East Air bringt Fracht aus Elend und Hoffnung

Von: Rudolf Müller
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Mittagessen im Friedensdorf Oberhausen. Trotz aller Sprachbarrieren kommt auch Getrud Vögeli mit den Kindern hier bestens zurecht. Foto: Müller
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Mitarbeiter des Friedensdorfs und des Roten Kreuzes nehmen in Düsseldorf die aus Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan, Armenien und Georgien stammenen schwer kranken Kinder in Empfang. Ziel der meisten: das Friedensdorf (r.). Foto: Müller
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Mitarbeiter des Friedensdorfs und des Roten Kreuzes nehmen in Düsseldorf die aus Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan, Armenien und Georgien stammenen schwer kranken Kinder in Empfang. Ziel der meisten: das Friedensdorf (r.). Foto: Müller

Düsseldorf/Eschweiler. Der Himmel über Düsseldorf ist strahlend blau. Es ist Mittwoch, kurz nach 18.30 Uhr. Mit nur vier Minuten Verspätung schwebt die betagte Boeing 737 der East Air aus Tadschikistan über dem Flughafen ein.

14 Stunden Reisezeit liegen hinter der in Qurghonteppa nahe der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe beheimateten Maschine, ihrer Besatzung und Passagieren. Die werden in Düsseldorf mit Spannung erwartet: Dutzende Helfer, Betreuer, Rettungssanitäter und Ärzte des Roten Kreuzes aus fast allen Teilen der Bundesrepublik stehen mit Dutzenden von Rettungswagen und zahlreichen Mitarbeitern des Friedensdorfs Oberhausen bereit, die Passagiere in Empfang zu nehmen.

Krankenhäuser warten schon

Es ist eine ganz besondere Fracht, die mitfliegende Ärzte und Betreuer da in Duschanbe, im afghanischen Kabul, im usbekischen Taschkent und im armenischen Jerewan an Bord genommen haben: Eine Fracht aus Elend und Hoffnung. 100 schwer kranke, schwer verletzte Kinder aus sechs Nationen – auch aus Georgien und Kirgistan sind kleine Patienten an Bord. Kinder, für die es in ihrer Heimat keine medizinische Hilfe und keine Hoffnung gibt. Kinder mit schweren und schwersten Verbrennungen, mit Fehlbildungen, mit Tumoren im Gesicht, mit Schuss- und Minenverletzungen. Kinder, denen die Behandlung in Deutschland ein menschenwürdiges Überleben sichern soll.

Ehe die Rot-Kreuz-Mitarbeiter an Bord gehen dürfen, um die Kinder einzeln ins Freie zu führen – was in den meisten Fällen tragen bedeutet –, nimmt die Bundespolizei die in der äußersten östlichen Cargo-Ecke des Flughafens abseits aller Passagierbereiche geparkte Maschine unter die Lupe. Deutsche Bürokratie machte schon zuvor das Hilfsunternehmen zur Zitterpartie: Bis zuletzt war nicht klar, ob der Transport der Kinder überhaupt stattfinden konnte. „Die Anforderungen der Visastelle in Afghanistan haben sich um ein Vielfaches erhöht“, erklärt Friedensdorf-Mitarbeiterin Jasmin Bongards. „Entgegen früheren Jahren müssen alle Kinder ab dem zwölften Lebensjahr persönlich in der Visastelle der deutschen Botschaft vorstellig werden, um ein Visum zu beantragen.“ Erst am Montag war klar, dass alle Kinder ein Visum erhielten. „Das zerrte ganz schön an den Nerven – nicht zuletzt an den Nerven der afghanischen Familien.“

Deren Kinder sind nun zum ersten Mal allein, ohne Eltern, Geschwister, ohne das vertraute Umfeld. Ohne jedes Gepäck, nur mit dem, was sie auf dem Leib tragen, sind sie unterwegs in einer Welt, die immer wieder Unbekanntes bietet: fremde Menschen, fremde Sprachen, ein Flugzeug, Hightech-Rettungswagen... Die Gesichter der Kinder, die auf den Armen von Rot-Kreuz-Helfern aus der Boeing getragen werden, lassen nur erahnen, was in den Kindern vorgehen mag. Gesichter, die keiner der Beteiligten so schnell vergessen wird. Bemerkenswert: Kaum eines der Mädchen und Jungen weint. Manche lächeln sogar. Und nur der kleine Mann, der so schwer am Rücken verletzt ist, dass er auf einer Vakuummatratze liegend transportiert werden muss, verzieht bei mancher Bewegung das Gesicht vor Schmerzen.

Jetzt ist Eile geboten: Während 63 der Kinder mit Bussen der Oberhausener Stadtwerke ins Friedensdorf gebracht werden, um von dort aus in den nächsten Tagen und Wochen auf Hospitäler in der ganz Deutschland verteilt zu werden, ist der Zustand von 37 der 100 kleinen Patienten ist so, dass sie auf schnellstem Wege in Krankenhäuser gebracht werden müssen. Rund drei Dutzend Rettungswagen und ihre ehrenamtlichen Besatzungen machen sich auf den Weg quer durch die Bundesrepublik. Hin zu Hospitälern, in denen Fachärzte sich bereit erklärt haben, die schwer kranken Kinder unentgeltlich zu operieren. In den meisten Fällen tragen die Krankenhäuser die Unterbringungs- und Verpflegungskosten. Wenn nicht, müssen Spendengelder her.

Die DRK- und BRK-Teams – die meisten aus Solingen und dem bayerischen Ansbach – fahren die Nacht hindurch zu Dutzenden von Hospitälern: nach Parchim an die polnische Grenze, nach Dessau, nach Niebüll im äußersten Norden. Die Aachener Region gehört diesmal nicht zu den Zielen. Doch auch hier werden immer wieder Friedensdorf-Kinder behandelt: im Eschweiler St.-Antonius-Hospital – hier hat Professor Dr. Joachim Steffens schon über 40 dieser Kinder operiert – ebenso wie Professor Dr. Thomas-Alexander Vögeli und Dr. Markus Graf im Medizinischen Zentrum in WürselenBardenberg sowie Dr. Siegfried Grandel und Dr. Karin Groß im Aachener Luisenhospital.

Tonnenweise Hilfsmittel

Drei ihrer kleinen Patienten treten am Samstag mit zahlreichen anderen den Rückflug in ihre Heimat an: nach Georgien, Tadschikistan und Afghanistan. Die Boeing der East Air hat in Düsseldorf auf sie gewartet – in der Zwischenzeit hat das Friedensdorf sie mit Tonnen von Hilfsgütern beladen lassen: Winterkleidung, Medikamente, orthopädische Hilfsmittel. Hilfsgüter, die mit dazu beitragen sollen, die medizinische Versorgung in den Heimatländern der Kinder zu verbessern. Und letztlich dafür zu sorgen, dass die Transporte und Behandlungen in Deutschland unnötig werden. Langfristig soll die medizinisch-technische Ausstattung vor Ort auf einen Stand gebracht werden, der es ermöglicht, die Kinder in der Heimat und im Beisein ihrer Familien gesundzupflegen.

Davon aber ist man trotz jahrzehntelanger Bemühungen noch Lichtjahre entfernt: „Kinder haben uns berichtet, dass selbst schwere chirurgische Eingriffe in Afghanistan an ihnen ohne Betäubung vorgenommen wurden, weil es ganz einfach keine Narkotika gab“, berichtet die Eschweiler Friedensdorf-Mitarbeiterin Gertrud Vögeli, die sich seit 44 Jahren (!) für die Arbeit des „Dorfs“ engagiert. Da kann man sich vorstellen, was sie meint, wenn sie sagt: „Das Schlimmste an diesen Transporten sind die 500 Kinder, die wir jedes Mal zurücklassen mussten.“

Mitarbeiter des Friedensdorfs und ihrer Partnerorganisationen – zum Beispiel des Afghanischen Roten Halbmonds – suchen vor Ort die Kinder aus, die zur Behandlung ausgeflogen werden. Keine einfache Aufgabe: Wer hier sein „Okay“ bekommt, bekommt die Chance aufs Überleben. Und darauf, oft jahrelang ertragenen schlimmsten Schmerzen bald entgehen zu können. Für die anderen ist die Zukunft oft ebenso qualvoll wie ungewiss. Ihr Martyrium geht weiter.

Immerhin: Es ist der 67. Hilfseinsatz, den das Friedensdorf in Afghanistan unternimmt. Zweimal jährlich stehen Flüge von und nach Afghanistan an. Weitere führen nach Angola. Tausenden Kindern konnte so geholfen werden. Und das nicht nur medizinisch, wie Jasmin Bongards betont: „Auch die Erfahrungen der heimkehrenden Mädchen und Jungen sind nicht zu unterschätzen. In Deutschland sind nicht nur ihre Verletzungen und Erkrankungen behandelt worden. Sie haben im Oberhausener Friedensdorf auch erlebt, dass ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen möglich ist. Diese Botschaft werden die Kinder vielleicht in ihre Dörfer und Familien hineintragen.

Es ist einer der unverrückbaren Grundsätze der Friedensdorf-Arbeit: Kinder, die in Deutschland behandelt werden, müssen im Anschluss in ihre Heimat zurückkehren. Kinder aus Vietnam, Kambodscha, Kasachstan, Litauen, Sierra Leone, Rumänien, Angola, Afghanistan, Armenien, Georgien, Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan – viele davon aus Krisen- und Kriegsgebieten – haben hier eine lebenswerte Zukunft bekommen. „Jedes geheilte Kind ist ein Sieg“, sagen die Friedensdorf-Mitarbeiter. Nach der Krankenhausbehandlung kommen die Kinder zur Rehabilitation ins Friedensdorf. Wunden werden versorgt, die Kinder lernen, mit Prothesen zu laufen oder zu greifen, lernen den Umgang mit Medikamenten, die sie später selbst einnehmen müssen. Und – so betonen die Mitarbeiter – in dieser Zeit lernen sie noch etwas ganz Neues: „Sie lernen, ungezwungen und ohne Angst zu spielen. Sie gesunden an Körper und Seele.“

Das alles kostet Geld. Und das ist mehr als knapp im Friedensdorf. Heilfroh ist man dort, dass die teuren Charterflüge seit einigen Jahren durch die Benefizaktion „Sternstunden“ des Bayerischen Rundfunks finanziert werden. Und auch die deutschen Lions-Clubs sind verlässliche Helfer bei der Finanzierung von Unterkunft, Verpflegung und Betreuung der kleinen Patienten: Die neuen Gebäude des modernen Friedensdorfs sind von Lions finanziert worden.

Hier wartet derzeit der achtjährige Sh. aus Afghanistan auf seine weitere Behandlung. Dreimal hat Dr. Graf ihn in Würselen bereits operiert. Auf dem Heimweg von der Schule war der Junge in ein Feuergefecht zwischen Taliban und US-Truppen geraten. Sein rechtes Bein wurde zerschossen. Die Behandlung in Kabul machte alles nur noch schlimmer. Sein Bein begann zu faulen. Jetzt hat er wieder Lebensmut. Auch wenn er am Samstag noch nicht im Flugzeug nach Hause sitzt.

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