Eschweiler - Gedenkfeiern zur Pogromnacht: Ein Wegsehen ist unmöglich

Gedenkfeiern zur Pogromnacht: Ein Wegsehen ist unmöglich

Von: ran
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Mit einem Gedicht der 1944 erm
Mit einem Gedicht der 1944 ermordeten jüdischen Widerstandskämpferin Hannah Szenes eröffnete Militärseelsorgerin Sabine Reinhold die Gedenkstunde zur Reichspogromnacht am Gedenkstein vor der Dreieinigkeitskirche. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Hannah Szenes wurde nur 23 Jahre alt. Die ungarische Jüdin und Widerstandskämpferin, Tochter eines Schriftstellers und Journalisten, wurde am 7. November 1944 von den Nazis ermordet. Mit dem von ihr verfassten Gedicht „Spaziergang in Cäsarjah”, von Militärseelsorgerin Sabine Reinhold auch als Lied vorgetragen, begann am Freitagnachmittag vor dem Gedenkstein an der Dreieinigkeitskirche die Gedenkstunde zur Reichspogromnacht.

„Wir haben uns einmal mehr hier versammelt, um an sechs Millionen Tote zu erinnern, die starben, als Wahnsinn die Welt regierte”, begrüßte wenig später Pfarrer Dieter Sommer die Gäste in der evangelischen Kirche.

„Während sich draußen die Welt amüsiert, gedenken wir derer, denen das Leben genommen wurde, die keine Freude mehr verspüren durften. Die Welt ist ärmer geworden ohne sie. Und unsere Herzen werden kalt, wenn wir daran denken, was alles hätte sein können, wenn sie weiterleben hätten dürfen”, schloss der Geistliche.

„Die Geschehnisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 symbolisieren den Übergang von der landesweiten Diskriminierung hin zur systematischen Vernichtung der europäischen Juden”, begann Sabine Reinhold ihre Gedenkansprache.

Sich 74 Jahre später daran zu erinnern, sei nicht selbstverständlich. „Dazwischen liegen zwei, drei, vier Generationen. Für zahlreiche Menschen hat die Reichspogromnacht keine Bedeutung mehr, andere denken an den Geschichtsunterricht zurück, in dem die Ereignisse der Nazi-Diktatur wiederkäuend heruntergebetet wurden”, so die Militärpfarrerin.

Der Gedanke, nach der Wiedervereinigung den 9. November zum „Tag der deutschen Einheit” zu machen, habe nichts mit Antisemitismus zu tun gehabt, sondern den Wunsch symbolisiert, diesem Datum eine positive Bedeutung zu geben. „Viele Deutsche wollen im Ausland nicht auf zwölf Jahre und sechs Millionen Tote reduziert werden.”

Aber allein diese Zahlen machten deutlich, dass ein Wegsehen unmöglich sei. Die Frage, wie das Erinnern weiterhin in der Mitte der Gesellschaft verankert werden könne, sei jedoch akut. Sabine Reinhold machte einen Vorschlag: „Wir brauchen dazu Emotionen, Dinge, die unser Herz berühren.” Und sie erzählte eine Anekdote aus der eigenen Vergangenheit.

„Bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht, die ich in Remscheid erlebte, bestand ein Rabbiner darauf, das Zusammenkommen mit einem Ständchen für einen Teilnehmer, dessen Geburtstag auf den 9. November fiel, zu beenden. Wir brauchen diese jüdische Fähigkeit, Emotionen zu verbinden.”

Gelinge es, jüdisches Leben in Deutschland wieder heimisch werden zu lassen, hätten die Nazis, die das Ziel verfolgten, eine Kultur auszurotten, die Teil des Deutschen war, nicht gewonnen. „Ich habe die Hoffnung, dass aus der Erinnerung daran eine weiterhin aufrichtige Trauer darüber entsteht, dass ein Kulturvolk wie das Deutsche zu so einem bestialischen Verbrechen fähig war.”

Musikalisch gestaltet wurde die würdevolle Gedenkstunde, die ihren Abschluss auf dem jüdischen Friedhof an der Talstraße fand, von Andrea Tijmes-Schaper an der Violine und Friedhelm Lutzer am Akkordeon.
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