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Die Not zeigt in Eschweiler viele Facetten

Von: Patrick Nowicki und Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
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Ich will eine Zukunft: Jedes vierte Kind in Eschweiler lebt in Armut. Ein Netzwerk aus Behörden, Vereinen und Verbänden will dem entgegenwirken. Foto: imago/IPON
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Bekam Applaus für einen emotionalen Vortrag: Stefan Graaf. Foto: T. Röber

Eschweiler. Bei so mancher Geschichte stand den Besuchern im Rathaus der Schrecken buchstäblich ins Gesicht geschrieben. „Es gab Kinder, die zu mir sagten, dass sie sich auf den Schwimmunterricht freuen, weil sie dann wenigstens ein Mal in der Woche warm duschen können.“ Rumms.

Was für viele unvorstellbar scheint, ist für jedes vierte Kind in Eschweiler Realität. Denn ein Viertel der indestädtischen Kinder lebt in Armut. Um dem entgegenzuwirken, gründete die Stadt nun das Netzwerk gegen Kinderarmut. Die Auftaktveranstaltung am Mittwochabend im Rathaus lockte rund 80 Interessierte an.

Soziale Ausgrenzung, mangelnde kulturelle Teilhabe, Auswirkungen auf die Gesundheit – die Liste der Folgen von Armut ist lang. Und erschreckend. Aus diesem Grund wollen die Stadt, Institutionen wie die Sozialdienste katholischer Frauen und Männer, der Kinderschutzbund, Kitas, Familienzentren und Vereine künftig noch enger zusammenarbeiten. Kämmerer Manfred Knollmann fasste es zusammen: „Wichtig sind die Akteure vor Ort, die täglich Umgang mit armen oder von Armut bedrohten Kindern haben.“

Erfahrungsberichte gab es reichlich. „Wir erleben Kinderarmut Tag für Tag“, sagte Carmen Rosendahl-Küpper von der SkF-Schuldnerberatung. 80 Prozent der Kinder stammen nach ihrer Aussage aus Familien, in denen die Eltern arbeitslos sind. Ein Teufelskreislauf, aus dem Kinder nicht ohne weiteres herauskommen.

Allein mit einem Netzwerk ist es natürlich nicht getan. Politische Entscheidungen wurden am Mittwoch kritisiert. So sei etwa das Bildungs- und Teilhabepaket auf der einen Seite eine Hilfe, in der Lebensrealität bringe es jedoch ganz andere Probleme mit sich. „Für diese Leistungen muss man sich aber outen“, sagte Stefan Graaf vom Jobcenter der Städteregion Aachen. Sprich: Im unmittelbaren Umfeld erfährt so ziemlich jeder, dass es der betroffenen Familie alles andere als gut geht. In Eschweiler versucht man dies zu vermeiden, wie Thomas Ladwig von der Stadtverwaltung betont.

Einen weiteren Kritikpunkt stellte Carmen Rosendahl-Küpper heraus: „Drei Euro täglich pro Kind für Ernährung – das ist politisch nicht mehr vertretbar.“ So hoch ist der Betrag angesetzt, der arbeitsuchenden Eltern für die Ernährung ihrer Kinder zusteht. Bei einem Kind bis zu sechs Jahren beläuft sich die monatlich zur Verfügung stehende Summe auf insgesamt 224 Euro.

Die Folgen davon sieht etwa Sigrid Greven jeden Tag. Sie ist Leiterin des Familienzentrums an der Jahnstraße. Es beginne bereits beim Frühstück. „Die Kinder haben Toastbrot mit, weil es so billig ist“, sagte sie und ergänzte: „Wir haben Kinder, die jetzt noch Waffeln vom Rosenmontagszug, mit Butter bestrichen, als Frühstück mitbringen.“ Angebote für Eltern und Kinder seien daher immens wichtig. Im Familienzentrum Jahnstraße gibt es daher ein Mal pro Woche ein Frühstücksbuffet für die Kinder. Angebote für Eltern wie Kochkurse zeigen, günstig und gesund Mahlzeiten zuzubereiten.

In der Grundschule setze sich der Armutstrend nahtlos fort. Dieter Cremer war viele Jahre Grundschulleiter, jetzt ist er Vorsitzender des Sozialdienstes Katholischer Männer. Es beginne bei fehlenden Arbeitsmaterialien bis hin zu schlechtem Schuhwerk. Die Teilnahme an Ausflügen sei ebenso ein Problem. Nicht zu vergessen die Gesundheit. Viele der Kinder haben zum Beispiel Karies. Und dann erzählte Cremer eine weitere Geschichte. So habe eine Familie mit derzeit drei Kindern (das vierte ist unterwegs) im Winter drei Monate ohne Strom leben müssen, da sie die Rechnung nicht bezahlen konnte. Mehrere Kinder zu haben sei in Deutschland ein „Armutsrisiko“, ergänzte Carmen Rosendahl-Küpper.

Hoffnungslosigkeit

Für Sigrid Greven steht fest: „Wir müssen laut werden und Chancengerechtigkeit schaffen. In vielen Familien herrscht Hoffnungslosigkeit, und in dieser fatalen Situation wachsen die Kinder dann auf.“ Alleine schaffen die Betroffenen oft nicht aus dem Armutssumpf: Vertrauen zu den Eltern aufbauen und sie in ihrer Not ernstnehmen, nennt Mariethres Kaleß, Vorsitzende des Kinderschutzbundes deswegen als eine zentrale Aufgabe. „Denn die Eltern sind die Vorbilder ihrer Kinder.“ Kurse und Angebote folgen darauf.

Die Behörden selbst treffen oft auf eine Mauer des Schweigens. „Wir haben da ein kleines Imageproblem“, sagte Stefan Harter, Mitarbeiter Soziale Dienste des Jugendamtes. Vielfach funktioniere die Zusammenarbeit schon, aber man müsse alle einbinden. Im Netzwerk sollen nun konkrete Arbeitsgruppen entwickelt werden, um die Folgen der Kinderarmut zu dämmen.

Das Schlusswort blieb Stefan Graaf vorbehalten: „Kinder sind unsere Zukunft, und die Zukunft darf uns nicht zu teuer sein.“

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