Furiose Schau mit Witz, Frechem und Nachdenklichem im Talbahnhof

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Zog im Talbahnhof vor zahlenmäßig leider nur kleinem Publikum alle Register seines beträchtlichen Talents und Könnens: Kabarettist Frederic Hormuth. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Nicht so schnell, Herr Hormuth! Mein Gott, was gibt dieser Mann Gas. Gerade bei politischem Kabarett, da muss man dem Publikum doch erst einmal Zeit geben, den Witz zu verstehen. Sonst fällt der Groschen bei manchen Zuhörern erst, wenn der Mann auf der Bühne schon zwei Gags weiter ist.

Andererseits: So ein Publikum ist ja auch lernfähig. Und so haben sie sich aufs Schönste aneinander gewöhnt, der Klavier spielende Kabarettist aus dem badisch-hessischen Grenzgebiet, der am Samstag im Kulturzentrum Talbahnhof auftrat, und sein knapp 40 Köpfe zählendes Eschweiler Publikum. Jedenfalls kamen die im ersten Teil des Abend eher zögerlichen spontanen Lacher immer häufiger, und der zunächst spärlich tröpfelnde Beifall wurde gegen Ende der Veranstaltung geradezu rauschend. „Sie sind ein tapferes kleines Häuflein!“ bedankte sich der Künstler.

„Charaktersau sucht Trüffelschwein“ heißt das Programm von Frederic Hormuth, er spielt es schon einige Monate, ein neues ist in Arbeit. Fast möchte ich sagen: Leider. So viele hinreißende Pointen, so witzige Lieder – die muss man doch aufheben, die kann man doch nicht einfach wegwerfen! Die Lieder gibt es glücklicherweise auf CD, da griffen einige Besucher am Samstag auch gerne zu, allein schon wegen des Liedes „Wenn Männer zu sehr kochen“. Das ist ein durchaus passendes Geschenk für jene Sorte Hobbyköche, denen das Zubereiten eines Nudelgerichts zu einer Selbstdarstellungsshow gerinnt: „Wenn Männer zu sehr kochen, putzen Frauen noch nach Wochen...“. Und auch Hormuths gesungene Liebeserklärung an ein Honigbrot bleibt den Zuhörern erhalten. Im Talbahnhof sang er diesen wunderbaren Nonsense als Zugabe: Honigbrot für alle!

Vorher gab es fast zwei Stunden lang Witz für alle, Frechheit für alle, aber auch Nachdenklichkeit und sogar eine Prise Weisheit für alle. Frederic Hormuth macht sich nicht nur über alles und jeden lustig, er sucht – bei allem Hohn über manche Politiker, Bänker und Wirtschaftsbosse – nicht den schnellen billigen Lacher, der nur Vorurteile bedient. Seine Gags sind oft Anstöße zum Nachdenken. Etwa, wenn er kulturelle Vielfalt beschwört: „Zur Not koexistiere ich auch mit einem Sarrazin! Was soll denn sonst das Ziel sein – dass wir alle gleich sind? Das kann es doch nicht sein. Um mich herum leben lauter Leute, die sind völlig anders als ich. Die tragen Lodenmäntel. Die schlachten zuhause Hasen. Oder stecken Kugeln auf Stäben in ihre Gärten! Das gibt’s! Die handeln mit Aktienpaketen oder frühstücken Schüsslersalze. Ein Wahnsinn! Unterm Strich ist mir doch ein aus Armenien zugewanderter Bergbauern-Islamist doch nur unwesentlich fremder als ein mittelfrän kischer Schützenkönig mit Bierdeckel-Fetisch.“ Auch in Deutschland gebe es ja Gegenden, „da willst du nicht ausgesetzt werden, ohne schriftliche Garantie, dass der ADAC dich jederzeit ausfliegen würde.“ Gegenden, in denen Leute wohnen wie Horst Seehofer. Jener CSU-Politiker, der sagt, er wolle keine weitere Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen. Hormuth: „Mein lieber Horst, wenn wir uns nicht mit anderen Kulturen arrangieren könnten, dann hätten wir euch Bayern schon längst rausgeschmissen!“

Genüsslich spinnt Hormuth auch seine Geschichte um das symbiotische Zusammenleben von Furchenquallen und Kurzschwanzkrebsen aus, ein Wunder des Tierreichs. Die Krebse leben auf der augenlose Furchenqualle, ernähren sich von Parasiten, die an der Qualle hängen bleiben, und steuern sie, sozusagen als Unterwasser-Blindenhund, um Gefahren herum und zu Nahrungsquellen hin. „Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja – auch Angela Merkel ist eine Furchenqualle! Nicht nur optisch, sondern auch vom Prinzip her.“ Auch sie trage immer einen Kurzschwanzkrebs mit sich herum – einen Merz, einen Koch, einen Guttenberg. Doch nur solange sie ihn brauchen könne. Danach spreche sie ihm so viel Vertrauen aus, „bis er in der ganzen Schleimerei keinen Halt mehr gefunden hat und ihr in der erstbesten Kurve vom Buckel gerutscht ist.“

Bliebe noch der Titel des Kabarettprogramms zu erläutern, das mit der Charaktersau und dem Trüffelschwein, das sich als roter Faden durchs Programm zog. „Wir haben ja viel gemeinsam, Menschen und Schweine. Auch wir sind ja Suchende.“

Trüffelschweine suchen nach den unterirdisch wachsenden Trüffelpilzen, weil diese einen schweinemäßigen Sexuallockstoff verströmen. Und immer dann, wenn so ein Schwein eine Trüffel gefunden hat, lenkt der Bauer es ab und steckt ihm stattdessen einen Maiskolben in die Schnauze. Ein schönes Sinnbild, findet der Kabarettist, denn geht es dem Menschen nicht ähnlich? Wird nicht auch sein tiefstes Begehren immer wieder ausgenutzt? Wird er nicht von den Märkten auch mit allen möglichen Tricks verlockt und dann mit etwas Billigem abgespeist? Einmal müsste sich das menschliche Trüffelschwein doch wehren, müsste aus dem Maiskolben etwas anderes, Explosives machen. „Für den Anfang vielleicht Popcorn.“

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