Ein Zuhause zwischen zwei Kulturen

Von: Patrick Nowicki
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Erkennen Sie den Mann auf dem
Erkennen Sie den Mann auf dem Foto? So sah Nuri Demirak aus, als er vor 42 Jahren nach Deutschland kam. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Den Begriff „Gastarbeiter” hört Nuri Demirak nicht so gerne. Dabei wurde er als solcher bezeichnet, als er nach Deutschland kam. Vor 42 Jahren. Inzwischen hat er einen deutschen Pass, lebt an der Indestraße. „Ich bin kein Gast, hier lebe ich mit meiner Familie”, sagt er.

Er ist also Deutsch-Türke oder besser: ein Springer zwischen den Welten und Kulturen. Wie ein Tennisball hüpft er hin und her. In Eschweiler gilt er als Türke, in der Türkei als Deutscher.

Am morgigen Sonntag jährt sich das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zum 50. Mal. Zur ersten Generation der Menschen, die vom Bosporus nach Deutschland kamen, zählt der heute 75-jährige Nuri Demirak nicht. Sein Bruder wagte zuerst den Schritt und überzeugte ihn, sein Glück im Westen zu versuchen. Es war ein großer Schritt, erinnert er sich heute.

Schon einmal hatte er eine Heimat verlassen, als er vom ländlichen Anatolien ins moderne Istanbul zog. Dort diente er als Soldat. Als er nach Deutschland reiste, war seine Frau hochschwanger. Aber er riskierte es und fuhr mit dem Zug nach Stolberg, wo er im Tiefbau tätig war. Allerdings nur ein Jahr lang, dann ging es zurück in seine alte Heimat: „Mein Sohn war schwer krank geworden, da wollte ich zu meiner Familie zurück.” Als er ein Jahr später dem Druck seine Bruders nachgab und den zweiten Anlauf nahm, begleiteten ihn Frau und Kinder.

„Ich wollte genug Geld verdienen, um mir in der Türkei ein Haus kaufen zu können und dann irgendwann zurückzufahren”, gesteht er. Es kam anders: Während er bei Kerpen-Kabel und später bei Schwermetall in Stolberg arbeitete, besuchten seine Kinder deutsche Schulen, fanden hier Freunde. Die ersten Enkel wurden auch hier geboren. Mit der Familie blieb auch Nuri Demirak - jetzt schon seit 40 Jahren. Inzwischen wohnt er in Eschweiler.

Dort ist Edip ?inasi bestens bekannt. Der ebenfalls 75-Jährige betrieb bis vor wenigen Jahren eine Änderungsschneiderei in der Neustraße. Er gehört zu den „Gastarbeitern” der ersten Stunde, denn schon 1962 kam er nach Westeuropa, zunächst nach Salzburg, wo er in einer Fabrik tätig war, dann über Düsseldorf, Neuwied nach Eschweiler, wo er am 1. Januar 1966 sein Geschäft eröffnete und über dem Ladenlokal mit seiner Familie lebte. In der Neustraße fühlte er sich pudelwohl: „Die Geschäftsleute und Nachbarn waren wie eine große Familie für mich”, berichtet er heute.

Einen Kulturschock erlebte Edip ?inasi nicht, wohnte er doch vor seinem Umzug im westlichen Teil Istanbuls, der sogenannten europäischen Seite. Es erging aber nicht all seinen Weggefährten so, „viele sind wieder umgekehrt”, erinnert er sich und begründet im Folgesatz sofort seine Entscheidung zu bleiben: „Ich wollte in Deutschland leben, weil ich hier eine bessere Chance für mein Leben und meine Familie sah.” Seine beiden Kinder sind in Eschweiler geboren und sind deutsche Staatsbürger: „Da habe ich nicht drüber nachgedacht, das war einfach so.”

Nuri Demirak nickt immer wieder. Sein Sohn übersetzt manchen Satz, denn Deutsch fällt ihm nach wie vor schwer. Als Dreher konnte er sich mit einfachen Formulierungen verständigen. „Die Menschen damals waren einfach hilfsbereiter”, meint er. Nur in Deutschland? „Nein, auch in der Türkei.” Heute sei eine andere Zeit. Ein bisschen klingt durch, dass er zwischen den Kulturen steht.

Ein Ziel hat Nuri Demirak aber inzwischen erreicht: Er besitzt ein Haus in Istanbul, was er ab und zu besucht. Als Gast. Seine neue, zweite Heimat hat er bei seinen Kindern und Enkeln in Deutschland gefunden. An der Indestraße befindet sich seine Wohnung. Die Kabel zu dem Haus hat er selbst mit verlegt, als er zum ersten Mal als „Gastarbeiter” nach Deutschland kam. Nein, als Arbeiter, so wie er sich jetzt als Rentner und nicht „Gastrentner” versteht.
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