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Diskussionsrunde: Wie funktioniert Kommunikation?

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Intensive Diskussion: Moderatorin Malgorzata Müller (rechts) und ihre Gesprächspartner. Foto: VHS

Eschweiler. Mehr als 100 Personen, darunter auch viele Schüler und Migranten, waren in den Ratssaal gekommen, um zu erfahren, wie Kommunikation funktioniert. Veranstalter war die Volkshochschule Eschweiler, in enger Kooperation mit dem Städtischen Gymnasium und der Realschule Eschweiler sowie mit dem HSU (Herkunftssprachlicher Unterricht) der Stadt Düren. Gemeinsam hatten sie Pädagogen zu dieser Podiumsdiskussion eingeladen.

Zunächst wurde ein Film angesehen: Er handelte vom Besuch einer binationalen Klasse (deutsch-polnisch, HSU) aus Düren in Krakau, sowohl in der Fabrik Oskar Schindlers, als auch in Auschwitz-Birkenau. Der Film regte zum Nachdenken über die Funktion und Grenzen der Sprache an.

Malgorzata Müller, Fachbereichsleitung für Sprachen an der Eschweiler VHS, die diese Veranstaltung moderierte, erklärte: „Es ist schwierig, etwas zur Sprache zu bringen, wenn dieses ‚es‘ dem Menschen die Sprache verschlägt oder verschlagen hat. Gerade deswegen darf aber das Ausdrucksmittel, also die Sprache, nicht verkümmern. Ganz im Gegenteil: Man muss versuchen, das Ausdrucksmittel weiterzuentwickeln, die Kommunikation durch Worte und nicht durch Taten weiterzuentwickeln, gerade in schwierigen Situationen. Das ist die Kernaufgabe und bleibt der Kernauftrag eines jeden Erziehungssystems, ob deutsch oder nicht.“

Mehrere Pädagogen, darunter Anna Herling (HSU Düren), Michaela Silbernagel (Direktorin der Realschule Patternhof), Winfried Grunewald (Direktor des Städtischen Gymnasiums), René Hahn (Studiendirektor am Städtischen Gymnasium), Gabi Steyns (Lehrerin am Städtischen Gymnasium), Andreas Balsliemke (stellvertretender Leiter der VHS), Renate Buxbaum-Calin (VHS-Lehrerin) und Wolfgang Rongen (VHS-Schüler) wurden auf dem Podium mit vielen Fragen konfrontiert, etwa: „Welche Gedanken, Empfindungen hat der Film bei Ihnen als Pädagogen hervorgerufen?“

Michaela Silbernagel antwortete: „Ich möchte meinen Respekt aussprechen. Hier kommt zum Ausdruck, was es bedeutet, das Unmögliche mit dem Notwendigen zu verbinden, die Sprachlosigkeit zur Sprache zu bringen. Und das in äußerst bedachter Wortwahl, mit Respekt und Wertschätzung. In besonderer Weise hat mich ergriffen, dass die Schülerin in einer Sequenz den Mut hatte, zu den Opfern zu sprechen. Die Jugendlichen sind hier Bindeglied zwischen der Generation der Überlebenden und der zukünftigen Generation. Wir brauchen unbedingt Filme dieser Art.“

Ist es wichtig, dass die jungen Leute nach Auschwitz fahren? René Hahn dazu: „In Auschwitz rückt die Geschichte nah, das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau lässt einen allein auf Grund seiner Größe sprachlos werden. Auf die Sprachlosigkeit folgt dann das Bedürfnis aller Teilnehmer einer solchen Fahrt, über das Geschehen zu sprechen und viele Fragen zu stellen, wie beispielsweise: ‚Kann das wieder geschehen?‘ Somit ist Auschwitz ein Ort der Erinnerung und des Lernens für die Zukunft. Die Bücher können nicht einmal ansatzweise wiedergeben, welches Grauen Menschen in Auschwitz erleiden mussten.“

Wie wichtig ist es, dass man sich mit der deutschen und sogar europäischen Geschichte als nichteuropäischer Zuwanderer auseinandersetzt? René Hahn: „Die Auseinandersetzung mit dem verbrecherischen NS-System bildet den Kern deutscher und europäischer Identität seit dem Zweiten Weltkrieg. Menschen, die aus fernen Ländern nach Deutschland oder Europa kommen, verstehen das deutsche und europäische Selbstverständnis sowie den Umgang der Generationen miteinander erst, wenn sie für die Problematik der Unterdrückung Andersdenkender und Andersgläubiger in der jüngeren deutschen Geschichte sensibilisiert worden sind.

Vorurteile abbauen

Wie wichtig sind solche Themen für die Integration in unserer Stadt? Winfried Grunewald: „Diesen Ort in das Bewusstsein junger Menschen zu rücken und gegen jede Tendenz des Vergessens, der Leugnung und Verharmlosung des Verbrechens anzukämpfen, muss das Grundanliegen der Erinnerungskultur, gerade bei jungen Menschen, bleiben. Hier kann sowohl der Unterricht an allgemeinbildenden Schulen, wie am Städtischen Gymnasium Eschweiler, das mittlerweile zwei internationale Klassen aufweisen kann, wie auch an der VHS einen wichtigen Beitrag leisten, Vorurteile und Ängste vor dem Fremden abzubauen, Sprachbarrieren zu überwinden und Demokratie, Toleranz und Vielfalt zu leben.“

Wie vermittelt man den Flüchtlingen/Migranten den dunkelsten Punkt der deutschen Geschichte? Renate Buxbaum-Calin: „Mit Bildern. Sprache wird dabei auf ein Minimum zurückgefahren. Die Teilnehmer sind aber keineswegs sprachlos in einem Integrationskurs, im Gegenteil: Nie ist die Motivation, Deutsch zu lernen, höher. Sie suchen nach Wörtern, übersetzen die Texte im Orientierungskurs gegenseitig, versuchen ihre Fragen verständlich zu formulieren und gehen sorgsam mit ihren Antworten um. Ich habe den Eindruck, dass sie in diesen 60 Stunden der deutschen Politik und Geschichte mehr lernen, als in den 600 Deutschstunden davor.“

Bildungsauftrag der VHS

Zum Schluss war man sich einig, dass in der Bildung entsprechende Weichenstellungen erfolgen müssen, um die Zugewanderten vollständig zu integrieren. Andreas Balsliemke betonte, dass sich der Bildungsauftrag der Volkshochschulen in Bezug auf diese Zielgruppe verändern müsse. In Eschweiler besteht die Arbeit der Volkshochschule mittlerweile zu über 50 Prozent aus Integrations- und Deutschkursen. Zwar wird Geschichte zweifellos auch in Deutschkursen vermittelt, aber anders als in der Schule gibt es für erwachsene Einwanderer keinen Geschichtsunterricht und auch sonst keine Fächer, außer Deutsch und gegebenenfalls berufliche Orientierung.

Eine musikalische Annäherung an die Thematik erfolgte schließlich von Daniel Gronsfeld aus der Musikschule Aachen, der mit der Trompete unter anderem „Schindlers Liste“ spielte. Mit großen Applaus bedankte sich das Publikum beim Filmregisseur Ingo Bomblé und der HSU-Lehrerin Anna Herling.

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