Flutopfer auf dem Balkan: Hilfe aus der Indestadt

Von: Valerie Barsig
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Ihr Schuppen ist voll: Natascha Stosic sammelt jede Woche Sachspenden für die Flutopfer auf dem Balkan. Foto: Valerie Barsig
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Eine Szene aus der Stadt Krupanj in Serbien, in der Nähe von Belgrad: Auch hier kennt Natascha Stosic Menschen, die all ihr Hab und Gut durch die Flut verloren haben. Foto: dpa

Eschweiler. Sie war kurz davor, sich ins Auto zu setzen: Natascha Stosic ist Serbin. Als das Hochwasser des Flusses Sava die Städte Šabac und Obrenovac rund 35 Kilometer südwestlich von Belgrad erreichte, saß sie vor dem Fernseher und weinte.

Dann beschloss die Eschweiler Imbissbesitzerin, etwas zu tun: „Hinfahren kann man im Moment natürlich nicht“, sagt sie. Das sei viel zu gefährlich. Wenn überhaupt bräuchte man einen Ermächtigungsschein des Roten Kreuzes.

Bis Natascha den beantrage, sei sie eben einfach in Eschweiler aktiv geworden. Per Facebook rief sie die Indestädter auf, Spenden in ihren Imbiss zu bringen: Ein ganzer Schuppen voll Hilfsgüter kommt pro Woche schon zusammen. Wasser, Regenstiefel, Desinfektionsmittel, Babywindeln sind nur einige der Dinge, die Eschweiler für die Flutopfer des Balkans gespendet hat. Einmal pro Woche fährt Natascha mit ihrem Lieferwagen los, Richtung Köln, Dortmund oder Düsseldorf. „Ein Bekannter sagt mir, von wo aus die Lastwagen mit Hilfsgütern Richtung Bosien, Serbien oder Kroatien losfahren. Ich bringe dann alles dorthin.“

Wie die Lage in Serbien ist, erfährt sie täglich von ihren Eltern, ihrer Cousine und ihrem Bruder, die rund um die Stadt Šabac und in der Stadt Krupanj, im Westen von Serbien, mitten in einem Flussdelta, wohnen. „Die Lage in Šabac ist vor allem deshalb prekär, weil eine Chemiefabrik am Fluss steht“, erzählt Natascha. Brechen dort die Dämme, laufen giftige Chemikalien in den Fluss und ins Grundwasser.

Eine Katastrophe, die sich Natascha nicht ausmalen mag. Krupanj liege ebenfalls im Katastrophengebiet, denn dort fließen die Flüsse Bogoštica, aavica und Krava. Hinzu komme, dass Krupanj mitten zwischen Bergen eingeschlossen sei. Das Ausmaß der Schäden, die das Hochwasser angerichtet hat, sei riesig, erzählt sie.

Obwohl das Wasser inzwischen zurückgegangen ist, drohen nun Erdrutsche, rund 60 Menschen kamen ums Leben, Zehntausende verloren Hab und Gut. Es gibt keinen Strom, das öffentliche Leben steht komplett still. „Nach dem Krieg haben die Menschen dort alles neu aufgebaut. Jetzt ist einfach alles wieder weg.“ Für ein Land wie Serbien, das wirtschaftlich nicht gut dastehe, sei die Lage besonders prekär.

„Die Menschen haben wenn überhaupt das Nötigste und schlafen in Schulen. Die Männer müssen alle dabei helfen, Sandsäcke zu erneuern“, erzählt Natascha. Auch Verwandte von ihr sind in einer Schule untergekommen. Die Arbeiten seien der reinste Sisyphos, erzählt sie. Ein Hochwasser auf dem Balkan sei nicht mit einem Elbe-Hochwasser in Deutschland zu vergleichen: Die Organisation sei zunächst chaotisch gewesen und große Maschinen, um Sand aufzuschaufeln gäbe es nicht überall. „Außerdem sinken die Bagger in den matschigen Untergrund ein. Sie kommen einfach nicht mehr durch.“

Immerhin: Trotz Chaos sei der Beistand, den sich die Menschen vor Ort geben und auch zwischen den drei betroffenen Ländern enorm groß. „Das freut mich vor allem aus historischer Perspektive“, sagt Natascha. Noch im März sei sie selbst in Serbien gewesen. Das all das, was während ihres Urlaubes noch stand und an der richtigen Stelle war, jetzt dem Erdboden gleiche, könne sie einfach nicht fassen. Die Schäden, die das Wasser angerichtet habe, seien größer als durch den Krieg.

Bisher sei die Reaktion auf ihren Spendenaufruf noch ein wenig verhalten, erzählt die Imbissbesitzerin. „Viele zeigen aber ihr Mitgefühl.“ Ihr sei es außerdem wichtig, dass niemand, der bei ihr esse, sich zum Spenden gezwungen fühle. „Die Leute, die bei mir zu Gast sind, spreche ich eigentlich gar nicht darauf an“, sagt Natascha. Bekäme sie allerdings Trinkgeld, verwende sie es, um Wasser oder andere nötige Dinge für den Transport Richtung Balkan zu kaufen.

„Im Moment habe ich einen 18- Stunden-Tag“, sagt sie. Trotz der vielen Arbeit sei sie aber vor allem dankbar für die Hilfe, die sie bereits von den Eschweilern bekommen habe. Dass jede Spende auch ankomme, das könne sie garantieren. „Ich achte darauf, dass ich jedes Teil mit einem H kennzeichne.“ Das H stehe für humanitäre Hilfe. Denn: Laut Natascha gäbe es viele schwarze Schafe, die versuchen würden, die Hilfsgüter weiter zu verkaufen. Und das werde durch das H verhindert. Im Juni möchte sich Natascha dann selbst auf den Weg machen, um sich einen Überblick über die Schäden vor Ort zu machen.

Im Moment mache sie sich vor allem Sorgen um mögliche Erdrutsche. Noch die nächsten drei Monate lang wird Natascha in Eschweiler Spenden sammeln, um das Leben der Menschen im Katastrophengebiet ein kleines bisschen besser zu machen.

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