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Die Notschlafstelle: Letzter Ausweg vor der Obdachlosigkeit

Von: Michael Grobusch
Letzte Aktualisierung:
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Um Jugendliche vor der Obdachlosigkeit zu bewahren, haben der SkF Stolberg und das Haus St. Josef aus Eschweiler in der Prämienstraße 84 im Herbst 2010 eine Notschlafstelle eingerichtet. Foto: Fotolia
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Täglich werden die Belegungszahlen von Kornelia Stöcker und Holger Christl dokumentiert. Die Entwicklung eines „Falles“ lässt sich oftmals gut an der Nutzungsfrequenz ablesen. Foto: M. Grobusch

Eschweiler/Stolberg. Jasmin ist 18 Jahre alt und macht eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Erst vergangene Woche hat sie Kornelia Stöcker besucht und ihr freudestrahlend davon berichtet, dass sie später einmal als Erzieherin arbeiten möchte. Heute weiß Jasmin ganz genau, was sie will. Doch das war längst nicht immer so.

Als der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Stolberg im Oktober 2010 gemeinsam mit dem Eschweiler Haus St. Josef die erste Notschlafstelle für Jugendliche in der Städteregion Aachen eröffnete, war die junge Frau 15 und gerade wieder mal mit ihrer Familie heftig aneinandergeraten. Die Aufnahme in einer betreuten Wohngruppe kam für sie nicht mehr in Frage, mehrere sozialpädagogisch begleitete Maßnahmen waren zuvor gescheitert.

Was für Jasmin blieb, war die Straße – oder eben die Notschlafstelle. „Sie hat ihre Chance genutzt und sich selbst aus dem Schlamassel gezogen“, kann Stöcker, die das Stolberger Agnesheim und auch die Notschlafstelle in der Prämienstraße leitet, rückblickend feststellen. Die (Re-) Integration in die Gesellschaft ist gelungen.

Prinzip des Abwartens

Ein solcher Erfolg freilich stellt sich längst nicht in jedem Fall ein. Und dennoch steht für Stöcker und den verantwortlichen Gruppenleiter Holger Christl fest, dass sich das Konzept der Einrichtung bewährt hat. „Wer hier ankommt, hat eine ganze Menge Negatives erlebt und schon das Scheitern vieler Maßnahmen hinter sich“, wissen die Beiden um die prekäre Situation, in denen sich die Hilfesuchenden nicht nur unter materiellen Gesichtspunkten befinden. Die Notschlafstelle sei für die Betroffenen nicht die erste, sondern die letzte Anlaufstelle – und der letzte Ausweg vor der Obdachlosigkeit.

Diesem Umstand wird auch in der täglichen Arbeit Rechnung getragen. „Unsere Arbeit beruht auf dem Prinzip der Grundversorgung und des Abwartens“, erklärt Kornelia Stöcker. Geboten werden eine Unterkunft für die Nacht, Abendessen und Frühstück sowie die Möglichkeit zur Körperpflege. Einem pädagogischen Erwartungsdruck sind die Jugendlichen nicht ausgesetzt. „Natürlich stehen wir als Mitarbeiter jederzeit zur Verfügung, drängen aber niemandem ein Hilfs- oder Gesprächsangebot auf“, betont Holger Christl. Das wissen die jungen Menschen oftmals zu schätzen und entwickeln im Laufe ihres Aufenthaltes ein zunehmendes Vertrauen zu den Betreuern.

Ein aktuelles Beispiel hierfür liefert Stefan. Er stammt aus gut bürgerlichen Verhältnissen, hatte keinerlei finanzielle Sorgen und geriet dennoch auf die schiefe Bahn. Nach einer Reihe von kleineren Delikten wurde er schließlich wegen eines Raubüberfalls zu 14 Monaten Jugendvollzug verurteilt. Die sind jetzt beendet, und nach seiner Entlassung hat der 17-Jährige in der Prämienstraße eine vorübergehende Bleibe gefunden.

„Anfangs ist Stefan nur ganz sporadisch bei uns aufgetaucht. Mittlerweile kommt es aber immer seltener vor, dass er nicht hier übernachtet“, hat Holger Christl eine positive Entwicklung ausgemacht. Stefan hat einen Hauptschulabschluss in der Tasche, mit guten Noten. Daran würde Christl gerne anknüpfen und ihm mittelfristig den Zugang zu einer Ausbildungsstelle ermöglichen – unterstützt von sozialpädagogischen Maßnahmen in einer Heimgruppe oder ambulant.

Das vor der Inbetriebnahme runderneuerte Haus verfügt über neun Plätze für 14- bis 17-Jährige, bei besonders großem Andrang kann die Kapazität bis auf zwölf erhöht werden. Die tatsächliche Belegung weist große Schwankungen auf, „aber man kann an nichts ausmachen, wovon diese abhängig sind“, fasst Kornelia Stöcker nach knapp drei Jahren zusammen. So war sie beispielsweise davon ausgegangen, dass die Nachfrage mit Beginn der kalten Jahreszeit steigen würde. Tatsächlich aber wurden die höchsten Belegungszahlen jeweils im Sommer verzeichnet.

Für alle Nutzer gelten strenge Regeln, die Abläufe sind – vom täglichen Öffnen der Notschlafstelle um 17 Uhr über die Essenszeiten und die Nachtruhe bis hin zum Verlassen der Einrichtung spätestens um 9 Uhr – klar festgelegt. Dies wird normalerweise auch akzeptiert, „das Konfliktpotenzial ist sehr gering“, weiß Holger Christl. Das liegt wohl nicht nur am absoluten körperlichen und verbalen Gewaltverbot, sondern auch daran, dass die Jugendlichen freiwillig in die Notschlafstelle kommen. „Und man darf nicht vergessen, dass sie trotz aller Probleme auch immer noch Teenager sind und eine kindliche Seite und eine Sehnsucht nach Zuwendung haben.“

Grundsätzlich müssen die Nutzer der Notschlafstelle über einen Berechtigungsschein verfügen, der vom am letzten offiziellen Wohnsitz zuständigen Jugendheim ausgestellt wird. Angesichts der Erfahrungen aus der Praxis wurde zwischenzeitlich aber mit den Behörden in der Region vereinbart, dass dieser auch nachträglich eingeholt werden kann. Über die Verweildauer in Stolberg und die Gewährung anderer stationärer oder am bulanter Maßnahmen entscheidet letztlich das Jugendamt – in enger Absprache mit den Mitarbeitern der Notschlafstelle.

„Man muss den jungen Menschen Zeit geben. Nur so haben sie die Chance, mit unserer Hilfe eine Perspektive für ihr Leben zu finden“, meint Kornelia Stöcker. Jasmin kann das sicherlich bestätigen. Und vielleicht wird auch Stefan diesen Satz irgendwann unterschreiben können.

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