Hannelore Kraft in der Region: Wahlkampf der stillen Töne

Von: Marco Rose
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Zuhören, Reden, Dasein: Jan,
Zuhören, Reden, Dasein: Jan, 26 Jahre alt und Fan von Borussia Mönchengladbach, bei einem Erinnerungsbild mit Hannelore, 50 Jahre alt, Ministerpräsidentin und ebenfalls Borussia-Fan. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Eschweiler/Würselen. Aus der Ecke des Raumes schallt ein tiefes, unheilvolles Brummen. Ein junger Mann kauert unter dem Fenster, eine leere Plastikflasche in der Hand. Er bläst hinein, schlägt darauf, schaut um sich. Doch sein Blick geht ins Leere.

Dieser Raum ist nicht für die Presse bestimmt, Fotografen müssen draußen bleiben. Und eigentlich, so ist es geplant, soll auch Hannelore Kraft mit ihren Begleitern einen Raum weitergehen. Nach nebenan, wo die Menschen weiße Kittel tragen und DVDs verpacken. Dorthin, wo die Starken den Umsatz für das Behindertenwerk der Caritas in Würselen erwirtschaften, wo es schöne Bilder für Presse und Fernsehen geben wird.

Doch die Ministerpräsidentin bleibt auf dem Flur stehen, macht kurzentschlossen kehrt und geht hinein, in den anderen Raum, in dem jene betreut werden, die sie hier die Schwachen nennen.

In der Mitte steht ein Tisch, drei geistig Behinderte spielen dort. In der Ecke ist eine große Ruhezone eingerichtet worden, daneben steht ein kleines Aquarium. Eine junge Frau sitzt davor im Rollstuhl. Sie trägt einen roten, dick gepolsterten Kopfschutz, ihr Haupt bleibt gesenkt. Auf dem Flur hängt ein freundliches Bild von ihr mit warnenden Hinweisen für die Pflegekräfte.

Kraft kniet sich vor die junge Frau, spricht sie an, nimmt ihre Hand, sucht Augenkontakt. Vergebens. Sie stehe unter dem Einfluss von Medikamenten, sagt eine Betreuerin. Minuten verstreichen.

Es ist ein Moment der Stille, ungestellt, voller Intimität und Nähe. Ein Moment, der nicht in einen Wahlkampf passen kann. Als die SPD-Politikerin merkt, dass ihr jemand gefolgt ist, steht sie auf. „Waren Sie schon einmal in einer solchen Einrichtung?”, will sie wissen und erzählt: „Ich habe zum ersten mal mit Johannes Rau ein Behindertenwohnheim besucht. Das war zunächst eine schockierende Erfahrung. Mit Behinderten hatten ich ja sonst nichts zu tun. Ich habe mich gefragt, wie das die Betreuer wohl aushalten, wie sie diesen Job überhaupt durchstehen?” Erst später, als Ministerpräsidentin, habe sie das verstanden, sagt Kraft. Einen Tag hat sie mit Behinderten gearbeitet und dabei gemerkt: „Diese Menschen geben einem soviel zurück, das entschädigt für alle Mühen.”

Vier Stationen in der Städteregion

Dann geht es weiter, die Zeit drängt. An diesem Freitag absolviert die Ministerpräsidentin auf ihrer Wahlkampftour insgesamt vier Stationen in der Städteregion, anschließend wird sie noch zum klassischen Straßenwahlkampf nach Köln aufbrechen. Stress lässt sich die 50-Jährige allerdings nicht anmerken. Sie scherzt und lacht mit Behinderten und Betreuern, tauscht Fußballweisheiten aus, tröstet Alemannia-Fans und wirbt nebenbei für die Inklusion, die Integration von Behinderten in Bildungs- und Berufswelt.

Kein Wort über Röttgen, keines über die FDP. Den politischen Gegner erwähnt Kraft erst bei der nächsten Station, den ESW Röhrenwerken in Eschweiler. Zwischen 1200 Grad heißen, zischenden Stahlblöcken, die in einer rußgeschwärzten alten Fabrikhalle zu Rohren geformt werden, fühlt sich die Genossin aus dem Pott sichtlich zu Hause.

Schon als Kind besuchte sie die heimischen Stahl- und Walzwerke in Mülheim an der Ruhr, „fast alle Eltern meiner Freunde arbeiteten in solchen Fabriken”. Kraft referiert mit glänzenden Augen über das Planetenschrägwalzverfahren und nutzt die Gelegenheit für einen Seitenhieb gegen ihren CDU-Kontrahenten Norbert Röttgen. Weil er, den sie nur „den Bundesumweltminister” nennt, bei der Energiewende nicht in die Gänge komme, herrsche bei Kraftwerksbetreibern und der Schwerindus­trie große Unsicherheit. „Es wird nicht investiert, weil es keine Sicherheit gibt.” Zu leiden hätten nicht nur die großen Energiekonzerne, sondern auch kleinere Zulieferer wie das Walzwerk in Eschweiler mit seinen 340 Mitarbeitern. Heftiges Nicken beim Management um Geschäftsführer Herbert Lenzen - man versteht sich.

Nach einem knapp einstündigen Rundgang durch das Werk geht es weiter Richtung Aachen, zum Sozialkaufhaus der Wabe im Stadtteil Rothe Erde. Erneut ist dies ein Heimspiel für Kraft, die bei diesem Termin zum ersten und einzigen Mal das Wort „Landtagswahl” in den Mund nimmt. Ansonsten lautet ihr Motto auch hier: Zuhören, Reden, Dasein.

Etwa für einen stämmigen Mann mit Haarzopf, der sie fragt: „Warum bekomme ich mit 49 Jahren keinen Job mehr?” Für den jungen Vater einer dreijährigen Tochter, der in einer Aachener Wärmestube arbeitet und sagt: „Ich war arbeitslos und schäme mich nicht, dort einen Job bekommen zu haben. Aber es macht mich wütend, dass alles so teuer ist, dass ich meiner Tochter so wenig ermöglichen kann.”

Kraft ist emotional, direkt, bisweilen auch schonungslos. Sie kämpft, so sagt sie, für einen sozialen Arbeitsmarkt, der es benachteiligten Menschen bei Trägern wie der Wabe ermöglicht, eine Arbeit zu finden. „Denn ohne Arbeit gibt es kein Leben in Würde.” Am Ende hat sie die Menschen mit ihrer herzlichen Art gewonnen.

13.30 Uhr, Aachen, Jülicher Straße: Kraft ist nun fünf Stunden in der Region unterwegs. Zum Abschluss der Tour sieht das Drehbuch ein Happy End vor: bei der Firma „Access”, einer RWTH-Ausgründung, die sich anschickt, den Hallen der alten Gießerei Dubois neuen Glanz zu verleihen. 50 Beschäftigte arbeiten hier, 250 sollen es bald werden, wenn sich genug Kunden für Hightech-Turbinenteile aus Aachen finden. Zwischen 50 und 70 Millionen Euro Jahresumsatz wird angepeilt, eine knapp neunjährige Entwicklungszeit könnte bald Früchte tragen.

„Solche Steuerzahler können wir brauchen”, sagt Hannelore Kraft anerkennend. Dann geht es Richtung Köln. Laut soll es auch dort nicht werden.
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