Eschweiler - Gefährliche Muntermacher vor der Schule

Gefährliche Muntermacher vor der Schule

Von: Patrick Nowicki
Letzte Aktualisierung:
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Alkohol und Aufputschmittel: Immer mehr junge Leute greifen zu diesen Mitteln, um den Stress in Schule und Universität zu bewältigen. Foto: Nowicki/Imago
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Gefährlicher Joint: Die Zahl der Cannabis-Konsumenten ist in Eschweiler nach wie vor sehr hoch. Foto: imago/Schöning

Eschweiler. Kevin zockt am Computer. Stundenlang. Er ist 15 Jahre alt – eigentlich ist es also nicht ungewöhnlich, dass er sich in die virtuelle Welt stürzt. Aber irgendetwas ist anders. Die Noten fielen in den Keller, Zeit für Freunde findet er keine. Alles dreht sich nur noch um die Spielewelt auf dem Bildschirm. Die Eltern wissen sich keinen Rat mehr und wenden sich an die Suchtberatungsstelle.

Solche Fälle kennt man an der Bergrather Straße unmittelbar neben dem Sportplatz der ESG zu Genüge. Dort befindet sich die Suchtberatungsstelle, untergebracht in einem alten Mehrfamilienhaus, das inzwischen umgebaut wurde. Links geht es zum Café Kick, einem Treffpunkt für Drogenabhängige, rechts davon befindet sich der Eingang zur Beratungsstelle. Sieben Therapeuten kümmern sich dort um die Betroffenen und deren Angehörige. Ihre tagtägliche Arbeit wird nicht geringer. Im Gegenteil: Neben den klassischen Drogenfällen kommen immer neue Suchtformen hinzu. Auch wenn die Grundmerkmale einer solchen Erkrankung immer gleich sind, jedesmal sind zusätzliche Schulungen der Mitarbeiter erforderlich.

Wolfgang Hundt, Leiter der Beratungsstelle in Eschweiler, weiß, dass man nicht alles an einem Ort leisten kann. „Wir arbeiten eng im Netzwerk zusammen“, sagt er. Konkret meint er die Beratungsstellen in Aachen und Alsdorf, allesamt getragen vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Aachen. In Eschweiler und Alsdorf ist die Städteregion Aachen zusätzlich mit im Boot. Inzwischen hat sich jede Stelle spezialisiert, denn die Palette ist in den vergangenen Jahren gewachsen: Spiel- und Internetsucht, Magersucht, Alkoholismus, und, und, und. Abgewiesen wird natürlich niemand. Aber geholfen wird dann an einer anderen Stelle.

Schwerpunkt auf Aufklärung

Ein Schwerpunkt liegt inzwischen darauf, die Sucht zu vermeiden. Die Arbeit für die Fachleute beginnt dann schon bei den Eltern: „Die Kinder lernen am Vorbild“, weiß Suchtberaterin Gaby Fischer. Die Gefahr von Kindern suchtkranker Eltern, selbst einer Sucht zu verfallen, ist deutlich erhöht. Auch andere Eltern wissen oft nicht, wie sie den Weg zu ihrem Kind finden – und bitten die Suchthilfe um Rat. Eines ist klar: „Der erhobene Zeigefinger führt zu nichts“, betint Wolfgang Hundt. Allenfalls dazu, dass sich die Kinder ganz verschließen und ihre Sucht heimlich ausleben.

Doch es sind keineswegs nur Jugendliche und deren Eltern, die sich bei der Suchthilfe melden. Der von vielen als harmlos empfundene regelmäßige Joint birgt nach neusten wissenschaftlichen enorme Gefahren: „Zu uns kommen inzwischen viele Cannabis-Konsumenten, die ihre Leben nicht mehr in den Griff bekommen.“ Dabei sinkt die Zahl derer, die regelmäßig zum Joint greifen, dennoch benötigen immer mehr Kiffer Hilfe. 360 Menschen im Nordkreis und Eschweiler waren es im vergangenen Jahr. Hundt hat für diese Entwicklung eine einfache Erklärung: „Der Wirkstoffgehalt, der den Rausch auslöst, ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.“ Mit spürbaren Folgen für die Betroffenen und deren Angehörige.

Alkohol bleibt jedoch die Nummer eins der Drogen. 595 Alkoholkranke werden inzwischen von der Suchthilfe in Eschweiler betreut. Dabei handelt es sich um eine gesellschaftlich anerkannte Droge, die eben legal zu erwerben ist. „Gegen ein gelegentliches Glas Wein am Abend ist auch sicherlich nichts einzuwenden, aber man muss eben bewusst mit Alkohol umgehen“, sagt Gaby Fischer. Themen wie Komasaufen werden schon in Schulen aufgegriffen, um Kinder und Jugendliche früh auf die Gefahren von Alkohol aufmerksam zu machen. Wie die Abhängigkeit von Alkohol das Leben der Menschen beeinflusst, erleben die Mitarbeiter an der Bergrather Straße in ihrer täglichen Arbeit. Sie begleiten Betroffene auf den Weg zur Therapie, bringen sie mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen zusammen. Alleine in Eschweiler sind es vier Gruppen: zwei für Betroffene, jeweils eine für Frauen und für Angehörige.

Ein Trend bereitet Sorgen: Immer mehr junge Menschen greifen zu Amphetaminen, zu Aufputschmitteln, um den Stress in Schule und Universität zu bewältigen. „Das fängt manchmal damit an, dass die Mutter sagt: Wenn du Kopfschmerzen hast, dann nimm eine Tablette, dann kannst du in die Schule gehen“, berichtet Wolfgang Hundt. 157 Fälle von Amphetamin-Abhängigkeit sind der Eschweiler Beratungsstelle aus dem vergangenen Jahr bekannt. Tendenz steigend.

Konstant bleib die Zahl derer im alten Südkreis, die nicht ohne Heroin oder einem Ersatzstoff leben können: 332 Menschen. 26 Kokainabhängige suchten im vergangenen Jahr den Kontakt zur Suchthilfe. Hinzu kommen Fälle von Essstörung (5), Abhängigkeit von Schlaftabletten (13) sowie Spiel- und Internetsucht (46).

„Die Arbeit wird sicherlich nicht geringer“, glaubt Wolfgang Hundt, „wir müssen dem mit einer besseren Zusammenarbeit der Fachstellen begegnen.“ Die finanzielle Ausstattung dürfte hingegen nicht zunehmen, die öffentlichen Kassen sind leer. Deswegen hofft das Diakonische Werk auf Spenden.

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