Eschweiler/Stolberg - Ein Bahnhof, der es in sich hat

Ein Bahnhof, der es in sich hat

Von: Rudolf Müller
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Noch sind die Außenarbeiten i
Noch sind die Außenarbeiten in vollem Gange. Derweil wird der rechte wie auch der Mitteltrakt des Bahnhofs bereits von EVS und Stellwerk genutzt. Links zieht der Servicepoint ein.

Eschweiler/Stolberg. Bis vor ein paar Wochen noch war ein modernes Bürogebäude im Weisweiler Gewerbegebiet Auf dem Pesch ihr Domizil. Das steht jetzt leer. Rhenaniastraße 1, Stolberg, lautet nun die Adresse der Euregio Verkehrsschienennetz-GmbH, kurz EVS.

Rhenaniastraße 1, das ist ein Altbau, errichtet 1888. Ein Bau, von dem nur noch die denkmalgeschützten Fassaden an alte Zeiten erinnern: Im Innern ist alles flammneu. Rhenaniastraße 1, das ist Stolbergs Hauptbahnhof. Ende Mai ist die EVS mit ihren 22 Mitarbeitern hierhergezogen. Teils aus Weisweiler, teils aus dem Firmensitz in der Rüst bei Breinig. „Wir haben über 1500 Umzugskartons geschleppt!”, stöhnt Thomas Fürpeil nicht ohne Stolz.

Im Frühjahr 2010 hat die EVS damit begonnen, das marode Gemäuer auf Vordermann zu bringen. „Damals musste man bei jedem Schritt fürchten, durch die Decke zu brechen”, erzählt EVS-Geschäftsführer Thomas Fürpeil. Heute stehen er und seine Gäste auf sicherem Grund: moderner, schwarzer Steinbelag ziert das Foyer des Hauses, das außen noch weitgehend von Gerüsten umstellt ist. Fürpeils Gäste, das sind Leser unserer Zeitung, die der kaufmännische Leiter der EVS durchs und ums Haus führt. Eine zweite Gruppe folgt - unter Führung von Fürpeils technischem Geschäftsführungskollegen Christian Hartrampf.

Für die nicht so sattelfesten Kenner der Bahn-Szene unter den Besuchern erklärt Fürpeil zunächst, was die EVS ist und macht. Nämlich die Infrastruktur für den Betrieb der Euregiobahn stellen. Die Euregiobahn selbst ist ein Projekt mehrerer Partner, darunter DB, AVV und Städteregion. Die EVS baue, saniere und unterhalte das notwendige Schienennetz und damit zusammenhängende Anlagen - von Tunneln und Brücken bis zu Schrankenanlagen, Haltepunkten und weiteren technischen Einrichtungen. Aus gutem Grund: Die EVS entstammt einer Firma, die ihr Geld mit der Bereitstellung von Schotter für den Bau von Gleisanlagen verdiente.

Eine ganze Menge Pläne

Als die Bahn in den 90er Jahren systematisch daranging, weniger befahrene Strecken aufzugeben, sah das Unternehmen seine Felle davonschwimmen: Um das Geschäft mit dem Schotter nicht in den Sand zu setzen, gründete man kurzerhand eine eigene Bahn-firma, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, stillgelegte Strecken auf eigene Faust wiederherzustellen. Die werden dann an die DB Regio vermietet: für eine bestimmte „Maut” je gefahrenem Kilometer und angesteuertem Haltepunkt. Ein Konzept, das in Deutschland einzigartig ist, wie Fürpeil betont.

Heute reicht das Streckennetz von Langerwehe bis zur belgischen Grenze hinter Walheim auf der einen und Herzogenrath auf der anderen Seite, der Ringschluss von Alsdorf via Baesweiler nach Herzogenrath ist in Planung, Haltepunkte in Merzbrück und St. Jöris stehen auf der Bauliste, und irgendwann soll die Bahn auch vom Aachener Kreuz via Würselen bis Prager Ring und dann quer durch Aachens City rollen. Und nicht nur das das: Auch die vom Aachener Verkehrs-Verbund (AVV) geforderte, zig Millionen Euro teure Elektrifizierung der gesamten Strecke, die einen Umstieg von Diesel- auf Elektroloks ermöglichen würde, soll noch in diesem Jahrzehnt verwirklicht werden, so Fürpeil.

Die Millionen-Baustelle Stolberg Hauptbahnhof steht kurz vor ihrem Abschluss. Eigentlich wäre sie schon beendet, wenn nicht die ursprünglich beauftragte Fassadenbaufirma mittendrin Insolvenz angemeldet hätte. Jetzt soll es Frühjahr 2013 werden, bis der historische Bahnhof auch von außen wie neu aussehen wird. Dann endlich sollen auch wieder Reisende, Fahrgäste, Stolberg-Besucher Zugang zu dem Gebäude haben, in dessen einstiger Gaststätte schon vor Jahrzehnten der Zapfhahn abgedreht wurde.

Vielfältiger Service

„Servicepoint” heißt heute das, was früher als Kiosk und Fahrkartenschalter bekannt war. Im Erdgeschoss des Bahnhofsgebäudes hat die EVS dafür großzügig Raum gelassen. Auch für einen denkbaren Gaststättenbetrieb. Wer den „Sercvicepoint” betreiben wird, zu dessen Angeboten auch ein Fahrradunterstand sowie Lademöglichkeiten für E-Bikes und E-Autos gehören sollen, ist noch offen: Das Angebot wird ausgeschrieben.

Zum „Servicepoint” gehören selbstredend auch moderne Toilettenanlagen, die allerdings nur zu den Geschäftszeiten des „Points” geöffnet sein werden. Bleibt zu hoffen, dass in der Restzeit nicht wieder stets die Unterführung zwischen den Bahnsteigen als Urinal herhalten muss.

Vorrang für ICE & Co

Im Bau sind auch noch neue Bahnsteige am Hauptbahnhof: Die bisherigen liegen auf 38 statt der nötigen 75 Zentimeter Höhe und sind somit alles andere als behindertengerecht.

Fertig - wenn auch mit einigen Monaten Verspätung - ist dagegen das Kernstück des Bahnhofs: das neue elektronische Stellwerk der EVS. Um die neue Schaltzentrale im ersten Obergeschoss des Bahnhofs mit modernster Technik ans Laufen zu kriegen, wurden im Gebäude etliche Kilometer Kabel verlegt. Nur noch die beiden Gleise der Hauptstrecke zwischen Aachen und Köln sowie das 640 Meter lange Gleis 3 werden DB-Stellwerk im Nachbargebäude aus gesteuert - alles übrige hat der diensthabende EVS-Fahrdienstleiter in der Hand. Und das ist an diesem Nachmittag Norbert Stachowiak, einer von sechs sich hier abwechselnden Kollegen. Konzentriert verfolgt er das Geschehen auf den Monitoren. „Wenn stets alles glatt liefe, bräuchten wir hier eigentlich gar kein Personal”, sagt Thomas Fürpeil.

Fakt ist: Vieles, was im alten Stellwerk hoch kompliziert und konzentriert in Handarbeit erledigt werden musste, das regeln heute Computer. „Früher hätte ich Ihnen den Rücken zudrehen müssen und kein Wort mit Ihnen reden können”, sagt Stachowiak. Heute plaudert er munter übers Eisenbahnerdasein, das er aus dem Effeff kennt. Der Bahnbetrieb läuft derweil so gut wie von selbst. Über Pünktlichkeit spricht er. Und dass es nicht Schuld der Euregiobahn ist, wenn es zu Verspätungen kommt: „Wir fahren auf gemischten Trassen, auf denen auch ICEs und Güterzüge verkehren. Und die haben im Fall des Falles immer Vorrang.” Im Blick hat Stachowiak auch die Monitore von 35 Kameras entlang der Euregiobahnstrecken, die vornehmlich das Geschehen an Haltepunkten zeigen. „Vandalismus ist eines unserer Hauptprobleme”, seufzt Thomas Fürpeil. Auch der Hauptbahnhof, die neue, hochtechnisierte „Kommandozentrale” der EVS ist rundum mit Kameras bestückt.

Angeregte Fragerunde

Im großen Schulungs- und Besprechungsraum unterm Dach, in dem sonst 50 bis 60 EVS-Partner die Zukunft planen, bieten großflächige Fenster Rundumblick auf das Bahnhofsumfeld. Auf die Berge von Schotter, die hier zwecks Recycling angeliefert werden. Auf die kilometerlangen Gleisstränge, auf denen bis zu 700 Meter lange Güterzüge zusammengestellt und nachts auf die Reise geschickt werden. Klar, dass in der angeregten, informativen Plauderrunde auch das leidige Thema Schrankenschließungszeiten zur Sprache kommt. Christian Hartrampf erklärt, wie sich das aus EVS-Sicht darstellt. Und einige Leser, die zuvor noch vehement protestiert haben, erklären nun ihr Verständnis und zeigen sich versöhnt mit der EVS. Sicher nicht nur der großzügigen Kanapee-Platten wegen, mit denen die Bahnleute ihre Gäste zum Abschluss bewirten.
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