, das man gerne versteckt”, weiß Mariethres Kaleß. Aber „die Eltern müssen aus der Deckung kommen”, damit man den Kindern helfen kann, zum Beispiel durch Programme wie „Kein Kind ohne Mahlzeit”.

Im Hartz-IV-Satz für einen Erwachsenen steckt auch Tabakkonsum. Die Bedürfnisse eines Kindes - einmal ganz abgesehen von gesundem Essen und Bildung - finden sich nirgendwo berücksichtigt. „Es geht darum, dass Kinder teilnehmen können an dem, was ihnen angeboten wird”, dass sie auch andere Dinge außerhalb ihres üblichen Lebenskreises kennen lernen können, zum Beispiel eben, in dem sie an Ausflügen oder auch mal an einer Nachtwanderung teilnehmen. „Solche Events gehören einfach dazu - wo man nicht sagen kann, das ist jetzt alles Luxus”, meint die Vorsitzende des Kinderschutzbundes.

Aber diese kleinen Freuden bereiten Hartz-IV-Familien große Sorgen. Oft muss neben Fahrtkosten Eintritt bezahlt werden, dann kommt auch noch ein Getränk dazu, und schon ist die Grenze des Möglichen überschritten. „Oft wird versucht, das vor den Kindern zu verstecken.” Sprich: Den Kindern gegenüber wird so getan, als seien solche Unternehmen Quatsch und daheim auf der Couch sei es doch am schönsten. Die Konsequenz: „Die Kinder von Hartz-IV-Empfängern haben nicht den gleichen Zugang zu Bildung und Erfahrung wie Kinder aus gut situierten Familien.”

„Darüber reden”

Arme Kinder werden auch seltener eingeladen. Und dass sie selbst mal eine Geburtstagsfeier ausrichten und im Mittelpunkt stehen können? Fehlanzeige.

Ausgrenzung findet auch bei für andere Kinder selbstverständlichen Freizeitaktivitäten statt. Sport, Musik? Wie sieht es mit der Teilnahme am Leben aus? „Durch gute Vernetzungsarbeit ist es möglich, Kinder in Vereinen unterzubringen”, berichtet Mariethres Kaleß. „Wir versuchen, den Kindern das zu ermöglichen, was ihnen guttut. Den Kindern tut Sport gut, den Kindern tut es gut, ein Musikinstrument zu spielen.” Nur: „Die Eltern müssen schon mal darüber reden”, betont Kaleß immer wieder.

Mangelernährung

Aber selbst am Elementarsten hapert es oft: „Auch die Ernährung ist nicht gut”, erklärt die Vertreterin des Kinderschutzbundes. Wenn ein Kind dann etwa noch krankheitsbedingt besonders vitaminreiche Kost benötigt, ist das auch nicht drin.

Die Verfassungsrichter müssen nun (wieder mal) über eine politische Entscheidung urteilen. Solange gilt im wirklichen Leben: Wo der Sozialstaat endet, gibt es manchmal andere Lösungen, „am besten dadurch, dass wir die Kinder in der Betreuung haben und kennen lernen.” Hilfe ist nur möglich, „wenn man voneinander weiß”.
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